Lippische Landes-Zeitung, 18./19.05.2002
Wappen mit Nazi-Spruch
Horn-Bad Meinberg. Der Streit um das Horn-Bad Meinberger Wappen scheint zu Ende zu sein. Gegen die Stimmen der SPD entschied der Stadtrat, das Relief wieder im Rathaus aufzuhängen. Bürgermeister Eberhard Block hatte es entfernen lassen, weil darauf ein von den Nazis verwendeter Spruch steht. >SEITE 28
Wappen
wird wieder aufgehängt
SPD unterliegt Gemeinnutz geht vor Eigennutz
soll durch Tafel erklärt werden
Horn-Bad Meinberg (Sam). Der legendäre Wappenstreit, der die Horn-Bad Meinberger Politik seit Anfang vergangenen Jahres beschäftigt, hat am Donnerstag im Rat wieder einmal ein vorläufiges Ende gefunden. Und wieder war die Diskussion von dissonanten Tönen bestimmt. Gegen die Stimmen der SPD wurde entschieden, das zerstörte Relief an alter Stelle also im Rathaus wiederherzustellen.
Wie berichtet, hatte Bürgermeister Eberhard Block das Relief Anfang 2001 entfernen lassen, da es den von den Nazis missbrauchten Sinnspruch Gemeinnutz geht vor Eigennutz enthält. Der Satz war im Dritten Reich Ausdruck der kompromisslosen Unterdrückung jeglicher Individualität und letztendlich auch argumentative Waffe, um systematische Gräueltaten zu rechtfertigen. Bürgermeister Block hatte das Relief entfernen lassen in dem Glauben, dies sei im Sinne der Ratsfraktionen. Ein monatelanger Streit war die Folge.
Frevel
sondergleichen
THOMAS TÖLLE
Vor der Abstimmung am Donnerstag wurde wieder kontrovers diskutiert. Eckart Knoerich sprach sich zunächst dafür aus, einem Antrag des Heimatvereins Horn zu folgen. Dieser sieht vor, das Wappenrelief von 1934 an alter Stelle wiederherzustellen und mit einer Tafel auf die Instrumentalisierung des Sinnspruchs hinzuweisen. Knoerich ergänzte im Namen seiner Fraktion, dass in diesem Text deutlich gemacht werden müsse, dass die Nazis den Spruch in Ihrem Sinne grob missbraucht haben.
Dann begann der Streit, Thomas Tölle (SPD): Das Wappen ist ein Relikt aus der Nazi-Ära. Deshalb, weil das Sprichwort missbraucht wurde. Es ist richtigerweise entfernt worden. Wenn man es jetzt wieder aufhängt, wäre das ein Frevel sondergleichen. Gerhard Schmid (BürgerBündnis): Viele Bürgermeister sind an dem Wappen vorbeigezogen. Niemand hat sich daran gestört. Als sich eine Mehrheit dafür abzeichnete, dass das Wappen wieder aufgehängt wird, kommentierte dies Dieter Hemmelmann (SPD) so: Es ruckt nach rechts in Europa. Es ruckt auch in diesem Rat nach rechts.
Es
ruckt auch im Rat nach rechts
DIETER HEMMELMANN
Mit 17 Ja-, 14 Nein-Stimmen und einer Enthaltung setzte sich schließlich der Antrag des Heimatvereins durch. Bürgermeister Block (SPD), der das restaurierte Wappen als historisches Objekt in der Dauerausstellung des Burgmuseums sehen wollte, erklärte, er müsse den Beschluss des Rates akzeptieren und zügig umsetzen. Imageverlust für die Stadt befürchtet der Verwaltungschef nicht: Dazu ist das Ganze nicht von so großer Bedeutung zumal der Spruch jetzt kommentiert werden soll.
Die Kosten der Restaurierung des Gips-Reliefs (zirka 1 x 1 Meter) bezifferte er auf etwa 500 Euro. Es war in mehrere Teile zerbrochen, als es im Januar 2001 abgenommen worden war.
Bürgermeister Block hat während des Streits um das Wappen nach eigenen Angaben diverse anonyme Schreiben mit rassistischem, faschistischem Inhalt erhalten. Ich werde da als vaterlandsloser Geselle bezeichnet, so Block.
Lippische Landes-Zeitung, 22.01.2001
Provinzialismus
Der Henkel ist ab, LZ vom 11. Januar
Sich in einer Zeit wiedererstarkenden Rechtsextremismus und eines allseits eingeforderten Aufstands der Anständigen für den Verbleib nationalsozialistisch-verlogener Embleme, noch dazu im öffentlichen Raum, stark zu machen, ist schon ein starkes Stück.
Geradezu perfide hingegen ist es, einen integren und geachteten Bürgermeister in eine Reihe mit Bücher verbrennenden Nazi-Verbrechern zu stellen. Ein weiteres Symptom eines sehr bedenklichen Umgangs gewisser politischer Kreise bezüglich der Aufarbeitung einer zutiefst verbrecherischen Vergangenheit, die heute wieder ihre langen Schatten wirft.
Man fühlt sich an Zeiten erinnert, als ein Herr Filbinger unbelehrbar konstatierte: Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein, und als ein Franz Josef Strauss kritische Intellektuelle als Ratten und Schmeißfliegen bezeichnete. Wie stark gerade die CDU/CSU in den 50er Jahren mit ehemaligen braunen Parteigenossen (Globke, Hallstein, Kiesinger usw.) durchsetzt war, ist lange genug ignoriert und verdrängt worden. Dass heute wieder christdemokratische Politiker von deutscher Leitkultur schwadronieren, Frau Merkel den Deutschen, ein gestörtes Verhältnis zur Nattion (wie auch anders, nach den begangenen Verbrechen) attestieren zu müssen glaubt und ein Herr Koch aus Hessen den bedrohlichen neuen Rechtsradikalismus als eine Erfindung der Medien abtun möchte, sollte nicht mehr länger hingenommen werden.
Was Knoerichs und seiner Fraktion Kunstverständnis anbelangt, zeugt es von einem miefigen Provinzialismus, der offenbar Schwierigkeiten hat, Kunst von braunem Kitsch zu trennen. Die Haltung gewisser kulturkonservativer Kreise bezüglich zeitgenössischer Kunst ist hinreichend bekannt. Ungeheuerlich, Herr Knoerich, finde ich Ihre Entgleisung im Schul- und Kulturausschuss: Gott schütze unsere Kinder vor solchem Kulturbanausentum. Es steht zu hoffen, dass derartig unverfrorene Demagogie auf entschiedenen Widerspruch stößt, ganz abgesehen davon, dass Horn-Bad Meinberg momentan wahrlich andere Probleme hat.
Karl
Rotermund
Jägerwinkel 4
Horn-Bad Meinberg