Holocaust-Forschung
Übersicht:
2001
September
2001
-
Allgemeine Jüdische Wochenzeitung,
26.09.2001: Wille zum Mord /
Christopher
Brownings Analyse der Entscheidungsmechanismen der „Endlösung“
Mai
2001
-
AurorA-Bücher-Info,
26.05.2001: Christoph Kopke (Hrsg.) / Medizin und Verbrechen
-
Allgemeine Jüdische Wochenzeitung,
25.05.2001: Pionier / Der Holocaust-Forscher Raul Hilberg wird 75
März
2001
-
ZAG /antirassistische Zeitung
Nr. 38, 03.2001: Das Arbeitserziehungslager Ohrbeck bei Osnabrück
Januar
2001
-
Westfälische Forschungen
50/2000, 01.2001: Caroline Wagner: Die NSDAP auf dem Dorf /
Eine
Sozialgeschichte der NS-Machtergreifung in Lippe
2000
Januar
2000
- GedenkstättenRundbrief Nr. 93, 01.2000:
Christian Frederik Rüter: Justiz und NS-Verbrechen“ /
Eine einzigartige
Quelle
1999
August
1999
- haGalil,
07.08.1999: Sonderkommando Auschwitz: Wir weinten tränten tränenlos /
Interview mit Gideon
Greif, dem ´Sonderkommando-Forscher` Nr. 1
1998
August
1998
-
Frankfurter Rundschau,
14.08.1998: Quantensprünge der Radikalität /
Das politische Buch:
Christopher Browning über NS-Täter
2001
September
2001
„Allgemeine
Jüdische Wochenzeitung“, 26.09.2001
Wille
zum Mord
Christopher Brownings Analyse der
Entscheidungsmechanismen der „Endlösung“
Ludger Heid
Schon wieder
ein Buch über den „Holocaust“?, wird sich mancher fragen. Wo doch inzwischen
ganze Bibliotheken mit einem Fundus seriöser Literatur bestückt sind (plus
einer Reihe Titel, auf die man gut und gerne verzichten könnte, ja müsste). Wer
so fragt, übersieht, dass das Thema „Endlösung“ nach Jahrzehnten akademischer
Marginalisierung erst seit etwa fünfundzwanzig Jahren Objekt akademischer
Forschung ist. Allerdings hat sich in den letzten Jahren das Tempo, in dem
diese Forschung vorankommt, derart beschleunigt, dass die Historiker selbst
kaum noch Schritt halten können.
Christopher
Browning war es, der wesentlich zu diesem Fortschritt beigetragen hat. Seine
Untersuchung Ganz normale Männer, eine Fallstudie über das
Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, weist ihn als einen
der bedeutendsten Kenner der Materie aus. In den Mittelpunkt der vorliegenden
Publikation stellt Browning drei Komplexe: Erstens, die Entscheidungsfindung
und die politischen Weichenstellungen im Nervenzentrum des NS-Regimes, die zur
„Endlösung“ führten, dem systematischen Versuch, alle innerhalb des deutschen
Zugriffsbereichs befindlichen Juden zu ermorden; zweitens, der zeitweise
Einsatz jüdischer Arbeitskräfte, der mit der ideologischen Festlegung des
Regimes auf die vollständige Vernichtung des Judentums potentiell kollidierte,
ihr aber eindeutig untergeordnet war, und die Folgen für diejenigen unter den
Opfern, deren Lebensfrist dadurch um eine begrenzte Zeit verlängert wurde;
drittens schließlich die Einstellungen, Motivationen und Wandlungen der
„gewöhnlichen“ Deutschen, die die Vernichtungspolitik an Ort und Stelle
vollstreckten.
In Ganz
normale Männer war Browning zu dem Schluss gelangt, dass eine bedeutende
Minderheit dieser gewöhnlichen Deutschen im Zuge einer durch ihr eigenes Tun
bewirkten Persönlichkeitsveränderung zu passionierten Mördern wurden, dass es
andererseits eine kleinere Minderheit gab – mehr als zehn, aber weniger als
zwanzig Prozent umfassend -, die versuchte, sich der direkten Beteiligung am
Töten zu entziehen, aber in aller Regel bereit war, andere Aufgaben zu
übernehmen, die praktisch auf Beihilfe zu den Mordaktionen hinausliefen. Für
seine neue Untersuchung hat Browning bislang unbekannte Dokumente aus
holländischen Archiven zutage gefördert, die ihn zu einer partiellen Korrektur
an seinen früheren Aussagen zwingt: Einige der passionierten Judenmörder wurden
zwar in der Tat durch die Situation, in die sie hineinversetzt wurden, in ihrer
Persönlichkeit verändert. Viele jedoch waren ideologische Überzeugungstäter,
von Anfang an bereit und willens, Juden zu töten; ihr Verhalten wurde nicht
maßgeblich durch situative, organisatorische oder institutionelle Faktoren
geprägt.
Eine Anmerkung
zum Schluss: Der deutsche Titel des Buches lautet Judenmord. Verglichen
mit semantischen Konstruktionen wie „Holokaust“ ist das die politisch und
historisch korrektere Benennung des Sachverhalts. Die Präzision des
amerikanischen Originaltitels freilich erreicht es nicht: Der hätte in
Deutschland in gewissen Kreisen sicherlich heftigste Empörung ausgelöst: Nazi-Policy:
Jewish Workers, German Killers.
Christopher R. Browning: Judenmord. NS-Politik. Zwangsarbeit und das
Verhalten der Täter. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, 284 S., 49,90 DM.
Mai 2001
„AurorA Bücher-Info“, 26.05.2001
Christoph
Kopke (Hrsg.)
Medizin
und Verbrechen
Die Autoren
und Autorinnen dieses Sammelbandes sind Wissenschaftler und
Wissenschaftlerinnen aus Medizin, Politikwissenschaft, Historiographie und
Rechtswissenschaft.
Im Zentrum der
Beiträge steht die Medizin im Nationalsozialismus, ihre verbrecherische Seite,
ihre Vorgeschichte und weiterwirkende Kontinuitäten.
Es sind
Studien zu Rassismus, Antisemitismus und zur Vorurteilsbildung; zur
Wissenschaftspolitik im Nationalsozialismus; zur medizinischen „Versorgung“ von
Zwangsarbeitern; zu medizinischen Verhältnissen, Haftbedingungen und
Menschenversuchen in den NS-Konzentrationslagern; zur Stigmatisierung von
Homosexualität und der Verfolgung von Homosexuellen.
Und
schließlich geht es um die – euphemistisch „Euthanasie“ genannten – Morde an
den psychisch Kranken, den Menschen mit Behinderungen und den alten Menschen,
sowie um die strafrechtliche Ahndung der „Euthanasie“ in beiden deutschen
Nachkriegsstaaten.
Die
Publikation erscheint anlässlich des 60. Geburtstages des Medizinhistorikers
Walter Wuttke. Damit wird zugleich ein Wissenschaftler geehrt, der zu Recht als
einer der Pioniere der kritischen Erforschung und Aufarbeitung der
NS-Medizingeschichte in Deutschland gilt.
Klemm &
Oelschläger / 2001 / 320 S. / 49,80 Mark
„Allgemeine
Jüdische Wochenzeitung“, 25.05.2001
Pionier
Der
Holocaust-Forscher Raul Hilberg wird 75
Ludger Heid
Dass das Thema
Holocaust oder – wie er es präziser ausdrückt – „Judenvernichtung“ im
Bewusstsein der Gegenwart verankert ist, das ist im wesentlichen Raul Hilbergs
Verdienst, ebenso, dass heute in den USA Holocaust-Forschung ein etabliertes
universitäres Fach ist. Er war es als Erster, der dieses Subjekt zum Objekt
akademischer Forschung gemacht hat – fast ganz alleine und gegen große
Widerstände: Lange Zeit konnte der Pionier der wissenschaftlichen Aufarbeitung
des Judenmords keinen Verlag finden, der sein inzwischen als Klassiker
anerkanntes dreibändiges Werk Die Vernichtung der europäischen Juden (deutsch
bei Fischer) veröffentlichen, und keine wissenschaftliche Zeitschrift, die es
besprechen wollte. Besonders lange dauerte es in Deutschland, bevor Hilberg
„entdeckt“ wurde, auch nachdem er in der angelsächsischen Welt schon längst als
Koryphäe galt.
Raul Hilberg
wurde am 2. Juni 1926 in Wien geboren. Mit seinen Eltern flüchtete er dreizehnjährig
aus dem ins Großdeutsche Reich „heimgeholten“ Österreich über Kuba in die USA.
Als neunzehnjähriger GI kam er 1945 mit der US-Army nach Deutschland und
entdeckte in München die in Kisten verpackte Privatbibliothek Hitlers. Seither
hat die wissenschaftliche Beschäftigung mit der dunkelsten Seite des
Nationalsozialismus Hilberg nicht mehr losgelassen. Er studierte bei dem
ebenfalls exilierten Franz Neumann, der großen Einfluss auf sein Denken hatte.
1948, begann Hilberg, die nationalsozialistische „Endlösung“ systematisch zu
erforschen. Die Ergebnisse seiner Studien veröffentlichte er erst dreizehn
Jahre später (1961) unter dem Titel The Destruction of the European Jews in
Chicago. Die erste deutsche Übersetzung seiner Arbeit erschien 1982 im Berliner
Kleinstverlag Olle & Wolter, ohne sonderliche publizistische Aufmerksamkeit
zu erregen. Erst die bei Fischer erschienene dreibändige Fassung brachte den
Durchbruch beim Publikum. Seitdem gilt diese stoffreichste Gesamtdarstellung,
die es je zum Judenmord gab, als Standardwerk – detailversessen,
quellengesättigt, präzise.
Und
umstritten: Einige jüdische Kritiker hielten Hilberg vor, in seinem Hauptwerk
den jüdischen Widerstand gegen die Shoa vernachlässigt, ja verleugnet zu haben.
Diese heftige Kritik, wie sie in Deutschland vor allem Arno Lustiger formuliert
hat, übersah freilich, dass der jüdische Widerstand nie Gegenstand von Hilbergs
Forschung war (er streifte ihn folglich nur am Rande). Sein Quellenmaterial
stützte sich weitgehend auf die Täter. Und doch scheint ihm selbst die
ausschließliche Täterperspektive zu einfach gewesen zu sein. Wohl deshalb nahm
er mehr und mehr die Opfer und diejenigen in den Blick, die dabeistanden, die
anwesend waren, ohne teilzunehmen. Täter, Opfer, Zuschauer erschien
1992, wobei die Übersetzung „Zuschauer“ Hilbergs ursprüngliches Wort
„bystanders“ nur unzureichend übersetzt: gemeint sind nämlich all diejenigen,
die nicht hin, sondern weg sahen. 1994 erschien, ebenfalls bei Fischer,
Hilbergs Autobiographie Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines
Holocaust-Forschers. In der nunmehr abflauenden Finkelstein-Debatte gehörte
der als Emeritus für Politikwissenschaft in Burlington/Vermont lebende Hilberg
mit seinen moderat-differenziert vorgebrachten Argumenten zu den wenigen, die
dem umstrittenen und gescholtenen Kollegen Norman Finkelstein verhalten zur
Seite sprangen.
März
2001
„ZAG
/ antirassistische Zeitung“ Nr. 38, 03.
2001
Das
Arbeitserziehungslager Ohrbeck bei Osnabrück
Das
Arbeitserziehungslager Ohrbeck war eines von über 100 AZ-Lagern, die während
des 2. Weltkrieges im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten von der
Gestapo eingerichtet waren. Sie sollten dem Zweck dienen, ausländische
Arbeiter, die für die deutsche Kriegswirtschaft Zwangsarbeit leisteten, zu
disziplinieren und ihren Widerstandswillen zu brechen. Die weitgehend
verschüttete Geschichte dieses Lagers hat Volker Issmer im Zuge mehrjähriger
Recherchen wieder ans Tageslicht gebracht. Es gelang ihm, durch Auswertung der
sogenannten Gestapo-Kartei im Niedersächsischen Staatsarchiv und Abgleichen mit
der Fremdarbeiter-Kartei der Klöckner-Werke Georgsmarienhütte über tausend
Namen nebst Daten ehemaliger Häftlinge des AZ-Lagers nachzuweisen und
Überlebende zu finden. Inmitten der Diskussion um die Entschädigung für
Zwangsarbeiter zeigt diese reich beschilderte Dokumentation exemplarisch auf,
wie in diesem Lager mehr als 2000 Häftlinge aus fast 20 Nationen an Hunger,
Kälte, Erniedrigung, Krankheit, Schlägen und Folter litten, wie mindestens 100
ihr Leben durch die unmenschlichen Bedingungen verloren und durch ihre
Zwangsarbeit die Kriegswirtschaft funktionsfähig hielten.
Issmer,
Volker, Das Arbeitserziehungslager Ohrbeck bei Osnabrück, Landschaftsverband
Osnabrücker Land e.V., Osnabrück 2000, 535 S., 38,00 DM
Januar
2001
„Westfälische
Forschungen“ 50/2000, 01. 2001
Caroline
Wagner: Die NSDAP auf dem Dorf.
Eine
Sozialgeschichte der NS-Machtergreifung in Lippe
(Veröffentlichungen
der Historischen Kommission für Westfalen XXII A/Geschichtliche Arbeiten zur
westfälischen
Landesforschung.
Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Gruppe 11).
Verlag
Aschendorff, Münster 1998. 285 S., geb., DM 58,-.
Willi Oberkrome
Die
Aufmerksamkeit der NS-Forschung richtet sich seit einigen Jahren vermehrt auf die
Gesellschaftsgeschichte des ´flachen Landes’, d.h. auf die Bedingungen
nationalsozialistischer Herrschaft in den agrarischen, dörflichen und
kleinstädtischen ´Lebenswelten` abseits der Metropolen und industriellen
Ballungsgebiete. Das heuristische Rüstzeug der einschlägigen Studien ist
zumeist sozial- und politikwissenschaftlichen Milieutheorien entnommen. Die
erkenntnisleitenden Interessen folgen vielfach – und aus gutem Grund – den
Anregungen des vom Münchener Institut für Zeitgeschichte durchgeführten
´Bayern-Projekts`. An seine Vorgaben mehr oder weniger deutlich anknüpfend,
haben Historiker/innen wie Jeremey Noakes, Cornelia Rauh-Kühne, Wolfram Pyta,
Oded Heilbronner u.a. bemerkenswerte Publikationen über die Machtentfaltung in
der deutschen Provinz vorgelegt. Diese Studien stellen relativ übereinstimmend
fest, dass die ´braune `Penetration und Einfärbung der ´abgelegenen `Räume
erfolgreich, wenn auch nicht ohne spezifische Brechungen und retardierende
Momente verlief. Teilweise bewies die Landbevölkerung einen von außen schwer zu
beeinflussenden Eigensinn, der, im Sinne Martin Broszats, ein beträchtliches
´Resistenz`-Potential bereithalten konnte.
Caroline
Wagners – aus einer 1992 abgeschlossenen Münsteraner Dissertation
hervorgegangene – sozialgeschichtliche Untersuchung des politischen
Kräftespektrums in vier lippischen Dörfern zwischen 1933 und 1939 lotet die
Fundamente und Ausdrucksformen dieser ´Sperrigkeit` aus. Das Buch geht den
Fragen nach, „weshalb, mithilfe welcher sozialer Gruppen und mit welchen
Methoden es der NSDAP gelang, die Provinz zu durchdringen, bzw. warum sie ihre
Ziele nicht vollständig erreichen konnte“ (S. 14). Einleitend wird die
sozioökonomische Rückständigkeit des Freistaats Lippe skizziert. An ihm waren
die industriewirtschaftlichen, technisch-infrastrukturellen Innovationen des
19. Jahrhunderts mit ihren umwälzenden sozialen Effekten beinah folgenlos
vorbeigegangen. Das ehemalige Fürstentum blieb im Großen und Ganzen
kleingewerblich-handwerklich, vor allem aber bäuerlich geprägt. In den
hauptsächlich von früheren Kötter- oder Einliegerfamilien bewohnten Dörfern und
Gemeinden bestimmte eine überkommene Oligarchie von wohlhabenden Bauern das
gesellschaftliche und politische Geschehen. Ihre Hegemonie blieb in der
Weimarer Republik nahezu unangetastet. Die in sämtlichen Vergleichskommunen
erwiesene Beharrungskraft der lokalen Eliten reflektierte die geradezu
´vormoderne` Immobilität der dörflichen Gesellschaft. Sie war traditionell auf
sich selber bezogen, von schweren inneren Konflikten zerrissen, aber doch fest
abgeschirmt gegen das Eindringen des ´Fremden`, ´Neuen`, ´Unbekannten`. Die
ortsinterne Kommunikation verlief, wie die lokalistische „Vergemeinschaftung“
der Einwohnerschaft überhaupt, eher nonverbal, symbolisch und rituell als
reflektiert; nach wie vor hatten sich individuelle Interessen
sozialhierarchisch eingefahrenen Familientraditionen unterzuordnen.
Spätestens die
Agrarkrise der zwanziger und frühen dreißiger Jahre erschütterte die erstarrte,
regulierte ´Welt` des Dorfes, ohne sie jedoch substantiell zu verformen. An den
Wahlergebnissen ließ sich seit 1929 gleichwohl die allmählich brodelnde
Unzufriedenheit des ´Landvolks` ablesen. Von ihr profitierte vorrangig die
NSDAP, die nach 1933 auch auf der „Ortsgruppenebene“ zur ´Machtergreifung`
antrat. Ihre politischen Ziele erstreckten sich auf die Durchsetzung des
„Führungsgedankens“, auf die Verwirklichung eines diffusen, antibürokratischen
Konzepts der „Menschenführung“, auf den Ausbau eines geschlossenen Kontroll- und
Organisationssystems sowie auf die „umfassende Präsenz“ der Partei im lokalen
„Alltag“ (vgl. S. 63, 72). Die vorwiegend jüngeren, nach 1900 geborenen
Parteimitglieder erhofften sich ihrerseits einen generationellen und nicht
selten auch sozialen Wechsels in den dörflichen Führungsgruppen. Insofern waren
an den ´Führerstaat` durchaus Modernisierungserwartungen geknüpft.
Dafür, dass
diese ebenso zögerlich und unzureichend erfüllt wurden wie das ehrgeizige
Herrschaftsprogramm der Partei, macht Wagner zwei Ursachen geltend: Zum einen
verweist sie auf die Struktur der örtlichen NSDAP-Nomenklatura, die sich aus
dem ländlichen ´Mittelstand` rekrutierte. Die Funktion des Ortsgruppen- und
Stützpunktleiters, des Zellen- und Blockwarts wurde in erster Linie von Gastwirten,
Handwerkern und Vertretern des mittleren Bauerntums ausgeübt. So sehr diese
Kader den Glanz ihrer ungewohnten Macht genießen mochten, so wenig waren sie
Jakobiner der völkischen Revolution. Statt mit manichäischem Eifer in die
Parteiarbeit einzugreifen, Schulungskurse abzuhalten und die Dorfgemeinschaft
regimespezifisch zu mobilisieren, gingen sie für gewöhnlich ihrem
professionellen Tagewerk nach. Die berufliche Abkömmlichkeit der neuen
Amtsträger war in der Tat gering. Im Übrigen reichte ihr politische Weitblick
nur selten über die Grenzen des eigenen Sprengels hinaus. Das politische
Handeln blieb parochial beengt. Es folgte, z.B. in der systematischen
Ausgrenzung der Unterschichten, längst ausgewalzten Bahnen. Das gilt cum grano
salis auch für die Gemeinde Sonneborn, wo die Ablösung der älteren bäuerlichen
Entscheidungsträger durch die eigenen nationalsozialistischen Söhne singulär
erfolgreich verlief.
Ansonsten, so
bemerkt die Autorin zum zweiten, kam der angestrebte Elitenwechsel lediglich
schleppend voran. Die althergebrachte „Verknüpfung“ von Grundbesitz und
kommunaler Herrschaft ließ sich kaum ohne weiteres auflösen. Nicht nur im
erzkonservativen Donop trat der Bürgermeister nach 1933 kurzerhand der NSDAP
bei, um die nationalsozialistischen Parvenus im ´gleichgeschalteten`
Gemeinderat ausbooten und in letztlich gewohnter Weise weiter regieren zu
können. Die Dominanz des großen Hofbauerntums bestand auch in der – ihrer
Konfessionalität ungeachtet – stark nazifizierten Diasporagemeinde Grevenhagen bis
zum Kriegsbeginn fort. Zu Recht wird diese Behauptungskraft des Establishments
auf ererbte Loyalitätsmuster, mithin auf Wert- und Verhaltensnormen
zurückgeführt, die in der spezifisch verdichteten und unentrinnbaren
Öffentlichkeit des Dorfes von alters her gewachsen sind. Sie bestimmen immer
noch die hegemoniale ´politische Kultur` der Ortschaften. Der bäuerliche
Prestige- und Einflusssicherung kam obendrein ein stabiles, familiär
grundiertes Beziehungsgeflecht zugute, welches einmal mehr erkennen ließ, dass
Blut in der Regel dicker ist als die Druckerschwärze in Parteibüchern.
Caroline Wagner hat die vielfältigen
Konfliktlinien zwischen den nationalsozialistischen „Habenichtsen“ und der
´spezifisch resistenten` bäuerlichen Besitzaristokratie plausibel ausgeleuchtet
und luzide dargestellt. Dennoch lässt ihre Studie einige nicht ganz
unwesentliche Aspekte der nationalsozialistischen Durchdringung des Landes
unbehandelt. Dazu zählt im Wesentlichen die bereits im ´Dritten Reich`
vorgezeichnete ´Revolution des Dorfes`. Sie wurde einerseits von Tendenzen zur
umfassenden Flurbereinigung, zur Mechanisierung der Arbeitswesen, zur
Technisierung der landwirtschaftlichen Betriebe angekündigt. Andererseits
vollzog sie sich im Projekt einer ambitionierten, NS-adäquaten Modernisierung
der Dorfkultur, die maßgeblich von der ´Kraft-durch-Freude`-Organisation in
Angriff genommen werden sollte und – dafür stehen lippische Beispiele – in
Angriff genommen wurde. Die auf Indoktrination und ´Wehrhaftmachung`
abzielenden Innovationen der KdF konzentrierten sich, stichwortartig verkürzt,
auf sonntägliche Spielfilmvorführungen, auf die Einrichtung ländlicher
Volksbibliotheken, auf den Ausbau von Gemeinschaftshäusern, HJ-Heimen,
Sportplätzen, Schwimmbädern und – nicht zu vergessen – Wohnungen mit
Zentralheizung und Duschgelegenheit. Zudem wollte man den landsässigen
´Volksgenossen` Reisegelegenheiten eröffnen, Theater- und Konzertbesuche
ermöglichen usw. Natürlich blieben diese Absichten meistens Makulatur. Aber sie
standen als sichtbare Menetekel an den Wänden einer dörflichen Sozialordnung,
die ihren klassischen Hütern und ´obersten` Repräsentanten zu entgleiten
drohte.
Detmold /
Willi Oberkrome
Anmerkung der
AG Fossoli:
In diesem Buch
wird auch ausführlich die NS-Entwicklung in Veldrom aufgezeigt, wo Titho von
1911 bis 1936 aufgewachsen ist.
2000
Januar
2000
„GedenkstättenRundbrief“
Nr. 93, 01. 2000
Christian
Frederik Rüter: „Justiz und NS-Verbrechen“
Eine
einzigartige Quelle
Heiner Lichtenstein
„Als braver juristischer Handwerksmann habe
ich vor der Abreise aus Berlin einige Kisten vollgepackt mit Telefon- und
Adressbüchern. Das andere haben die Nazis ja in ihren Reden und Aufsätzen
selbst geliefert, so dass es gar nicht schwierig war, noch in den USA die
Anklageschriften vorzubereiten“ schilderte der spätere stellvertretende
US-Ankläger in Nürnberg, Rechtsanwalt Dr. Robert Kempner, die Vorgeschichte des
ersten großen Nürnberger Strafverfahrens gegen die Spitzen des Nazistaates. Das
Hauptverfahren dauerte ein Jahr – vom Herbst 1945 bis zum Herbst 1946. Es war
der erste Strafprozess eines internationalen Tribunals wegen Kriegsverbrechen
und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wobei wirkliche Verbrechen nur eine
untergeordnete Rolle spielten. Juristisch werden Kriegsverbrechen bei Kämpfen
begangen, oft im Affekt und unter außergewöhnlichen Umständen. Deshalb
verjähren sie auch nach relativ kurzer Zeit. Im Mittelpunkt des Nürnberger
Prozesses standen der Völkermord, die Angriffskriege, Befehle zum Massenmord
besonders in der UdSSR und ähnliche gigantische Verbrechen. Dennoch nannten die
alliierten Richter und Ankläger das Verfahren „Prozess gegen die
Hauptkriegsverbrecher“. Selbst in modernen Lexika wird der erste Nürnberger Prozess
noch als Kriegsverbrecherprozess geführt.
Gegner dieses Säuberungsprozesses
missbrauchten die sprachliche Ungenauigkeit später jahrzehntelang zu Polemiken
gegen die bundesdeutsche Justiz. Sie behaupteten schlicht, nur in der BRD
würden noch Kriegsverbrechen verfolgt, und zwar gegen das Gesetz, weil
Kriegsverbrechen weltweit längst verjährt seien. Wann es semantisch genauer
zuzugehen begann, ist heute nicht mehr genau auszumachen. Spätestens 23 Jahre
nach Nürnberg jedenfalls hatten sich die Begriffe „NS-Prozesse“ und
„NS-Verbrechen“ durchgesetzt. Das Jahr 1968 kann man deshalb so genau
bestimmen, weil damals der erste Band einer neuen Reihe erschienen ist mit dem
Titel „Justiz und NS-Verbrechen, Sammlung deutscher Strafurteile wegen
nationalsozialistischer Tötungsverbrechen“.
Im vergangenen Herbst gab es nun in
Ludwigsburg bei Stuttgart einen wissenschaftlichen Kongress zum Thema
„NS-Prozesse“. Anlass war der Jahrestag der Gründung der „Zentralen Stelle der
Landesjustizverwaltungen“ zur Aufklärung von NS-Verbrechen im Herbst 1958.
Experten aus zahlreichen Ländern blickten zurück auf die Zeit der NS-Prozesse,
die mittlerweile zu Ende geht. Mutmaßliche Täter und Opfer sind zu alt, um
Hauptverhandlungen noch durchzustehen. Die Zeit ist also endgültig vorbei, da
vor allem junge Leute Gelegenheit hatten und sie auch nutzten, in Gerichtssälen
zu hören, welche Verbrechen Deutsche in fast ganz Europa zwischen 1939 und 1945
begangen haben.
Dass es dennoch möglich bleibt,
Hintergründe und Fakten der schlimmsten Verbrechen zu erfahren, verdankt die
Welt dem Mann, der eben 1968 begonnen hat, die Reihe „Justiz und NS-Verbrechen“
herauszubringen: dem niederländischen Juristen C.F. Rüter. Der hatte zunächst
für private Zwecke bereits 1962 damit begonnen, Urteile deutscher Gerichte
wegen NS-Tötungsverbrechen zu sammeln. Als im Herbst 1966 der Deutsche
Juristentag in Essen sich eingehend mit der Problematik von NS-Prozessen
befasste, konnte er einerseits auf Rüters Sammlung zurückgreifen, andererseits
erkannten die Richter, Staatsanwälte, Advokaten und Verwaltungsjuristen, dass
ein großer Teil der Dokumente verloren zu gehen drohte. Es stellte sich nämlich
heraus, so Rüter 1968, „dass manche Urteile gar nicht mehr vorhanden waren, und
dass andere, insbesondere gerade solche von größerer Bedeutung, infolge der
schlechten Papierqualität der Nachkriegszeit und durch die bei häufiger
Aktenversendung unvermeidlichen Beschädigungen teilweise unleserlich geworden
waren“. Außerdem stand zu befürchten, dass trotz der Anweisungen, NS-Urteile
als historisch wertvoll stets aufzubewahren, diese „in späteren Jahren
vernichtet werden würden“
.
Die Zeit drängte, und Rüter beschloss
gemeinsam mit Adelheid Rüter-Ehlermann zu versuchen, zumindest die Urteile
wegen Tötungsverbrechen zu publizieren, um sie schlicht und einfach zu retten.
Deutsche Behörden und Regierungen hatten nämlich zu jener Zeit längst wichtige
Dokumente über die NS-Zeit vernichten lassen – so die Entnazifizierungsakten
ehemaliger Polizisten, um sie wieder einstellen zu können. Rüter suchte Helfer,
Geld und einen Verlag. Geld und Helfer fand er in der Bundesrepublik und in den
Niederlanden, einen Verlag nirgendwo, bis sich in Amsterdam einige Verlage
zusammentaten, um das gewaltige Projekt auf den Weg zu bringen. Immerhin ging
es um bis zu 50 Bände mit jeweils um die 800 Seiten auf hochwertigem Papier. An
der Spitze der deutschen Redaktion stand der hessische Generalstaatsanwalt
Fritz Bauer, der „sich bereits, bevor der Gedanke einer Veröffentlichung
aufkam, mit der ihm eigenen Energie bei der Sammlung helfend einsetzte“, wie
Rüter in der Einleitung zum ersten Band schrieb. Er sei ein „hochgeschätzter
und nie versagender Freund und Ratgeber“ gewesen. Außer Bauer gehörte auch der
Bonner Historiker Karl-Dietrich Bracher zur Redaktion. Auf niederländischer
Seite konnte Rüter u.a. Ch.J. Enschede, Amsterdam, G.E. Langemeijer und C.
Offringa, Leiden, gewinnen.
Entgegen allgemeinen Erwartungen wurde Rüter
hierzulande auf Bundes- und Länderebene unterstützt, er durfte jedoch nur die
Namen derjenigen voll ausschreiben, die „zum Tode oder zu Zuchthausstrafen
verurteilt worden waren“. Die Redaktion, so Rüter, hielt 1968 „diese
Beschränkung für begründet“. Schließlich gehe es darum, „die berechtigten
Interessen des Persönlichkeitsschutzes der Verfahrensbeteiligten zu wahren“.
Im ersten NS-Prozess Anfang September 1945
vor dem Landgericht Gießen waren fünf Männer angeklagt, nach der Befreiung
eines Dorfes in Hessen durch US-Truppen einen Dorfbewohner durch Genickschuss
ermordet zu haben, weil der Mann gut mit den Besatzungssoldaten auszukommen
schien. Darin sahen sie als „gute Nationalsozialisten“ Verrat am Vaterland.
Verurteilt wurden sie jedoch nicht wegen Mordes, sondern nur wegen Totschlags
und Beihilfen zu diesem Verbrechen zu Strafen zwischen vier Jahren
Jugendgefängnis und 15 Jahren Zuchthaus.
Im November 1981 legten Rüter und sein Team
Band 22 vor. Das letzte damals veröffentlichte Urteil erging gegen einen Mann,
dem das Publikum in einem der folgenden Bände erneut begegnen wird:
SS-Obersturmführer (Oberleutnant) Arnold Strippel. In dem NS-Prozess vor dem
Landgericht Frankfurt a.M. Ende 1969/Anfang 1970 ging es um ein lebenslanges
Urteil gegen Strippel wegen Morden im KZ Buchenwald bei Weimar. Das neue
Gericht hob das alte Urteil auf und schickte Strippel nur für sechs Jahre ins
Zuchthaus, das es damals noch gab. Da Strippel die verbüßte Straf- und U-Haft
angerechnet wurden, stand er fünf Jahre später dem Landgericht Düsseldorf
wieder zur Verfügung – wegen Verbrechen im Konzentrations- und
Vernichtungslager Majdanek nahe dem polnischen Lublin.
Die Majdanek-Urteile freilich hat Rüter
noch nicht veröffentlicht. Zwischen 1981 und 1998 ist nämlich kein Band der
Reihe „Justiz und NS-Verbrechen“ erschienen; dafür sind jetzt in kurzer Folge
die Bände 23 und 24 herausgekommen. Damit scheint nicht nur sichergestellt,
dass die Reihe fortgesetzt wird, sie soll sogar erweitert werden und zwar um
die Sammlung „DDR-Justiz und NS-Verbrechen“.
Besonders hervorzuheben ist, dass die
niederländische Verlagsgruppe nun von dem angesehenen deutschen K.G. Saur
Verlag aus München unterstützt wird. Saur setzt damit seine Tradition fort,
sich auch an Projekten zu beteiligen, die keinen Gewinn versprechen. Denn für
ein breites Publikum ist diese Reihe nicht gedacht. Die ersten Bände kosten um
die 450 DM und sind weniger für den privaten Bücherschrank, um so mehr für
Bibliotheken und Archive gedacht, wo sie freilich unbedingt hingehören.
Historiker und Juristen, die sich mit der NS-Zeit beschäftigen, dürften in
aller Regel ohne die Reihe „Justiz und NS-Verbrechen“ nicht auskommen. Ehe sie
in einer Universität oder Bibliothek mit ihrer Arbeit beginnen, sollten sie
nach der Reihe fragen.
Der Umgang mit dieser Sammlung ist jetzt
viel einfacher, weil eine CD-Rom Überblick über den Inhalt der ersten 23 Bände
und einen Ausblick auf die nächsten etwa 26 gibt. Zusätzlich gibt es einen
Registerband, ohne den man gar nicht wüsste, dass der SS-Führer Arnold Strippel
als Angeklagter im Düsseldorfer Majdanek-Verfahren in einem der letzten Bände
erneut auftauchen wird. Diesem oder dem folgenden Band wird man auch entnehmen
können, warum eine Jugendstrafkammer des Landgerichts Köln kürzlich einen
Rentner zu einer niedrigen, zur Bewährung ausgesetzten Strafe verurteilt hat,
obwohl dieser Mann am Tod von 19 jüdischen Kindern mitschuldig war (s. TRIBÜNE
Heft 145, S. 44 „Ein gerechtes Urteil gibt es nicht“).
17000 Seiten zählt die Reihe mit den Bänden
1 bis 22, 20000 Seiten sollen die folgenden 26 Bände enthalten. Die
Verlagsgruppe rechnet mit drei bis vier neuen Bänden je Jahr – eine
beeindruckende Leistung. Der K.G. Saur Verlag, Postfach 701620, D-81316
München, Fax 089/76902-150 schreibt in einem Prospekt zu der Reihe: „Die
gesamte Edition ist eine unverzichtbare Quelle für die Erforschung des Dritten
Reiches. In den Verfahren kommen einerseits die Wurzeln dieser Verbrechen zur
Sprache, andererseits erhellt die Dokumentation aber auch die Möglichkeiten,
Grenzen und Erfordernisse einer effektiven Bestrafung staatlich gelenkter
Verbrechen“. Hätte der Verlag „Drittes Reich“ in Anführungszeichen gesetzt,
gäbe es an diesem Text nichts auszusetzen.
Das ist aber nun wirklich nur eine Marginale.
Sie zu erwähnen, lohnt nur deshalb, weil es sonst an der gesamten Publikation
nichts auszusetzen gibt. Ob man nun traditionell die dicken, in rotes Leinen
gebundenen Bände zur Hand nimmt oder sich der CD bedient – in beiden Fällen
überrascht die Zuverlässigkeit der Reihe. Leider verzichten die Herausgeber auf
die Rangtafeln, die es bis zum Band 22 ganz vorn und ganz hinten gab. Da konnte
man auf einen Blick erfahren, was dem Rang eines Hauptmanns der Wehrmacht bei
Polizei, SS, Waffen-SS, SA und anderen NS-Organisationen entsprach. Die Verlage
in Amsterdam und München würden den Benutzern von „Justiz und NS-Verbrechen“
einen Gefallen tun, wenn sie diese Informationshilfen fortführten oder
wiederaufnähmen.
Heiner
Lichtenstein, langjähriger WDR-Redakteur und Autor mehrerer Bücher zur
NS-Geschichte leitet heute die Redaktion der Zeitschrift TRIBÜNE.
Anmerkung der
AG Fossoli: Der GedenkstättenRundbrief wird von der „Stiftung
Topographie des Terrors“ herausgegeben. Sowohl die Stiftung als auch „Justiz
und NS-Verbrechen“ sind auf unserer LINK-Seite eingetragen.
1999
August
1999
„HaGalil“,
07.08.1999
Sonderkommando
Auschwitz: Wir
weinten tränenlos
Interview mit Gideon Greif, dem
'Sonderkommando-Forscher' Nr.1
Im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz haben die
Nationalsozialisten mindestens 1,2 Mio. Menschen systematisch ermordet. Nur
wenigen ist heute bekannt, dass die deutsche Lagerleitung hauptsächlich
jüdische Häftlinge anhielt, Mitarbeiter der Todesfabrik zu werden.
Seit 1986 befasst sich Gideon Greif, Historiker von Yad
VaShem in Jerusalem, mit dem Schicksal des jüdischen
"Sonderkommandos" in Auschwitz-Birkenau. Seine Gespräche mit
Überlebenden veröffentlichte der Historiker in seinem Buch "Wir weinten
tränenlos - Augenzeugenberichte des jüdischen Sonderkommandos in
Auschwitz" (Fischer Taschenbuch 1999). Sein Ziel ist es, die Geschichte
des möglichst genau mit Hilfe der Zeugenaussagen und Dokumente zu rekonstruieren.
haGalil: Was war
das Sonderkommando?
Greif: Das war
eine Gruppe von jüdischen Häftlingen, die sich entwickelte von einer kleinen
Gruppe zu einem riesigen Kommando, das zu seiner Spitzenzeit um die 900 Personen umfasste. Diese
Menschen wurden gezwungen, die fürchterlichsten Arbeiten, die jemand auf der
Welt verrichten musste, zu erledigen, nämlich: Juden, die zum Tode verurteilt
waren, zu empfangen in der Entkleidungshalle des Krematoriumsgebäudes, später
ihre Leichen aus der Gaskammer zu holen, die Leichen zu verbrennen und
schließlich ihre Asche in den Fluss Wistula zu streuen.
haGalil: Auch
wurde der Ausdruck von "Auschwitz als der Todesfabrik" geprägt. Wie
erklären Sie sich diesen Wirtschaftsbegriff?
Greif:
Ziel der Nazis war es, die
Juden so schnell und so billig wie möglich zu ermorden. Und überhaupt muss man
betonen, dass die Todesfabrik die einzige neue Erfindung der
Nationalsozialisten war, denn Antisemitismus gibt es seit 3.000 Jahren, Ghettos
einige Jahrhunderte.... So eine industrielle Tötung ist die Erfindung der
deutschen Nazis. So etwas hat es davor nie gegeben. Die Häftlinge waren
unfreiwillige Mitarbeiter des Unternehmens Auschwitz, der Todesfabrik. Wenn man
überprüft, wie Auschwitz, Majdanek, Sobibor, Chelmno ... funktioniert haben,
dann ist das am ehesten mit einer Fabrik zu vergleichen. Es gab Nachtschichten,
Frühschichten, Mitarbeiter - prominente und einfache - usw., alles, was zu
einer normalen Fabrik dazugehört. Die einzigen zwei Unterschiede bestanden im
Rohmaterial, Menschen, in diesem Fall meistens Juden, und dem Endprodukt,
nämlich menschlicher Asche.
haGalil: Wie hat
die Arbeitsstätte dieser Häftlinge ausgesehen?
Greif: Am Anfang haben die ersten
"Sonderkommando"-Leute noch im Krematorium des Stammlagers Auschwitz
gearbeitet, wo man die ersten Transporte liquidiert hat, und erst im Mai 1942
wurde die systematische Vernichtung im Komplex Birkenau mit der Ermordung von
Transporten in den sogenannten "Bunkern" I und II begonnen.
Dort mussten sich die Opfer in zwei großen Holzbaracken ausziehen, die
"Sonderkommando"-Leute waren schon dabei und haben den Leuten gesagt,
dass sie ein Bad oder eine Dusche erwartet. Damit vollzogen sie nur einen
Befehl der SS, das zu wiederholen, was den ankommenden Opfern bereits auf dem
Weg dorthin - ihrem letzten Weg - oder im Vorhof der Krematorien von der SS
gesagt wurde. Dann mussten die Opfer zu den als Bauernhäuser getarnten
Gaskammern laufen. Nach der Ermordung wurden die Leichen von den
"Sonderkommando"-Leute herausgetragen und auf kleinen Karren zu den
Gruben befördert, hineingeworfen und verbrannt. So primitiv wurden die Juden
vergast und verbrannt bis Mitte 1943.
Dann wollten die Täter eine bessere Fabrik, wo alles unter einem Dach
funktioniert: Ausziehen, Vergasen und Verbrennen, um den "Prozess" zu
beschleunigen. Unter der Leitung der SS-Bauzentrale haben deutsche Ingenieure
innerhalb kurzer Zeit die Krematorien I-IV in Birkenau fertiggestellt. Von Mai
/ Juni 1943 bis Ende 1944 werden in diesen Todesfabriken mindestens 1,1 Millionen
jüdische Kinder, Frauen, Säuglinge und ältere Leute vernichtet, die man von der
Rampe direkt in die Krematorien führte.
haGalil: Primo Levi hat
das "Sonderkommando" als das dämonischste Werk der
Nationalsozialisten bezeichnet. Was ist das eigentlich teuflische
an diesem "Sonderkommando"?
Greif: Das teuflische ist, dass die
Juden selber - gezwungenermaßen - dabei sein mussten beim Mordprozess und
zusehen mussten, wie ihre Brüder, Geschwister, Eltern, Familien ... und ihr
Volk, das jüdische Volk, ermordet wurde. Als Mitarbeiter mussten sie sich daran
beteiligen, die Opfer zu belügen und zu täuschen. Ich glaube man kann sich
etwas schlimmeres gar nicht vorstellen - und das war Absicht, kein Zufall oder
ein Mangel an anderen Mitarbeitern. Da waren Tausende von anderen Häftlingen
oder die SS hätte es selber machen können, aber es war eine Idee, nämlich, dass
die Juden selber Schuld fühlten. Das passte zu den Ideen der
Nationalsozialisten, wie die Tatsache, dass die späteren Opfer manchmal ihre
Fahrkarte nach Auschwitz selbst kaufen mussten. "Du musst sterben, aber Du
musst auch bezahlen". Oder das einige Judenräte die Listen selber
vorbereiten mussten, wer deportiert wird und wer nicht. Das passte sehr gut in
die Denkstruktur der SS-Leute, die Opfer in das Verbrechen zu involvieren, oder
besser gesagt, die Schuld zu teilen, nicht nur Täter und Opfer, sondern alles
gemischt. Das ist sehr typisch, charakteristisch, das ist zynisch, sadistisch,
das ist brutal, das ist dämonisch, wie Primo Levi sagt. Soll sich mal jeder der
Leser vorstellen, er oder sie müsste die Leiche der eigenen Mutter oder Frau
oder Kinder selber aus der Gaskammer herausholen und verbrennen. Ich glaube, es
gibt nichts schlimmeres als das.
haGailil: Die SS zwang
die Mitarbeiter des Sonderkommdos dazu, inmitten von Tausenden von Leichen des
eigenen Volkes zu arbeiten. Sie haben mit sehr vielen Überlebenden gesprochen.
Wie kamen diese Menschen mit ihrer Arbeit zurecht?
Greif: Das ist eine wichtige Frage, auf
die wir heute wohl - und vielleicht nie - eine Antwort werden geben können.
Diese Leute selber sagen, "man gewöhnt sich an alles." Wenn man muss,
wenn man keine andere Wahl hat, dann gewöhnt man sich daran. Und scheinbar ist
das so.
Außerdem hatten die SS-Leute dort eine spezielle Taktik, wie sie die Häftlinge
zu Robotern, menschlichen Maschinen, machten. Und zwar war das so, dass am
ersten oder zweiten "Arbeitstag" im Sonderkommando die neuen
Mitarbeiter in eine Baracke geführt wurden, in der einige hundert Leichen
gestapelt waren. Und für diese jungen Leuten, die meisten Anfang zwanzig, die
nie vorher eine tote Person gesehen hatten, bedeutete dies einen solchen
Schock, dass viele später überhaupt nicht mehr denken oder fühlen konnten. Ich
glaube die Deutschen in Auschwitz haben die Gefühle der jüdischen
"Sonderkommando"-Häftlinge getötet, was die Häftlinge zu
roboterähnlichen Gestalten werden ließ. Nicht nur die Opfer wurden physisch
ermordet, sondern auch die Gefühle der Mitarbeiter in der Todesfabrik.
haGalil: Gab es
Widerstand im Sonderkommando?
Greif: Es wurde versucht, etwas
gegen die deutschen Mörder zu unternehmen und den Prozess des Mordens zu
stoppen, Widerstand zu leisten. Zum Beispiel gelang es Photos von der
Leichenverbrennung aus dem Lager zu schmuggeln.
Andere - meist sehr religiöse Juden - dokumentierten das Leben im
"Sonderkommando" in geheimen Schriften, die sie um die Krematorien
vergruben. Darin beschreiben sie die tägliche Arbeit, die Atmosphäre, die
Täter, die letzten Minuten der Opfer, ihre Ideale usw. Die "geheimen
Schriften" gehören zu den wichtigsten und eindringlichsten Dokumenten der
Shoa.
Auch ging vom Sonderkommando der einzige bewaffnete Aufstand in Auschwitz aus.
Am 7.Oktober 1944 kamen die Deutschen mit einer Liste, um 300 Mitarbeiter des
"Sonderkommandos" auszuselektieren und danach zu liquidieren. Doch
die Häftlinge weigerten sich und begannen den bewaffneten Aufstand im Hof des
Krematoriums III, in dessen Verlauf drei SS-Männer getötet und mindestens zehn
schwer verletzt werden. Unter anderem wurde das Krematorium III in Flammen
gesetzt und konnte nie wieder in Stand gesetzt werden. Eine andere Gruppe in
einem anderen Krematorium versuchte daraufhin zu fliehen. Innerhalb von fünf
bis sechs Stunden wurde der Aufstand blutig niedergeschlagen. Alle Mitarbeiter
des Sonderkommandos, die sich aktiv daran beteiligt hatten, - bis auf drei, die
sich noch rechtzeitig im Chaos in ein anderes Krematorium schleichen konnten -
wurden erschossen.
Dieser Aufstand zeugt vom Heldentum der "Sonderkommando"-Leute, die
genau wussten, dass sie gegen die schwer bewaffnete SS keine Chance hatten.
Dennoch haben sie diesen Kampf aufgenommen, allein, damit die Welt irgendwann
erfährt, dass sie nicht wehrlos waren.
haGalil: Die
Häftlinge des "Sonderkommandos" waren Augenzeugen der schlimmsten
Verbrechen der Nationalsozialisten, und daher sollte, nach Planungen der SS,
keiner von ihnen das Lager jemals lebendig verlassen. Wieso konnten dennoch
einige entkommen?
Greif: Warum sie nicht ermordet
wurden, ist unklar, scheinbar herrschten im Lager in den Tagen vor der
Evakuierung chaotische Zustände. Fest steht nur, daß etwa 100
"Sonderkommando"-Häftlinge, als die Rote Armee immer näher rückte, in
einer Baracke ausharrten und ihren Tod erahnten. Am 18.Januar begann die SS das
Lager zu räumen und alle Häftlinge Richtung Westen auf den sogenannten
Todesmärschen ins Reich zu evakuieren. Die "Sonderkommando"-Häftlinge
rechneten als Geheimnisträger des Dritten Reiches jede Stunde mit ihrer Ermordung.
Doch plötzlich stieß jemand die Tür auf und binnen Minuten mischten sie sich
unter die marschierenden Kolonnen und verließen so das Lager. Kaum einer hatte
zu große Hoffnungen gehegt, in die Freiheit zu kommen.
haGalil: Diesem
Thema hat sich auch lange niemand gewidmet, auch wegen der Mauer des
Schweigens, mit der sich die ehemaligen Häftlinge des
"Sonderkommandos" umgaben. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?
Greif: Vor meiner historischen
und pädagogischen Tätigkeit in Yad VaShem habe ich seit 1969 für den israelischen
Rundfunk ("Galei Zahal") gearbeitet. Unter anderem oblag mir die
Verantwortung für die Sendungen zum Yom haShoa (Shoa-Gedenktag - der am
Jahrestag des Beginns des Warschauer Aufstandes stattfindet). Damals habe ich
nach speziellen Themen gesucht für Sendungen und ein Kollege hat mich darauf
aufmerksam gemacht, dass er zwei Überlebende des "Sonderkommandos"
kennt. Ich bin dann zu diesen Leuten gefahren und habe sie interviewt. Ab
diesem Zeitpunkt habe ich mich mit diesem Thema befasst, da es nicht einmal in
professionellen Kreisen bekannt war, und habe meine noch andauernde Recherche
begonnen. Bis heute habe ich das tiefe Gefühl und bin der Überzeugung, dass es
unheimlich wichtig ist, das Leben der Menschen im Vorhof der Hölle zu
erforschen, um es allen künftigen Generationen mit auf den Weg zu geben.
haGalil: Welche
Bedeutung messen Sie Ihrer Erforschung der Geschichte und der Sammlung der
Zeugenaussagen der Überlebenden des "Sonderkommandos" in
Auschwitz bei?
Greif: Ich betrachte diese Arbeit
mehr als wissenschaftliches Forschen, vielmehr als eine Mission - nicht im
religiösen Sinne- sondern als Aufklärungsarbeit, denn die Welt, nicht nur
Deutschland - alle Länder, soll wissen, wie die "Endlösung der
Judenfrage" durchgeführt wurde. Das wollten auch die Sonderkommando-Leute.
Ich sehe mich als einer, der ihren letzten Willen erfüllt.
haGalil: Mehrmals
im Jahr kommen Sie zu Recherchen nach Deutschland. Finden Sie es schwierig über
das "Sonderkommandos" in Auschwitz vor einem Publikum in Deutschland
zu sprechen?
Greif: Meiner Erfahrung nach
besteht enormes Interesse an diesem Thema. Manchmal reagieren Leute sehr
emotional und verlassen den Saal in Tränen. In Halle habe ich im Frühjahr 1999
gesprochen, wo auch einige Skinheads im Publikum saßen. Während des Vortrages
stellten sie ziemlich provokante Fragen, aber am Ende kam ein junger Mann und
meinte, daß er bis zu diesem Vortrag Zweifel an der Shoa gehabt hätte. Jetzt
habe er an der Massenermordung des jüdischen Volkes in Auschwitz keine Zweifel
mehr. Für mich sind solche angenehmen Überraschungen ein Zeichen, daß es die
Zeit wert ist, nach Deutschland zu Vorträgen zu kommen. Auch habe ich in
einigen Schulen gesprochen und war von der offenen fragenden Art des Gesprächs
mit den Schülern sehr zufrieden.
haGalil: Herr
Greif, vielen Dank für dieses Gespräch.
1998
August
1998
„Frankfurter
Rundschau“, 14.08.1998
Quantensprünge
der Radikalität
Das politische Buch: Christopher
Browning über NS-Täter
Von Matthias Arning
Eigentlich ist
doch wohl alles gesagt. Was, bitte schön, soll die Forschung nach mehr als fünf
Jahrzehnten noch über den nationalsozialistischen Staat und seinen Terror
zutage fördern? Die Frage ist, zugegeben, rhetorisch. Denn offensichtlich
vollzieht sich in der historischen Wissenschaft – angeregt vor allem von einer
allmählich auf Lehrstühle rückenden jüngeren Historikergeneration – ein
fundamentaler Wechsel der Perspektive: Manche Forscher wenden sich ab von der
Frage nach funktionalistischen Zusammenhängen für die Politik in Zeiten der
Diktatur und richten ihren Blick auf die konkreten Subjekte – die Täter. „Die
nächsten Jahre“, merkt der US-amerikanische Holocaust-Forscher Christopher
Browning in seinem neuen Buch über den Weg zur „Endlösung“. Entscheidungen
und Täter“ optimistisch an,
„versprechen, entscheidend für die zukünftige Gestalt der
Holocaust-Forschung zu werden“.
Einen
wesentlichen Impuls dazu hat er selbst bereits mit seiner früheren Studie über
die „ganz normalen Männer“ des Polizeibataillons 101 geliefert. Browning nahm
sich die in der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg
gesammelten Akten vor, rekonstruierte die Taten der Polizisten und stellte die
Frage, warum „ganz normale Männer“ in Polen Massaker anrichteten.
Für seinen Kritiker
Daniel Goldhagen, der sich ebenfalls in Ludwigsburg die Prozessakten über das
nach Kriegsende angestrengte Verfahren gegen Angehörige des Polizeibataillons
angesehen hat, ist die Sache klar: Ihr einzigartiger Antisemitismus in seiner
spezifisch deutschen Ausprägung trieb die Männer zum Mord an Juden an. Browning
geht in seinem neuen Buch auf Goldhagen ein, und sein Widerspruch ist scharf
formuliert. Für Browning „reicht ein dämonisierender deutscher Antisemitismus“
unter anderem deshalb nicht aus, weil zu Hitlers willigen Vollstreckern nicht
nur Deutsche gehörten. Vielmehr müsse sich eine Erklärung „auf jene Verbindung
ideologischer und situativer Faktoren konzentrieren, die es einem populären,
ideologisch gestützten diktatorischen Regime und dem harten Kern seiner
Anhänger ermöglichte, die übrige Gesellschaft für die eigenen Zwecke zu
mobilisieren und einzuspannen“.
Mit seiner
Kritik an Goldhagen skizziert Browning zugleich sein eigenes
Forschungsprogramm, dessen jüngste Ergebnisse in dem Band gesammelt sind. Der
Holocaust-Forscher nimmt sich die zentrale Kontroverse in der
wissenschaftlichen Debatte über die Vernichtung der europäischen Juden vor:
Geht die „Endlösung“ auf eine Entscheidung Hitlers zurück, wie die „Intentionalisten“
annehmen, oder muss nicht vielmehr mit den „Funktionalisten“ von einem
sukzessiven Prozess der Radikalisierung ausgegangen werden, der mit der
gesellschaftlichen Ausgrenzung der Juden einsetzt und in den Gaskammern von
Auschwitz-Birkenau seinen Höhepunkt fand?
Browning
stellt beide Ansätze in Frage. Er hebt hervor, dass die von Nationalsozialisten
verwendeten Begriffe wie „Lebensraum“ und „Endlösung“ nicht zu jedem Zeitpunkt
der NS-Herrschaft als strikte Programme zu verstehen seien: „Die Judenpolitik
war nicht immer unbestrittene oberste Priorität oder ´Kernstück` der
nationalsozialistischen Rassenpolitik.“ In den Jahren zwischen 1939 und 1941
hätten sie unter den beiden Termini etwas anderes verstanden, als zu Beginn des
„Unternehmens Barbarossa“.
Browning
widmet sich in seinen empfehlenswerten Aufsätzen vor allem der
Gettoisierungspolitik der Nazis, untersucht anhand von aufschlussreichen
Fallstudien, was deutsche Verwaltungsbeamte sich unter „Endlösung“ vorstellten
und kommt zu dem Schluss: „Die nationalsozialistische Rassenpolitik
radikalisierte sich in Quantensprüngen, die jeweils mit besonderen Erfolgen der
deutschen Truppen zusammenfielen.“
Christopher
Browning: „Der Weg
zur ´Endlösung`. Entscheidungen und
Täter“, aus dem Amerikanischen von Jürgen P. Krause, Verlag J.H.W. Dietz
Nachfolger, 232 Seiten, 39,80 Mark.
1996
Mai
1996
Universität
Hamburg, 05.1996
„
... das Lager läuft dir hinterher.“
Nationalsozialistische
Verfolgung und KZ-Haft hinterließen bei den Überlebenden noch heute sichtbare
Spuren. Die erfahrene soziale Ausgrenzung und Entrechtung, seelische wie
körperliche Misshandlungen führten zu einem Bruch in ihrer Biographie. Viele
der Überlebenden des Nazi-Terrors drängt es, über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Neben der damit verbundenen pädagogischen Absicht wird das Gespräch zu dem
Versuch, das Erlebte zu verarbeiten.
Das Thema der
Untersuchung ist der Umgang mit nationalsozialistischer Verfolgung. Ihr zentrales
Anliegen ist es, den genannten Bruch in der Biographie der Überlebenden von
Verfolgung und KZ-Haft zu untersuchen und zu dokumentieren. Dabei geht es
darum, welche Bedeutung und welche Konsequenzen er für die Identitätsarbeit der
Betroffenen besitzt, welche Auswirkungen er auf die sozialen Beziehungen der
Überlebenden hat. Wie gelingt ihnen die Eingliederung in die Gesellschaft, in
der sie leben? Wie gehen sie mit ihren Erfahrungen um? Welche `Sprache` finden
sie, um diese Erfahrungen mitzuteilen, und welche Formen der erzählerischen
Bewältigung?
Die
Untersuchung besteht aus zwei Teilen: einem Grundlageteil und einem
Dokumentationsteil. Im Grundlageteil wird u.a. eine Annäherung an den
Themenkomplex Verfolgung und KZ-Haft vorgenommen. Hier findet eine Auseinandersetzung
mit drei unterschiedlichen Textsorten bzw. –Quellenbereichen statt:
Häftlingsberichten; der entsprechenden medizinisch-psychiatrischen Literatur
und der biographischen Forschung zum Themenbereich Nationalsozialismus.
Der
Dokumentationsteil enthält Biographien von Überlebenden nationalsozialistischer
Verfolgung in Frankreich, in den Niederlanden und in der Bundesrepublik
Deutschland. Die Darstellung basiert auf Interviews und – falls vorhanden –
weiteren autobiographischen Zeugnissen. Die lebensgeschichtlichen Texte werden
sorgsam in ihrem jeweiligen konkreten historischen Zusammenhang betrachtet und
im biographischen Gesamtkontext interpretiert. Um den zeitübergreifenden
Charakter und Stellenwert der Erfahrungen sichtbar machen zu können, wird der
Lebensweg der Interviewpartner und –partnerinnen von der Kindheit und der
Jugend über die Zeit der Verfolgung und Befreiung hinaus bis in die Gegenwart
nachgezeichnet. Eine besondere Bedeutung kommt der Beschreibung des
historischen Hintergrundes zu. Die Geschichte des einzelnen ist Teil der
´großen` Geschichte. Erst wenn beide zueinander in Beziehung gesetzt werden,
ist ein Verstehen des individuellen Lebens möglich.
Dietmar
Sedlaczek: „ ... das Lager läuft dir hinterher“. Leben mit nationalsozialistischer
Verfolgung; Reimer Verlag (Berlin), 1996.