Italien :
Faschismus, deutsche Besatzung und die Bedeutung der Resistenza (1999 - 1994)
Übersicht:
1999
Dezember 1999
- Süddeutsche Zeitung, 31.12.1999:
Neues über eine alte Geschichte /
Italienische
Dorfbewohner und Historiker arbeiten ein SS-Massaker vom August 1944 auf
November
1999
- Süddeutsche
Zeitung, 13.11.1999: Berichtigung
-
Süddeutsche Zeitung,
12.11.1999: Deutsche Kriegsverbrecher in Italien:
Die
Spur führt nach Spanien /
Viel
Bräune im sonnigen Pensionistendorf
-
Süddeutsche Zeitung,
04.11.1999: Deutsche Kriegsgräuel in Italien:
Verbrecherjagd nach 50 Jahren Schonzeit
Oktober 1999
- die tageszeitung, 30.10.1999:
Fast prompt: Italien knöpft sich NS-Verbrecher vor /
Einige
hundert deutsche Kriegsverbrecher aus Nato-Räson bisher nicht verfolgt
- Magazin der Süddeutschen Zeitung, 29.10.1999:
Der Himmel war strahlend blau / Geschichte /
Am 12. August 1944
überfiel die Waffen-SS ein Bergdorf in der Toskana.
Mehr als vierhundert
Menschen wurden erschlagen, erschossen, verbrannt.
Die meisten von
ihnen Frauen und Kinder.
Nach den Tätern hat
nie jemand ernsthaft gesucht. Bis jetzt.
Juni 1999
- F.-R. Hausmann, 07.06.1999:
Jens Petersen / Wolfgang Schieder (Hg.):
Faschismus
und Gesellschaft in Italien.Staat – Wirtschaft – Kultur ...
1997
September 1997
-
Frankfurter Rundschau,
30.09.1997: Keine Hemmschwelle Zivilisten zu töten /
Akten
zu Krieg in Italien belegen enge Bindung der Wehrmacht an NS-Ideologie
1994
September
1994
-
Contraste,
09.1994: Auf den Spuren der PartisanInnen in Norditalien /
Heute
noch leuchtende Augen
-
Contraste,
09.1994: Interview /
„Ohne den Widerstand der Frauen wäre der
Faschismus nicht besiegt worden“
Juli 1994
-
1999 – Zeitschrift für Sozialgeschichte
des 20. und 21. Jahrhunderts, Heft 3/94, 07.1994:
Jonathan Steinberg,
Deutsche, Italiener und Juden –
Der italienische
Widerstand gegen den Holocaust,
Steidl Verlag,
Göttingen 1992, 373 Seiten, 38,-- DM
1999
Dezember
1999
„Süddeutsche
Zeitung“, 31.12.1999
Neues über eine alte Geschichte
Italienische
Dorfbewohner und Historiker
Arbeiten
ein Massaker vom August 1944 auf
Christiane Kohl
Die Zusammenkunft fand in einem
ehemaligen Kloster statt, wie es beinahe jede italienische Kleinstadt eines
hat. Schon im Kreuzgang, der gleich bei der Piazza liegt, standen die Männer in
Grüppchen herum und diskutierten. Drinnen in dem schönen alten Gewölbesaal mit
Resten mittelalterlicher Fresken saßen indes an die Hundert Leute und
lauschten. Vornehmlich ältere Leute aus der Gegend waren gekommen, einen halben
Tag lang hörten sie sich aufmerksam die Vorträge von neun Historikern an. Diese
hatten Neues über eine alte Geschichte zu erzählen, die noch immer viele
Bewohner des Städtchens Pietrasanta bei Lucca bewegt: Es ging um ein von
deutschen SS-Soldaten im Sommer 1944 in den Bergen oberhalb von Pietrasanta
angerichtetes Blutbad.
In dem Bergdorf Sant’Anna di
Stazzema hatte eine SS-Einheit am 12. August 1944 rund 500 Bewohner
getötet, auf dem Kirchplatz des Dorfes lag damals ein großer Leichenberg. Es
war eines der schlimmsten Kriegsverbrechen in Italien, doch die Täter wurden
niemals dingfest gemacht, das Massaker blieb bis heute ungesühnt.
Seit einiger Zeit ermittelt
jedoch erneut der Staatsanwalt, auch für die Geschichtswissenschaftler ist der
Ort Sant’Anna wieder interessant. Im Kloster von Pietrasanta trafen sich die
Forscher nun kurz vor Weihnachten auf Einladung des Bürgermeisters, um nach
einem Bericht des Magazins der Süddeutschen Zeitung neue Erkenntnisse
auszutauschen. Erstmals war in dem Artikel des SZ-Magazins einer der
seinerzeit an dem Überfall auf das Dorf beteiligten SS-Soldaten zu Wort
gekommen. In dem Kreuzgang des alten Klosters von Pietrasanta machen einige der
diskutierenden Männer heute keinen Hehl daraus: Sie würden den einstigen
Soldaten gerne einmal sprechen. Dabei geht es nicht um Rachegefühle.
Entscheidend sei heute nicht
„die juristische Bestrafung“, sagt gleich zu Anfang der Historiker Michele
Battini von der Universität Pisa, sondern „die historische Aufklärung“. Carlo
Gentile, ein in Deutschland lebender italienischer Forscher, hat dazu eine
Menge beizutragen. Seit Jahren durchstöbert der Wissenschaftler deutsche
Archive. Jetzt entwirft er ein Profil der 16. SS-Division „Reichsführer SS“,
die für den Überfall auf Sant’Anna verantwortlich war. Das Massaker in dem
Bergdorf war nicht die einzige Tat dieser Division, sie hinterließ „eine
regelrechte Blutspur“, meint Gentile, die quer durch die Toskana führt: Binnen
weniger Wochen, zwischen Ende Juli und Ende September 1944, tötete die 16.
Division nach den Erkenntnissen Gentiles in dem Gebiet zwischen dem Arno
und Bologna in zahllosen kleineren und größeren Gemetzeln etwa 2500
italienische Zivilisten und schickte darüber hinaus mindestens 10.000 Italiener
zwangsweise zum Arbeitseinsatz nach Deutschland.
In der Truppe habe es viele
ganz junge Soldaten und sogenannte „Volksdeutsche“ gegeben, zudem habe sich die
Division aus älteren Mitgliedern der Totenkopf-Verbände rekrutiert, die auch
als Wachkommandos in Konzentrationslagern wirkten. Aufgrund der hohen Verluste
in den Kämpfen mit den Alliierten im Sommer 1944 wurden immer häufiger
verhältnismäßig unvorbereitete Unteroffiziere mit mäßigen Beurteilungen in
Führungspositionen befördert – könnte das ein Grund für die Gewaltexzesse sein?
„Wir wissen praktisch nichts über die Motivation der Truppe“, sagt Gentile.
Nach den im SZ-Magazin veröffentlichten Äußerungen des Soldaten aber sei
klar, dass das Blutbad von Sant’Anna „keine Repressalie im herkömmlichen Sinn“
gewesen sei, die sich etwa spontan als Reaktion auf Partisanenangriffe aus dem
Dorf entwickelt habe. Vielmehr sei die Aktion eigens geplant worden, „mit dem
Ziel der Vernichtung des Dorfes“. Für die Zuhörer in Pietrasanta ist diese
Frage besonders wichtig, deshalb heben im Kreuzgang auch bald lautere
Diskussionen an.
Jahrzehntelang sind die
Bewohner zerstritten darüber, ob nicht auch Partisanen indirekt schuld an dem
Massaker waren. Etwa weil sie die Bergbewohner nicht gewarnt oder geschützt n
oder womöglich vor Beginn des Blutbads auf einen Soldaten geschossen hätten. So
machten sich die Bewohner gegenseitig Vorwürfe. Doch nun stellen die Historiker
klar, es seien 300 Soldaten in das Dorf hinaufgestiegen, mit Granatwerfern und
Leuchmunition. Und der deutsche Soldat habe berichtet, es sei „sofort
geschossen“ worden.
Darüber, warum die Täter von
Sant’Anna nach dem Krieg jahrzehntelang nicht verfolgt wurden, weiß die
Tübinger Historikerin Kerstin von Lingen Neues zu berichten. Zunächst hätten
die Alliierten geplant, in Italien ähnliche Prozesse wie in Nürnberg
abzuhalten. Denn bereits 1943 waren Großbritannien, die USA und die Sowjetunion
überein gekommen, „die Schuldigen für das Blutbad in Europa bis ans Ende der
Welt zu verfolgen. “ Nach dem Krieg seien zwischen Amerikanern und Engländern
jedoch schnell Rivalitäten aufgetreten, beide hätten sie unterschiedliche Ziele
verfolgt.
Die Amerikaner wollten sich bald
nur noch auf die Anklage der wichtigsten Kriegsverbrechen wie etwa die
Geiseltötung in den Ardeatinischen Gräben bei Rom konzentrieren und ansonsten
Ruhe haben, um der kommunistischen Partei in Italien keine Argumente gegen den
Westen zu liefern – der Kalte Krieg hatte begonnen. Hingegen befürchteten die
Engländer, so von Lingen, es könnten durch die Prozesse Einzelheiten über ihre
Rolle bei der Unterstützung von italienischen Partisanen herauskommen. So war
die Neigung, große Prozesse abzuhalten alsbald generell gedämpft. Im Fall
Sant’Anna hätten Engländer und Amerikaner nicht mal ihre Ermittlungsergebnisse
ausgetauscht.
Schon die SS aber hatte die
Sache zu verheimlichen versucht: In der Meldung für das „Kriegstagebuch“ hieß
es lediglich, es seien „290 Banditen niedergemacht“ und ein „Munitionslager
gesprengt“ worden.
November
1999
„Süddeutsche
Zeitung“, 12.11.1999
Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: Die Spur führt nach Spanien
/ Viel Bräune im Pensionistendorf
Ein Städtchen an der Costa Blanca war Jahrzehnte Zufluchtsort
für Deutsche, die wegen ihrer Nazi-Vergangenheit die Justiz fürchten mussten
Von Christiane
Kohl und Peter Burghardt
Dénia, 11. November. Am
Fuß eines Vulkanberges unter strahlendblauem Himmel liegt der Friedhof von
Dénia. Weiße, verwinkelte Gänge führen an hohen marmorgetäfelten Wänden mit
Blumen, Bildern und eingravierten Sprüchen vorbei. Dahinter verbergen sich die
Wandfächer mit den Columbarien, in denen die Toten bestattet sind. Die
Grabstätte von Anton Galler liegt ganz oben in der vierten Reihe. Man sieht nur
ein kleines schlichtes Kreuz auf schwarzem Stein, der Namenszug ist hinter
einem Busch aus roten und gelben Kunstblumen versteckt. Vor etwas mehr als vier
Jahren wurde seine Asche hier zur letzten Ruhe gebettet. Von den
Beerdigungsgästen hat vermutlich kein Mensch geahnt, welch ein Geheimnis der
alte, verschlossene Mann mit in den Tod nahm. Heute würden italienische
Staatsanwälte viel dafür geben, hätten sie Galler noch einmal vernehmen können.
Galler war einstmals Bataillonskommandeur der Waffen-SS, er gilt als
Hauptverantwortlicher für ein Massaker an 400 italienischen Zivilbürgern, das
sich im Sommer 1944 in dem Bergdorf Sant’Anna bei Lucca ereignete. Die Opfer
waren vor allem Frauen und Kinder, das Jüngste gerade 20 Tage alt. Viele
Jahrzehnte kümmerte sich die italienische Justiz nicht um die Aufklärung dieses
Kriegsverbrechens deutscher Soldaten, erst jetzt nahm sie die Spur zu den
mutmaßlichen Tätern auf.
Im Fall des einstigen
SS-Kommandeurs Galler führt die Spur in ein beschauliches Rentnerparadies an
der spanischen Costa Blanca. Kleine und größere Villen säumen die kurvigen
Straßen an den zur Küste gewandten Berghängen. Lila Bougainvillea-Blüten
überwuchern die Terrassen, blau schimmern die Swimmingpools in den Gärten. In
der kleinen Altstadt kann man Jerry-Cotton-Romane leihen, Konsalik oder Simmels
„Lieb’ Vaterland magst ruhig sein“. In der Bar „Porto Bello“ gibt es Erdinger
Weißbier und Leberkäse mit Kartoffelsalat. Das Städtchen Dénia, auf halber Höhe
zwischen Alicante und Valencia, zählt etwa 28 000 reguläre Einwohner. Dazu
kommen rund 10 000 deutsche, österreichische und Schweizer Rentner, die hier
den Lebensabend verbringen, und Jahr für Jahr an die 100 000 Sommergäste. „Wir
sind das Altenheim der Costa Blanca“, sagt ein ehemaliger Kripobeamter.
Doch ist Dénia kein
gewöhnliches Altenheim. Da gab es etwa den deutschen Elektroinstallateur, der
sich lange schon zur Ruhe gesetzt hatte. Der habe wirklich nie einen Hehl aus
seiner Nazi-Gesinnung gemacht, wird in der Stadt erzählt. Einheimische
Schreiner, die in einer jener Villen am Hang zu tun hatten, erinnern sich an
Fotos mit dekorierten Kriegshelden an den Wänden, ausgestellten Orden und
Hakenkreuzen. Ältere Bürger Dénias erzählen von lauten Gelagen im Ortsteil „Las
Rotas“, wenn etwa am 20. April „Führers Geburtstag“ gefeiert wurde. Dénia war
nach dem Krieg eine Zufluchtsstätte für NS-Anhänger geworden – hier landeten
einige, die den Zugriff der Justiz zu fürchten hatten.
Später ein Baulöwe
Als einer der ersten kam der
SS-Sturmbannführer Gerhard Bremer, ein Ritterkreuzträger mit Eichenlaub, der
einstmals in der Leibstandarte Adolf Hitler diente. In Dénia sattelte der
SS-Mann, Jahrgang 1917, zum Baulöwen und Tourismus-Manager um. So errichtete er
auch eine Reihe von Bungalows an der Südküste des Ortes. In den kleinen, mit
gelblichen Steinen verkleideten Häusern sollen vor Jahren auch einige
Kriegsverbrecher Unterschlupf gefunden haben, die sich über Dénia nach
Argentinien absetzten. Gleich neben der Siedlung hatte die Guardia Civil ein
Quartier aufgeschlagen, wie Einheimische berichten: Zur Zeit des spanischen
Diktators Franco standen die deutschen NS-Verbrecher offenbar unter dem
persönlichen Schutz des damaligen Ministerpräsidenten Carrero Blanco.
Zeitweise lebte auch Otto
Skorzeny in Dénia. Der alte Haudegen, ein Bär von einem Mann mit 1,93 Gardemaß,
der für den Sicherheitsdienst der SS gearbeitet hatte, zeigte sich an der Costa
Blanca stets braungebrannt. Während des Krieges galt er als Hitlers
Wunderwaffe, der viele Sondereinsätze befehligte. So befreite Skorzeny im
September 1943 den italienischen Duce Mussolini, der in einem Berghotel auf dem
„Gran Sasso“, dem höchsten Abruzzen-Gipfel, gefangen war. Zu Lande war das
Hotel nur per Seilbahn zu erreichen, Skorzeny näherte sich mit seinen Trupps
aus der Luft. Er brachte Mussolini zum Gardasee, wo die Deutschen ein
Marionettenregime errichteten mit dem Duce an der Spitze, die „Repubblica di
Salò“. Nach dem Krieg klagten die Amerikaner Skorzeny als Kriegsverbrecher an,
er wurde freigesprochen. Wochen später flüchtete er vor einem deutschen
Spruchkammerverfahren nach Spanien. Er verdingte sich als Makler und
Waffenhändler und lebte auf großem Fuß in Madrid und Dénia.
Skorzeny, ein gebürtiger
Wiener, war in Dénia eng befreundet mit dem Bungalow-Besitzer Bremer. Und er
kannte auch jenen verschlossenen ehemaligen SS-Mann Anton Galler schon aus den
Tagen des Krieges. Damals waren einige Trupps der 16.
SS-Panzer-Grenadier-Division, zu der auch Galler gehörte, zeitweise zur
Bewachung von Mussolini am Gardasee abgestellt worden. Mag sein, dass die
beiden sich bei dieser Gelegenheit sahen. In Dénia jedenfalls haben sie sich
nie getroffen, als Galler Mitte der achtziger Jahre kam, war Skorzeny schon
zehn Jahre tot. Galler baute sich ein eher bescheidenes Häuschen mit kleinen
Fenstern, Terrasse und Swimmingpool; an der gelbgetünchten Fassade ranken rosa
Hibiskusblüten. Hier zog er sich mit seiner zweiten Frau zurück, die Bücher
über Bücher las. Indes führte Galler die beiden Dackel spazieren. Dabei hielt
er „den Kopf immer nach unten“, wie eine Nachbarin erzählt, „starrte er mit
verschlossenem Gesicht vor sich hin“.
Sein Lebenslauf klingt wie die
Bilderbuchkarriere eines Nazimitläufers, der aus kleinen Verhältnissen stammt.
Als unehelicher Sohn 1915 im österreichischen Lilienfeld bei Sankt Pölten
geboren, trat er 1932 in die Hitlerjugend ein. Ein Jahr später war er bei der
SS, 1935 ließ er sich in Deutschland einbürgern. Um diese Zeit schob er Dienst
in Dachau. Später ging Galler nach Polen, wo er als Chef einer Polizei-Kompanie
ausweislich eines handgeschriebenen Lebenslaufes zwischen 1939 und 1941 die
„verbrecherischen Banden“ polnischer Widerständler niederkämpfte und im Raum
Oberschlesien Juden und emigrierte Deutsche zur „Evakuierung“ zusammentrieb.
Ende 1943 wechselte Galler als Kompaniechef zur 16. SS-Panzer-Division, die ab
Frühsommer 1944 in Italien operierte. Zunächst kämpften die Soldaten bei
Netturno südlich von Rom gegen die Alliierten, später bei Livorno, schließlich im
Norden von Pisa. Mittlerweile schrieb man Ende Juli, der Kommandeur des II.
Bataillons war gefallen, Galler wurde sein Nachfolger.
Wenig später geschah das
Massaker von Sant’Anna. Zuvor hatte es schon mehrmals Zusammenstöße mit
Partisanen gegeben, vor allem in den Apuanischen Alpen, einem unwegsamen
Berggelände, das sich oberhalb der Kleinstadt Pietrasanta erhebt.
Nach den Gepflogenheiten des
Krieges töteten die Deutschen für einen umgekommenen Landsmann zumeist zehn
Italiener. Warum das II. Bataillon unter dem Befehl von Galler jedoch ein Dorf
gleichsam ausradierte, mit lauter Frauen und über 100 Kindern, ist bis heute
ungeklärt. Erst jetzt begannen sich die Staatsanwälte dafür zu interessieren.
Ein Soldat des II. Bataillons, der an dem Massaker teilnahm und heute in
Deutschland lebt, erinnerte sich kürzlich gegenüber der Süddeutschen Zeitung:
Alle Menschen in den Bergen seien für Partisanen gehalten worden, deshalb habe
man in Sant’Anna gleich losgeschossen – „wir waren ein bisserl rücksichtslos“.
Der Bäcker in der Mine
Andere Soldaten des
SS-Bataillons schweigen bis heute. So der einstige Stabsoffizier Ekkehard
Albert, heute 84, der im süddeutschen Bochingen lebt. Albert zeichnete für jene
Meldung verantwortlich, die nach dem Gemetzel von Sant’Anna ans
Armeehauptquartier ging: „270 Banditen niedergemacht.
Bandenstützpunkt . . . niedergebrannt. “ Als SS-Kameraden in den
siebziger Jahren eine Divisions-Geschichte schreiben wollten, riet er ab: Man
solle den Italienern keine „Zeit- und Ortsangaben“ nennen. In dem Buch zur
Divisions-Geschichte, das letztes Jahr herauskam, steht wirklich kein Wort über
Sant’Anna. Dass ausgerechnet Galler das Verbrechen hätte aufklären wollen,
scheint unwahrscheinlich. Nach dem Krieg versteckte er sich bei St. Pölten,
später ging er nach Kanada. Dort arbeitete der gelernte Bäcker jahrelang in
einer Uranmine, bis er Mitte der sechziger Jahre nach Österreich zurückkehrte.
Fortan war Galler als Personaleinteiler auf entlegenen Baustellen tätig, wo die
Arbeiter monatelang in Barackenlagern wohnten. Ihm schien das angenehmer, als
daheim zu sein. Sein Sohn Dietmar, der in Deutschland lebt, sagt: „Auf mich
wirkte er immer wie ein Gejagter“.
Kriegserlebnisse habe der
Vater nicht erzählt. Wegen des Verbrechens in Sant’Anna meldete sich auch nie
ein Staatsanwalt. Zwar gab es in den sechziger Jahren eine Anklage wegen der
Ermordung von 13 Menschen in Tschenstochau, doch die erreichte Galler nicht.
Der alte SS-Mann starb im März 1995 friedlich in seinem gelb gestrichenen Heim
mit den rosa Hibiskusblüten. Das letzte Passbild zeigt ein verschlossenes
Brillengesicht mit zusammengepressten Lippen. Die Unterschrift darunter ist so
zackig wie in dem Lebenslauf, wo es um die „Judenevakuierung“ ging.
Bildunterschrift: Ein Ferienidyll, in dem sich auch
Kriegsverbrecher wohlfühlten: das 28.000-Einwohner-Städtchen Dénia an der
spanischen Costa Blanca.
Foto: Ruhestand im Süden:
Anton Galler gilt als Hauptverantwortlicher für ein Massaker an 400
italienieschen Zivilisten 1944 in Sant‘Anna. >BERICHTIGUNG
„Süddeutsche Zeitung“, 13.11.1999
Berichtigung
In der Reportage „Viel Bräune im sonnigen Pensionistendorf“ haben wir am Freitag auf der Seite Drei auch geschrieben, Hitlers Kanzleichef Martin Bormann habe den spanischen Küstenort Dénia als Zwischenstation auf seiner Flucht nach Südamerika benutzt. So hatte es ein Geheimdienstler des früheren spanischen Diktators Franco im Fernsehsender Antena 3 gesagt. Die Aussage ist falsch. Bormann nahm sich am 2. Mai 1945 in Berlin das Leben, seine Asche wurde im August 1999 in der Ostsee versenkt.
„Süddeutsche
Zeitung“, 04.11.1999
Deutsche Kriegsgräuel
in Italien: Verbrecherjagd nach 50 Jahren Schonzeit
Von Christiane
Kohl
Nach jahrzehntelanger
Rücksicht auf den Nato-Partner Deutschland ermittelt die Justiz in Turin und
Rom jetzt gegen Wehrmacht-Soldaten und SS-Leute.
Rom, 03. November. Im Dörfchen
Pedescala nahe der norditalienischen Stadt Vicenza gruben vor einiger Zeit
Arbeiter den Erdboden auf. Ein Staatsanwalt aus Padua hatte sie angewiesen,
nach metallenen Plaketten zu suchen, Orden oder Ehrenzeichen deutscher
Militärs. Derweil recherchierte ein Ermittler aus Verona diskret in Richtung
Kanada. Der Ankläger kümmert sich um Verbrechen, die während des Krieges im
Raum Bozen begangen wurden – in Kanada suchte und fand er einen ehemaligen
SS-Mann.
Mehr als 50 Jahre nach
Kriegsende hat in Italien eine Welle von Ermittlungen und Prozessen eingesetzt.
Beschuldigt sind nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung Angehörige von
SS und Waffen-SS, aber auch Soldaten von Wehrmachtseinheiten wie der
Fallschirm-Panzer-Division „Hermann Göring“, der 34. Infanterie-Division und
der 114. Jäger-Division. Schon in den nächsten Wochen werden mehrere Urteile
und die Eröffnung von neuen Prozessen erwartet. Die Verfahren werden von
deutschen Staatsanwaltschaften mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.
Der deutsche Kollege wartet
Da ist zum Beispiel der Fall
des deutschen Kripobeamten Theo Saevecke. Der Mann, heute 88 Jahre alt, war
SS-Hauptsturmführer und als solcher in der Zeit zwischen September 1943 und
April 1945 praktisch Polizeichef von Mailand. Saevecke, der heute bei Osnabrück
lebt, klagten die Italiener 1998 wegen der Erschießung von 15 Männern im August
1944 auf dem Mailänder Loretoplatz an. Vor einem halben Jahr verurteilte ihn
das Militärgericht in Turin wegen dieses Deliktes in Abwesenheit zu
lebenslänglicher Haft. Noch hat das Urteil für ihn keine direkten Folgen, denn
nach Artikel 16 des Grundgesetzes dürfen Deutsche nicht ausgeliefert werden.
Freiwillig, das hatte der Kripomann schon vor längerem erklärt, aber zieht es
ihn keinesfalls „in das Mafialand“.
Doch in wenigen Tagen sollen
Urteil und Prozessunterlagen in die Bundesrepublik gesandt werden. Staatsanwalt
Heinrich Heits in Osnabrück wartet bereits darauf. Er hatte das deutsche
Konsulat in Mailand angeschrieben und die Staatsanwaltschaft in Turin: „Wenn
die Unterlagen kommen, werde ich prüfen, ob hier ein Verfahren einzuleiten ist.
“ Ebenfalls in Turin steht der einstige SS-Offizier Siegfried Engel vor Gericht.
Während der letzten Kriegsjahre war er SS-Kommandant in Genua. Ihm wird
vorgeworfen, verantwortlich für Massentötungen etwa im ligurischen Portofino
und am Turchino-Pass zwischen Ligurien und dem Piemont zu sein. Der heute
89-jährige Engel, der in Hamburg lebt, redet nicht mal mit seinem
Pflichtverteidiger, er fühlt sich zu Unrecht angeklagt. Doch der Turiner
Staatsanwalt Pier Paolo Rivello wird vermutlich lebenslängliche Haft fordern.
Das Urteil soll am 15. November gesprochen werden.
Ende November wird in Turin
überdies ein Prozess gegen den Deutschen Anton Renninger eröffnet. Dem Mann,
der heute 81 ist und in Erlangen lebt, wird vorgeworfen, er habe Anfang April
1944 in der Ortschaft Cumiana bei Turin 50 Italiener erschießen lassen. Nach
Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft sollten die Männer gegen von den
Partisanen gefangene Deutsche ausgetauscht werden. Noch ehe es zu dem Austausch
kam, waren die Italiener tot.
Schließlich wird in Turin noch
Anklage gegen zwei deutsche Wehrmachtsangehörige geführt, die an der Ermordung
von Zivilisten im Raum Ventimiglia beteiligt waren. Der heute 76-jährige
Heinrich Göring und Hans Geiger, 84, standen einst beim II. Bataillon
des Grenadier-Regiments 253 der 34. Infanterie-Division in Dienst. Zwischen Herbst 1944 und März
1945 kämpfte das Bataillon bei Ventimiglia gegen die Amerikaner. Nach
Recherchen der Staatsanwälte wurden hinter der Front einige Dutzend Unschuldige
getötet sowie verschiedene Dörfer geplündert und angesteckt.
Nicht überall sind so viele
Prozesse wie in Turin im Gang. Landauf, landab werden in Italien derzeit jedoch
neue Verfahren eröffnet. So ermittelt die Staatsanwaltschaft Verona gegen zwei
aus der Ukraine stammende Bundesbürger. Der 75-jährige Michael Seifert und sein
Kamerad Otto Sein werden beschuldigt, einige abscheuliche Verbrechen im Raum
Bozen begangenen zu haben.
Die beiden gehörten zum
Wachpersonal des „Durchgangslagers Bozen“, wo italienische Juden wie auch
politische Häftlinge aus Italien vor der Deportation nach Auschwitz gesammelt
wurden. Nach den Erkenntnissen des Staatsanwalts sollen sie alte Leute
traktiert und erschlagen oder mit eiskaltem Wasser getötet haben. Für die Tat
gibt es offenbar gute Belege, doch die mutmaßlichen Täter schienen
jahrzehntelang unauffindbar zu sein. Seifert spürten die Ermittler jetzt in
Kanada auf. Derzeit wird das Auslieferungsgesuch formuliert.
Auch Italiener sind angeklagt.
In Padua beschuldigt ein Staatsanwalt seinen Landsmann Bruno Caneva, der heute
87-jährig in Argentinien lebt, zusammen mit noch unbekannten Deutschen, ein
Massaker in dem Dorf Pedescala bei Vicenza angerichtet zu haben. Im Frühjahr
1945 waren dort etwa 80 Menschen in eine Schule und eine Kirche gesperrt und
verbrannt worden.
Unterdessen ermittelt der
römische Staatsanwalt Antonio Intelisano gegen deutsche Soldaten, die
Verbrechen im umbrischen Gubbio sowie dem Abruzzendorf Capistrello begangen
haben sollen. In Gubbio hatte eine Einheit des Infanterie-Regiments 721
frühmorgens 40 an Händen und Füßen gefesselte Bewohner erschossen; in
Capistrello wurden 31 Bauern und ein 13-jähriger Junge offenbar von deutschen
Soldaten getötet. Intelisano ist der Staatsanwalt, der den Deutschen Erich
Priebke angeklagt hatte. Er wurde 1998 wegen der Erschießung von 335 Geiseln im
März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom zu einer lebenslänglichen
Gefängnisstrafe verurteilt.
Versteckte Akten
Intelisano war es auch, der
die neuerliche Ermittlungswelle ins Rollen brachte. Vor einigen Jahren hatte er
bei der Recherche nach Akten einen Justizbeamten beauftragt, nach einer
verschwunden geglaubten Registratur zu fahnden. Sie fand sich schließlich im
Gebäude der römischen Militär-Generalstaatsanwaltschaft. Versteckt in einem
seit Jahrzehnten verschlossenen Schrank, der mit der Tür zur Wand stand,
tauchten damals rund 2000 Akten auf, welche die Amerikaner noch während des
Krieges angelegt und nach 1945 an die Italiener gesandt hatten. Aus politischer
Rücksicht auf den Nato-Partner Deutschland hatte Italien in den 50er Jahren
jedoch auf die Verfolgung der Täter verzichtet.
Nicht alle der neuen Verfahren
sind gut belegt. In Neapel steht derzeit ein Mann vor Gericht, der sich nicht
nur unschuldig fühlt – er ist es vermutlich auch. Dem Architekten Otto Gall,
heute 86, wird die Erschießung von vier Geistlichen in Mugnano bei Neapel
vorgeworfen. Hingegen fand der Freiburger Militärforscher Gerhardt Schreiber
heraus, dass die Tat vermutlich von einem anderen Soldaten begangen wurde.
Schreiber gilt als Spezialist, der zahlreiche Wehrmachtsverbrechen in Italien
aufdeckte, das Gericht in Neapel wollte ihn letzte Woche jedoch nicht einmal
anhören. Ungerührt forderte die Staatsanwältin lebenslängliche Haft, diesen
Freitag soll das Urteil fallen. „Wenn Gall verurteilt würde“, meint Schreiber,
„wäre dies ein ungeheurer Skandal. “
Bildunterschrift:: Nicht nur
SS-Männer, auch Soldaten der Wehrmacht, hier bei einem Gefecht 1944 in Florenz,
waren an Kriegsverbrechen in Italien beteiligt.
Oktober 1999
„die
tageszeitung“, 30.10.1999
Fast
prompt: Italien knöpft sich NS-Verbrecher vor
Einige hundert deutsche Kriegsverbrecher
aus Nato-Räson bisher nicht verfolgt
München / Rom (dpa). Italien ermittelt mit deutscher Hilfe gegen
Kriegsverbrecher, die bisher nicht vor Gericht gestellt wurden. Ein Sprecher
der Zentralen Ermittlungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg bestätigte
gestern einen Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ), wonach seine Behörde in
etwa 100 Fällen um Amtshilfe gebeten worden ist. Es sei auch schon Material
nach Italien geliefert worden. Einzelheiten konnte der Sprecher nicht nennen.
Nach Recherchen der SZ sind einige hundert deutsche
Kriegsverbrecher bis heute nicht bestraft worden, weil nach dem Krieg nie
ernsthaft gegen sie ermittelt worden ist. Dies gehe aus Dokumenten der
Alliierten hervor. Danach verzichtete Italien aus Rücksicht auf den
Nato-Partner Deutschland auf die Verfolgung. Ermittlungen hätten laut einer
Notiz des damaligen Außenministers Gaetano Martino aus dem 1956 „die Kritik am
Verhalten deutscher Soldaten fördern“ und in der Bundesrepublik den „internen
Widerstand gegen den Nato-Beitritt“ stärken können. Nun habe die
Militärgeneralstaatsanwaltschaft in Rom die Ermittlungsakten an die zuständigen
Anklagebehörden weitergeleitet.
Nicht wenige der damaligen
Täter seien noch am Leben. Sie könnte eine Welle neuer Ermittlungsverfahren
treffen. Dabei gehe es auch um die Auslöschung ganzer Ortschaften wie des
toskanischen Dorfes Sant ´Anna di Stazzema.
„Magazin der
Süddeutschen Zeitung“, 29.10.1999
Geschichte
Der Himmel war strahlend
blau
Am 12. August
1944 überfiel die Waffen-SS ein Bergdorf in der Toskana.
Mehr als
vierhundert Menschen wurden erschlagen, erschossen, verbrannt.
Die meisten von
ihnen Frauen und Kinder.
Nach den Tätern
hat nie jemand ernsthaft gesucht. Bis jetzt.
Von Christiane Kohl
Fotos: Jens Schwarz
Bildunterschrift: Hier lebten
im Krieg etwa 300 Bergbauern und Minenarbeiter. Dazu kamen rund 700
Flüchtlinge.
Bildunterschrift: Enio
Mancini vor der Kirche, wo die Soldaten die Leichen auftürmten. Damals war er
sieben Jahre alt. Im August 1944: Stellungen der 16. Division der Waffen-SS
südlich der „Gotenlinie“ (Pfeil).
Der Besucher sah aus wie ein
Deutscher. Groß, grauhaarig und ziemlich verschlossen. „Es dürfte in den späten
Siebzigern gewesen sein“, schätzt Enio Mancini. Für das kleine Museum, das der
pensionierte Buchhalter in der alten Dorfschule oben am Berg betreibt,
interessierte sich der Fremde wenig. Mancini beschlich ein Verdacht, „der
könnte dabei gewesen sei“. Fast eine halbe Stunde lang war der Mann auf dem
kleinen Platz vor der Dorfkirche zwischen den vier Platanen herumspaziert. Er
hatte einen Lageplan hervorgezogen und fachmännisch die verwitterten
Einschusslöcher am Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs inspiziert.
Immer wieder blickte er zu den grauen Feldsteinhäusern an den Berghängen
hinauf, die wie von den Rängen eines riesigen Amphitheaters auf das Kirchlein
herabschauen. Die Frau, die mit ihm gekommen war, musterte unterdessen die
Ausstellungsstücke des Museums. Sie sah die Habseligkeiten einer mit rotem Samt
ausgeschlagenen Vitrine: ein zerfleddertes Portemonnaie mit alten Lirescheinen,
angesengte Fotos und einen verkohlten Hut, Eheringe, Armbänder und Rosenkränze,
einen zerrissenen Hosenträger und das Zifferblatt eines rostigen Uhrwerks, das
exakt um acht Minuten vor sieben stehen geblieben war.
Es sind Erinnerungen an ein
ausgelöschtes Dorf. Mehr als vierhundert Menschen wurden am 12. August 1944 in
dem Bergbecken Sant’ Anna di Stazzema zwischen Carrara und Lucca ermordet,
nicht wenige von ihnen starben auf dem Kirchplatz unter den Platanen. Über zwei
Drittel der Opfer waren Frauen und Kinder; Enio Mancini, damals ein Junge von
sieben Jahren, gehört zu den wenigen Überlebenden. Das Verbrechen in den
toskanischen Bergen ist vergleichbar mit den Morden von Lidice 1942 und Oradour
1944, zwei Ortschaften in Tschechien und Frankreich, in denen deutsche Besatzer
fast alle Einwohner töteten. Von Lidice und Oradour weiß die Welt, das Massaker
von Sant’ Anna ist nicht einmal in ganz Italien bekannt. Um so merkwürdiger
erschien Mancini der Besuch des deutschen Ehepaares in seinem abgelegenen Dorf
mitten in den Apuanischen Alpen. Neugierig erkundigte er sich bei der Frau, ob
ihr Mann „vielleicht schon einmal hier gewesen ist“. Und ihn erfasst noch heute
ein Frösteln, wenn er die Antwort wiederholt: „Wissen Sie, mein Mann war bei
der Waffen-SS, auch in Italien“, habe die Frau in ungelenktem Italienisch
gesagt, „aber er spricht nicht darüber, nicht mal mit mir.“
Das Ehepaar hinterließ keinen
Eintrag im Gästebuch des kleinen Museums. Der hätte Giovanni möglicherweise die
Arbeit erleichtert. Ballo, 60, ist Militärstaatsanwalt in La Spezia, der
Hafenstadt knapp fünfzig Kilometer nördlich. Er hat vor kurzem ein neues
Ermittlungsverfahren wegen des Massakers eröffnet. Seitdem befragen Carabinieri
die Überlebenden nach Hinweisen auf die deutschen Soldaten. Dottore Ballo, der
über den Stand der Nachforschungen nicht sprechen möchte, bat auch die deutsche
Justiz um Mithilfe: Mehr als fünfzig Jahre nach dem Mordtag von Sant’ Anna wird
jetzt zum ersten Mal ernsthaft nach Tätern gesucht.
Eine Fahndung, die Enio
Mancini und einige andere Bewohner aufmerksam verfolgen. In der Bar
„Michelangelo“ am Marktplatz der Kleinstadt Pietrasanta unten im Tal sitzt
Agostino Bibolotti, 84, ein kleiner Mann mit buschigen schwarzen Augenbrauen.
Ihn zwangen die Deutschen am frühen Morgen des 12. August, ein schweres
Funkgerät zu tragen, das sie mit sich führten. Er hat viel gehört und gesehen
an jenem Tag, die Schüsse, die Schreie, die brennenden Häuser, die verkohlten
Leichen. Hernach verschleppten ihn die Nazis zur Zwangsarbeit nach Deutschland,
statt ihn, wie die meisten anderen der zum Hilfsdienst gepressten Männer, noch
oben im Dorf zu ermorden. Als Bibolotti ein Jahr später wieder nach Sant’ Anna
kam, war seine Familie nahezu ausgelöscht; lediglich ein Neffe hatte überlebt.
Der ist heute 61 und betreibt einen Buchladen nicht weit von der Bar. In
Todesangst saß er damals, kaum sechs Jahre alt, in einem brennenden Stall.
Seine Mutter warf einem Soldaten einen Holzschuh an den Kopf, im nächsten
Moment wurde sie von einer MG-Salve niedergestreckt. Doch ihr Sohn konnte sich
in einer Nische des Stalles verstecken. „Ich sehe mir nie Sendungen über den
Krieg an“, sagt der Buchhändler, „ich durchlebe das sonst immer wieder.“
In den Amtsstuben der
Militärstaatsanwaltschaft von La Spezia, ein Gründerzeit-Palazzo unweit des
Hafens, stapeln sich graue Pappmappen mit Dokumenten über Sant’ Anna und andere
NS-Verbrechen in der Region. „Etwa 10.000 Zivilisten, die nicht Partisanen
waren“, schätzt der italienische Historiker Carlo Gentile, Spezialist für die
Zeit der deutschen Besatzung, sind in Italien zwischen 1943 und 1945 von Wehrmacht
oder Waffen-SS getötet worden: „Genau gezählt hat die Opfer niemand.“ Kaum
eines der Gemetzel wurde gerichtlich aufgearbeitet. Nach und nach aber fördern
Forscher wie Gentile neue Erkenntnisse aus längst abgelegten Akten zu Tage:
„Die Chancen steigen, die Taten doch noch aufzuklären.“ Als deutsche
Staatsanwälte in den sechziger und siebziger Jahren auf Grund einer Verbalnote
aus Italien einigen Fällen nachgingen, klappten sie die Unterlagen nur allzu
gern wieder zu. Sie besahen sich die Aussageprotokolle italienischer
Überlebender und befanden zumeist, dass diese nicht hilfreich seien, denn, so
notierte ein Staatsanwalt in die Akten: „Als Südländer neigen sie zu
Übertreibungen.“
Für das Massaker von Sant’
Anna gibt es jedoch auch deutsche Zeugen, nur haben die Ermittler sie bislang
nie gesucht. In einer kleinen Stadt in Süddeutschland lebt einer jener
Soldaten, die damals mit dabei gewesen sind. „Sankt Anna, das war furchtbar,
eins meiner schlimmsten Erlebnisse“, sagt der Mann in Trainingshosen. Er liegt
in einem Krankenbett und wirkt nachgerade erleichtert über den Besuch: „Endlich
fragt mal jemand nach diesen Dingen.“ Aus schweren, weißen Kissen schaut ein
gerötetes Gesicht mit schütterem Haarkranz und stahlblauen Augen hervor. Mit
seinen 73 Jahren hat der Mann mehrere Herzoperationen hinter sich, er möchte
anonym bleiben – nennen wir ihn Heinz Otte. Seit damals ist er nie wieder in
Italien gewesen. „Da hätte ich wohl ein schlechtes Gewissen“, sagte Otte. Nie
werde er „die entsetzten, ängstlichen Augen“ zweier Frauen vergessen, die er in
dem Gemetzel am Straßenrand sitzen sah. „Die Kameraden riefen: ‚Weg da, wir
müssen die erschießen’“, erzählt der Rentner. „Da habe ich mich zu den Frauen
gesetzt und gesagt: ‚Ihr werdet nicht erschossen.’“
Bildunterschrift: Enrico
Pieris Familie wurde mit Nachbarn in der Küche zusammengetrieben. Nach dem
Massaker zündeten die Soldaten das Haus an. Nur Enrico und seine Schwester
Gabriella (Mitte) überlebten.
Otte war Zugführer bei der
16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer-SS“, die seit Mai 1944 im
aussichtslosen Abwehrkampf gegen die Alliierten entlang der italienischen
Riviera nach Norden zurückwich. „Wir waren Himmlers rasendes Kommando.“ Hinter
der Front gingen Einheiten der 16. Division im Gebirge häufig gegen Partisanen
vor – oder gegen Menschen, die sie dafür hielten. Im Spätsommer 1944 brachten
die SS-ler nach Schätzung des Historikers Gentile binnen zwei Monaten allein
2.500 italienische Zivilisten um, „keine andere deutsche Einheit hat so viele
getötet“. Otte, Jahrgang 1925, war mit 17 Jahren vom Reichsarbeitsdienst zur
Waffen-SS gegangen: „Ich wollte das Vaterland verteidigen.“ Die Erinnerungen
des Mannes, der bei Kriegsende SS-Unterscharführer war, werfen nun erstmals ein
Licht auf den Hergang des Massakers in Sant’ Anna. „Wir waren ein bissel
rücksichtslos“, sagt Otte. Er selbst habe aber nicht gemordet an jenem 12.
August. Sann wird es dem alten Herrn plötzlich heiß, er greift sich an den
Kragen und blickt hilfesuchend zu seiner Frau: „Gerda, hast du die Heizung
aufgedreht?“
„Die Soldaten wollten vom
ersten Moment an töten.“ Später wurde klar, dass die junge Mutter im vierten
Monat schwanger war.
Der Befehl zum
„Bandeneinsatz“ erging am Abend vorher: Ottes Truppe lag in einem Bauernhof unweit
von Pietrasanta. In aller Herrgottsfrühe marschierten die Soldaten in die Berge
hinauf, Otte musste mit drei Kameraden die bleischweren Teile eines
Granatwerfers schleppen. „Es hieß, wir sind im Partisanengebiet; jeder, den man
trifft, wird erschossen.“ Aus vier Himmelsrichtungen rückten Soldaten vor, rund
zweihundert Mann, ein ganzes Bataillon. Das Dorf hatte damals etwa dreihundert
Einwohner, zumeist arme Bergbauern oder Minenarbeiter, die in den Eisen- und
Schwefelkiesgruben arbeiteten. Im Sommer 1944 wohnten in den grauen
Feldsteinhäusern, die sich in kleinen Siedlungen mit Namen wie Bambini, Le Case
oder Vaccareccia an die Berghänge lehnen, noch an die siebenhundert
Flüchtlinge. Frauen und Kinder aus Pisa, Prietasant oder Lucca, die in dem Bergort
Schutz suchten vor den Kämpfen und Bombardements unten an der Front. In der
Ebene stießen die Amerikaner Kilometer um Kilometer vor. Im Juli 1943 war
Benito Mussolini gestürzt worden. Bald führte der „Duce“ vom Gardasee aus ein
Marionettenregime, während die Deutschen die Fäden zogen. Anfang Juni 1944
mussten die Nazis Rom verlassen, am 10. August wurde Florenz geräumt. Nun stand
die Front nahe Pisa. Von den Bergen bei Sant’ Anna konnte man bei klarem Wetter
die Kämpfe an der Arno-Mündung beobachten.
Am Morgen des 12. August 1944
war der Himmel strahlend blau. Einige Frauen heizten die Backöfen ein für das
Brot, andere gingen aufs Feld Kartoffeln sammeln. Auch Enrico Pieri, damals
zehn Jahre alt, war früh aufgestanden. Am Abend hatte sein Vater eine Kuh geschlachtet,
jetzt sollte der Metzger kommen und das Tier zerlegen. Er kam gegen sechs Uhr
und wollte sofort wieder weg. „Unterwegs hatte er deutsche Stimmen gehört und
Angst bekommen“, berichtet Pieri, „eine Kuh zu schlachten war damals doch ein
Verbrechen.“ Bald bemerkten auch Dorfbewohner die Soldaten. Viele Männer
befürchteten, es werde wieder eine jener Razzien geben, mit denen die Deutschen
Zwangsarbeiter rekrutierten für den Ausbau ihrer wenige Kilometer nördlich
gelegenen Verteidigungsstellungen, der „Gotenlinie“. Sie schnappten ihre
Rucksäcke und rannten in den Wald – so konnten sich einige retten. Dann sahen
die Bewohner, wie aus mehreren Richtungen Leuchtkugeln in die Luft geschossen
wurden: Es war das Signal der Deutschen, die das Dorf nun von mehreren Seiten
gleichzeitig angriffen.
In der Siedlung „Franchi“
bollerten die Soldaten an die Tür „und brüllten ‚Rrrauss!’“, erinnert sich
Pieri. Die Leute wurden aus den Häusern getrieben. Eine Frau, die an der Tür
stehen blieb, erschossen die Deutschen auf der Stelle. Wenig später wurden die
Pieris zusammen mit ihren Nachbarn zurück in die Küche gestoßen. „Dann haben
sie sofort geschossen.“ Plötzlich hörte der kleine Enrico jemanden neben sich
flüstern. Das Nachbarsmädchen Grazia, vier Jahre älter als er, hatte sich unter
der Küchentreppe verkrochen, sie zog den Jungen zu sich herab. Zitternd vor
Angst erlebten die Kinder nun unter dem Schutz der Treppe mit, wie in dem Raum
all ihre Verwandten ermordet wurden. Am Ende ging ein SS-Mann noch einmal durch
die blutbespritzte Küche. „Eine Tante von mir bewegte sich noch“, sagt Pieri,
„der Soldat hat sie erschossen.“ Dann warfen die Soldaten Stroh auf die
Leichen, steckten es in Brand und zogen weiter. In der Küche hörten die Kinder
ein Stöhnen. Grazias Mutter war noch am Leben und rief nach Wasser. Als sie ihr
einen Becher brachten, entdeckten Enrico und Grazia, dass sich unter den Toten
noch jemand bewegte. Es war Gabriella, Grazias kleine Schwester.
Die Küche brannte. Enricos
Mutter starb in den Flammen, die Kinder stürzten im letzten Augenblick ins
Freie. „Wir waren schon fast vergiftet vom Rauch“, sagt Pieri. Den Rest des
Vormittags versteckten sich die drei unter den Bohnenstangen im Garten. Erst
als die Schüsse im Tal verhallt waren, wagten sie sich hinaus. Nun kroch der
Junge noch einmal in die heruntergebrannte Hütte und suchte das Portemonnaie
seines Vaters. Enrico Pieri hatte an diesem Tag seine komplette Familie
verloren: Mutter, Vater und zwei Schwestern. Später erfuhr er, dass die Mutter
im vierten Monat schwanger gewesen war. „Die Soldaten wollten vom ersten Moment
an töten“, glaubt der heute 65-Jährige.
Eine Räumung des Dorfes kann
nicht Sinn des Angriffs gewesen sein, meint auch Otte: „Es ging darum, die
Partisanen zu vernichten.“ Als solcher wurde in den Berggebieten eigentlich
jeder betrachtet, betont der Rentner; Männer natürlich sowieso, aber auch
Frauen: „Die konnten ganz gefährlich sein.“ Verschiedene Wehrmachtsbefehle
deckten das Töten von Zivilbürgern, etwa wenn sie den Partisanen Lebensmittel
gaben. Von Kindern aber war in diesen Befehlen keine Rede. Einige SS-Männer in
Sant’ Anna schien ihr Anblick jedoch erst richtig mordlustig zu machen. „Die
Deutschen wollten die Kleinen nicht weinen hören“, erzählen überlebende Frauen,
„das hat sie ganz nervös und böse gemacht.“ Mehr als 110 Kinder wurden am 12.
August 1944 umgebracht, das jüngste war zwanzig Tage alt.
Anfangs hatte der Soldat Otte
noch abseits gesessen. Als Führer eines Granatwerfertrupps gab es für ihn
nichts zu tun: „Mit unserem schweren Ding, da konnten wir wohl da oben nichts
machen.“ Doch als die erste Schießerei vorbei war, musste auch Otte auf
Menschenjagd gehen. „Da habe ich die Tür von so einem Schuppen aus Feldsteinen
aufgemacht“, erinnert er sich, „Jessas, war das Ding voll.“ Etwa zwanzig bis 25
Zivilisten zählte er in dem Stall. Otte rief Kameraden herbei. „Räuchert das
Nest aus“, habe der Truppenführer gerufen, dann habe einer mit der Waffe
hineingehalten. „Drrrrr“, Otte formt mit den Händen ein Maschinengewehr und
schaut zu seiner Frau herüber: „Ja, Gerda, das war die Musik des Krieges.“
Gegen Mittag lebte in Sant’
Anna kaum jemand mehr. Wen die Soldaten nicht oben am Hang „erledigt“ hatten,
den erschossen sie vor der tiefer gelegenen Kirche. Beim Abmarsch sah Otte
einen riesigen Berg Leichen unter den Platanen: „Die waren da aufgestapelt vor
einem großen Kruzifix“, erinnert sich der Rentner in seinem Krankenbett. Als
sein Trupp schon abgezogen war, schossen noch ein paar Kameraden mit dem
Maschinengewehr in die schöne alte Orgel hinter dem Altar, eine Handgranate
traf das marmorne Taufbecken. Dann warfen sie die Kirchenbänke auf die Toten,
gossen Benzin darüber und steckten den Leichenberg in Brand. Das Feuer flammte
so hoch, dass eine der Platanen bis auf den Stumpf herunterbrannte. Am nächsten
Tag zählte der aus einem Nachbarort herbeigeeilte Pfarrer allein auf dem
Kirchplatz 132 verkohlte Leichen; in ganz Sant’ Anna wurden später etwa
vierhundert Opfer namentlich identifiziert. Da sich zum Zeitpunkt des Massakers
so viele Flüchtlinge in dem Ort befanden, weiß man bis heute nicht genau, wie
viele Menschen die Deutschen in Sant’ Anna töteten.
Singend und pfeifend, so
wollen Überlebende beobachtet haben, sei das SS-Bataillon aus der brennenden
Ortschaft ins Tal marschiert. Otte meint, in seinem Trupp sei nicht gesungen
worden: „Das lag uns doch alles im Magen.“ Aber er sagt: „Es gab Gerade und
Krumme“ in der Truppe. Einige hätten bei Einsätzen wie entfesselt gewirkt, „die
haben da wild um sich geschossen.“ Andere, zu denen er sich selbst zählt, seien
möglichst in Deckung geblieben: „Krieg gegen Zivilisten, das war nicht mein
Ding.“ Richtig weigern habe man sich nicht können, doch sei es möglich gewesen,
sich im entscheidenden Moment umzudrehen oder „nach seinem Gerät zu gucken“.
Besonders die Jüngeren in der
Truppe, die 17-, 18-, 19-Jährigen, standen wohl in einem furchtbaren Konflikt.
Ab 1943 waren viele von ihnen zwangsweise zur Waffen-SS eingezogen worden. Von
ihren Offizieren wurden sie oft sinnlos getriezt und in zweifelhafte
„Bandeneinsätze“ getrieben, auch wenn sie nicht auf Zivilisten schießen
wollten. Unter den einstigen Vorgesetzten aber haben sich nicht wenige schuldig
gemacht. Durch Schweigen oder Desinformation sorgen einige noch heute dafür,
dass in vielen Fällen nicht einmal bekannt geworden ist, welche Einheit am
Werke war. Da gibt es den Fall der kleinen Ortschaft Massaciuccoli, einige
Kilometer südlich von Sant’ Anna. Am 1. September 1944 verbrannten dort elf
Menschen bei lebendigem Leib in einem Schuppen. Zeugen bestätigen diese und
eine Reihe anderer Taten der 16. SS-Division und nannten Namen deutscher
Offiziere, darunter den damaligen Chef des I. Bataillons 36, Ludwig Gantzer.
Als Stuttgarter Staatsanwälte 1965 zu ermitteln begannen, führten alte
Kameraden sie jedoch auf eine falsche Fährte. Durch Zufall erfuhren die
Ermittler 1967, dass Gantzer ohne Umstände erreichbar gewesen wäre – als
Polizeichef im nahen Göppingen. Nach kurzer Einvernahme des Kollegen wurde die
Akte geschlossen. Gantzer blieb unbehelligt bis zu seinem Tod.
Auch in Sant’ Anna sind die
wahren Täter bis heute nicht überführt. Bald nach Kriegsende, im Juni 1947,
hatten die Engländer den ehemaligen Kommandeur der 16. Panzergrenadierdivision,
SS-Generalleutnant Max Simon, wegen des Massakers und anderer Kriegsverbrechen
angeklagt. Beim Prozess in Padua behauptete Simon, von den Vorgängen in dem
Bergdorf nichts gewusst zu haben; das Gegenteil war ihm nicht zu beweisen. Im
Oktober 1951 stand der einstige SS-Sturmbannführer Walter Reder, ein gebürtiger
Österreicher, in Bologna vor Gericht. Er hatte 1944 die berüchtigte
Aufklärungsabteilung 16 der Division „Reichsführer-SS“ befehligt. In acht
Anklagepunkten wurde ihm eine Reihe abscheulicher Kriegsverbrechen zur Last
gelegt, darunter das Gemetzel an mehr als siebenhundert Bewohnern der Gemeinde
Marzabotto bei Bolgna, das neben der Erschießung von 335 Geiseln in den
ardeatinischen Höhlen bei Rom zum Symbol für den Terror der Nazis in Italien
geworden ist. Für Marzabotto bekam Reder lebenslänglich, im Anklagepunkt Sant’
Anna sprachen ihn die Richter mangels Beweisen frei. Bis heute war Reder nur
nachzuweisen, dass er die Ermordung von 53 Männern anordnete, die aus Sant’
Anna in die nahe gelegene Ortschaft Bardine di San Terenzo verschleppt und
einige Tage später exekutiert wurden.
So führen einige der Täter
von Sant’ Anna seit mehr als fünfzig Jahren ein friedliches Bürgerdasein in
Deutschland. Doch könnte die Archivrecherche des Florentiner Historikers Paolo
Paoletti die Ermittler nun auf eine heiße Spur bringen. Der Forscher entdeckte
in Washington ein Bündel Akten aus dem Jahr 1944. Die Amerikaner hatten
unmittelbar hinter der Front ein Untersuchungsteam eingesetzt, das noch während
der Kämpfe Beweismittel zur Aufklärung deutscher Kriegsverbrechen sammelte. In
Sant’ Anna fanden die US-Militärs im September 1944 Knochenreste und
Kinderzähne, sie vernahmen Überlebende und einen desertierten SS-Mann.
Duplikate ihrer Akten wurden später auch nach Italien gesandt. In Rom landeten
sie jedoch in der Ablage – und galten seither als verschollen. Nur durch Zufall
kamen die vergilbten Mappen kürzlich wieder ans Licht.
Ein römischer Justizbeamter
hatte sie in einem lange vergessenen Schrank entdeckt, als er Unterlagen zum
Fall des SS-Sturmbannführers Erich Priebke suchte, der 1998 wegen der
Erschießungen in den Ardeatinischen Höhlen verurteilt wurde. Insgesamt fanden
sich detaillierte Akten zu etwa siebenhundert Fällen. Wie eine
Untersuchungskommission herausfand, waren sie nicht etwa zufällig verschwunden,
sondern in den fünfziger Jahren beiseite gelegt worden. Nachdem sich
Deutschland als NATO-Partner im Kalten Krieg der Wiederbewaffnung widmete,
wollte die von den Christdemokraten geführte italienische Regierung die
Bündnispartner in Bonn nicht durch heikle Fragen irritieren. Solche
Ermittlungen, hielt der damalige Außenminister Geatano Martino am 10. Oktober
1956 fest, könnten nur „die Kritik am Verhalten deutscher Soldaten fördern“ und
in der Bundesrepublik den „internen Widerstand gegen den NATO-Beitritt“ stärken.
So blieben die Akten jahrzehntelang unberührt, aus politischer Rücksichtnahme
kamen viele der Schuldigen davon. Doch vor einiger Zeit begann die
Militärgeneralstaatsanwaltschaft in Rom die Akten an die zuständigen
Anklagebehörden abzugeben – auch den Militärstaatsanwalt Ballo in La Spezia
erreichte ein umfangreiches Konvolut.
Bildunterschrift: Die Führer
der 16. SS-Panzergrenadierdivision 1944: Stabsoffizier Ekkehard Albert,
Kommandeur Max Simon und sein Nachfolger Otto Baum (v. l.). Rechts: Nicola Bardalacchi,
toskanischer Partisan.
Wichtigstes Beweisstück darin
ist ein alter Passierschein, den ein SS-Oberscharführer am 12. August 1944
ausstellte. Das Papier hatte einer jener Männer bekommen, die in Sant’ Anna von
der Waffen-SS zum Munitionstragen verpflichtet worden waren. Neben der
Unterschrift ist auf dem Zettel die Feldpostnummer vermerkt: FP 01011B –
zweifelsfrei die 5. Kompanie des II. Bataillons im Regiment 34 der 16.
SS-Division. Kommandeur dieses Bataillons war ein Österreicher, der gelernte
Bäcker Anton Galler. Er schob 1933 Dienst in Dachau, später wirkte er in einem
SS-Polizeiregiment an der Bekämpfung „von verbrecherischen Banden“ und der
„Evakuierung von Juden und Polen“ mit, wie er sich in seinem Lebenslauf rühmt.
Nach dem Krieg lebte Galler, Jahrgang 1915, zurückgezogen in Salzburg – kein
Staatsanwalt hat ihn je mit Fragen nach Sant’ Anna behelligt. Mitte der
achtziger Jahre siedelte Galler nach Spanien über, wo er 1993 starb.
„Eine Tante von mir bewegte
sich noch. Der Soldat hat sie erschossen.“ Dann warfen die Deutschen Stroh auf
die Leichen und setzten es in Brand.
Die alten
Untersuchungsprotokolle, auf die der Historiker Paoletti in Washington gestoßen
ist, enthalten die Namen von weiteren Männern, die vermutlich – wenn auch nicht
in hohen Positionen – aktiv in die Morde von Sant’ Anna verwickelt gewesen
sind. Zum Beispiel den eines SS-Oberscharführers, der im Rheinland lebt: „Klar
waren wir da oben“, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte, „aber wir waren
an so vielen Stellen, dass ich mich an Einzelheiten nicht entsinnen kann.“
Josef Ziller kann sich noch
recht gut erinnern. Den jungen Katholiken hatte die Waffen-SS erst wenige
Monate zuvor als 17-Jährigen zwangsweise rekrutiert; er gehörte zur 6. Kompanie
des II. Bataillons. In der Brusttasche seiner Uniform hielt er stets den
Rosenkranz griffbereit. Am 8. August 1944, vier Tage vor dem Massaker, hatte
ihn ein Lastwagen mitsamt seinen Kameraden in die Berge bei Farnocchia
gebracht, ein Dorf nahe Sant’ Anna. „Beim Aussteigen hieß es:
Partisaneneinsatz.“
Zillers Trupp von vielleicht
fünfzig Mann marschierte noch ein Stück weiter ins Gebirge. Der junge Soldat
folgte nur zögernd, er dachte an seinen Vater, der gerade gestorben war. Nach
dem schweren Marsch setzte er sich auf einen Stein, als plötzlich Partisanen
aus dem Gebüsch stürmten. Ziller traf ein Gewehrschuss ins Gesäß, er blutete
stark. Zwei Italiener, die von der SS-Truppe zum Munitionsschleppen gezwungen
worden waren, brachten ihn auf einer provisorischen Trage ins Tal. Die hätten
mich ja auch umbringen können“, wundert sich Ziller noch heute. Damals hatte er
von dem Gemetzel, das sich wenige Tage später in Sant ‚Anna ereignete, nichts
erfahren. Heute fragt er sich: „War ich vielleicht der Anlass?“
Es hatte weitere Verletzte
und auch Tote gegeben an jenem 8. August. Offenbar war Zillers Trupp von der
Stärke der Partisanen überrascht worden. Noch am Nachmittag zündeten die
Deutschen aus Rache das Dorf Farnocchia an. Der Einsatz in Sant’ Anna vier Tage
später war vermutlich als weitere Vergeltung geplant. „Es hieß, dass die
Partisanen eine Einheit von uns überfallen hätten“, erinnert sich Otte an den
Einsatzbefehl. Bis heute ist jedoch unklar, wie das Massaker genau begann. In
der Bar „Michelangelo“ in Pietrasanta können sich die Männer noch immer darüber
in Rage reden. Wollte die SS, wie Enio Mancini glaubt, „ein Exempel
statuieren“? Oder hat der Historiker Paoletti recht, der sich die Brutalität
der Deutschen nur damit erklären kann, dass ein Heckenschütze aus einem der
Häuser auf sie feuerte?
In seiner Wohnstube in
Pietrasanta zieht Nicola Bardalacchi unwillkürlich den Kopf ein, wenn das
Gespräch auf den August 1944 kommt. Bardalacchi, heute 78, war damals Partisan.
Als Josef Ziller verwundet wurde, hockte er vermutlich keine hundert Meter
entfernt in seinem Versteck: „Ich habe die SS-ler gesehen, sie waren auf Razzia
in den Bergen.“ Jetzt sitzt Bardalacchi am Kamin, die Flammen erleuchten sein
wettergegerbtes Gesicht. Rechterhand steht die Politliteratur im Regal mit
Büchern über die Resistenza. In einem gläsernen Hängeschrank gegenüber sind ein
paar altertümlich anmutende Gewehre aufbewahrt. „Nein“, wehrt Bardalacchi ab,
„das sind keine Partisanenwaffen, nur Jagdgewehre.“ Aus den umliegenden Dörfern
hatten sich damals die jungen Leute zum Widerstand zusammengetan, „wir waren
die 10. Brigade Garibaldi“, erzählt der alte Partisan. Im März 1944 warfen die
Amerikaner Munition, Schuhe und Kleider ab; im Juni Maschinenpistolen und ein
Funkgerät – „seitdem standen wir in Kontakt mit den Alliierten.“ Von ihren
Stützpunkten aus sprengten die Partisanen Brücken und Fahrwege, überfielen die
deutschen Transporte. Natürlich gab es in den Bergdörfern Kontakte zu den
Kämpfern. „Wenn sie an der Tür klopften“, erzählt Enio Mancini, „hat mein Vater
ihnen Milch gegeben.“ Aus Sicht der Deutschen wäre allein das ein todeswürdiges
Verbrechen gewesen.
An jenem 12. August aber
waren, wie Bardalacchi erzählt, gar keine Partisanen oben in den Bergen. „Ich
saß zu Hause bei meinen Eltern“, sagt der alte Partisan. „Die meisten anderen
waren Richtung Lucca weitergezogen.“ Noch Jahrzehnte nach dem Massaker bekam
Bardalacchi, der nach dem Krieg Polizist in Pietrasanta war, die Wut der Leute
zu spüren: „Die meinten, wir seien schuld gewesen an dem Gemetzel.“ Unter den
zweihundert SS-Männern gab es am 12. August tatsächlich zwei Verletzte. Einer
von ihnen war Heinz Otte. Er setzt sich in seiner Kissenburg auf, weist auf
eine kleine Delle am Hinterkopf – „das war Sankt Anna“. Ein Streifschuss hatte
ihn getroffen. Doch das war mittags, der Auslöser für das Massaker kann seine
Verletzung nicht gewesen sein.
Wo der Schuss her kam? Otte
zuckt mit den Schultern, er sei direkt nach dem Treffer kurz in Ohnmacht
gefallen. Begonnen habe es am frühen Morgen schon vor dem Dorf, irgendwo in
Sichtnähe des ersten Gehöfts: „Sowie man die ersten Zivilisten sah, wurde doch
geschossen.“ Morgens gegen neun beobachtete eine Dorfbewohnerin, wie ein
verletzter Offizier auf einer Trage ins Tal geschleppt wurde. Mag sein, dass
die beiden Verwundeten die Wut der SS-Leute zusätzlich anstachelten, eine
Rechtfertigung für das Schlachten sind sie nicht. Selbst wenn sich der eine
oder andere Dorfbewohner zu Beginn gegen die Razzia gewehrt haben sollte, schmälert
das nicht die Schuld.
Immerhin gab es Soldaten, die
nicht mitmordeten, ihnen verdanken einige Bewohner ihr Leben. Da war zum
Beispiel der Offizier, der im letzten Moment „Rrraus!“ brüllte, als ein Dutzend
Dörfler schon an die Wand gestellt worden waren, bereit zum Erschießen. Ein
anderer SS-Mann richtete seine Maschinenpistole in eine Schafherde und ließ die
Leute laufen. Auch Enio Mancini verdankt sein Leben einem der Soldaten. Blond,
mager, und ganz jung sei er gewesen, „in der Hitze hatte er den Helm
abgenommen“. Plötzlich habe er sein Gewehr hochgehoben und in die Luft
geschossen, sodass die Leute wegrennen konnten. „Ich würde etwas dafür geben“,
sagt Macini, „den Mann heute kennen zu lernen.“
Was ging in den Soldaten vor?
Sein ganzes Leben lang hat sich der Buchhalter mit dieser Frage befasst. Zäh
arbeitete er daran, das Museum in der alten Schule aufzubauen; vor acht Jahren
wurde es eröffnet.
Gebannt verfolgt der Rentner
nun die Ermittlungen. „Es geht ja gar nicht mehr so sehr um die Schuldfrage“,
sagt er, „wir möchten nur endlich begreifen, warum das passiert ist.“ Gern
hätte Mancini das auch jenen merkwürdigen Besucher gefragt, der mit der
Landkarte auf dem Kirchplatz herumspazierte. Bevor die beiden gingen, hatte die
Ehefrau noch verschämt einen 10.000-Lire-Schein (etwa 10 Mark) aus der
Handtasche gezogen und Mancini gebeten, für das Geld Blumen an den Gedenkstein
vor der Kirche zu legen. Er steht an der Stelle, wo damals der Leichenberg war.
Der alte Buchhalter lehnte
ab. „Wenn sie dort Blumen hinlegen wollen“, erklärte er der deutschen Frau,
„müssen Sie das schon selber tun.“
Juni 1999
F.-R.
Hausmann, 07.06.1999
Rezensiert
für H-Soz-u-Kult
von Prof. Dr. Frank-Rutger Hausmann
„Die Beiträge dieses Bandes
gehen auf Referate zurück, die im Oktober 1994 in Köln auf einer von der
Arbeitsgemeinschaft für die neueste Geschichte Italiens und dem Deutschen
Historischen Institut in Rom gemeinsam veranstalteten Tagung gehalten wurden“
(S. 7). Die hier genannte ‚Arbeitsgemeinschaft’, die seit 1974 die
zeitgeschichtlichen Italieninteressen im deutschen Sprachraum bündelt und ein
Forum des wissenschaftlichen Austauschs bzw. bibliographischer Informationen
geschaffen hat, wird von Wolfgang Schieder geleitet und hat sich nicht geringe
Verdienste erworben. Jens Petersen, Stellvertretender Direktor des Deutschen
Historischen Instituts in Rom, darf als einer der besten Kenner des
gegenwärtigen Italien gelten. Beide Gelehrte haben den Band vorzüglich
eingeleitet, übersichtlich gestaltet und die einzelnen Beiträge knapp und
treffend resümiert, so erf sie jedem Rezensenten seine Arbeit erleichtern. Der
in dieser Beziehung heute nicht mehr verwöhnte Leser registriert besonders
dankbar das Namensverzeichnis am Schluß des Bandes.
In der von beiden Herausgebern
gemeinsam erfassten Einleitung wird zunächst ein präziser Abriß der
italienischen wie der deutschen Faschismusforschung nach 1945 geboten, die
unterschiedlicher nicht sein könnten. Während die italienischen Arbeiten lange
vorzugsweise um Antifaschismus und Resistenza kreisten, die die Legitimationsgrundlage
der jungen Republik Italien bildeten, sich somit auf die Seite der Sieger
schlugen und auf Distanz zur eigenen faschistischen Diktatur gingen, die sich
auf mannigfaltige Weise mit NS-Deutschland verbündet hatte, wurde in
Deutschland auf breiter Basis theoretisch wie auch sachlich geforscht, so erf
insbesondere im Bereich der politisch-militärischen Geschichte die wichtigsten
Einzelheiten bekannt und Synthesen damit möglich sind. Die zentrale Bedeutung
des Antisemitismus für Ideologie und Herrschaftspraxis des NS-Regimes bedingte
eine eigene ‚deutsche’ Forschungslogik, die sich für die Italiener erübrigte.
Sie wollten das faschistische Italien gerade aus dem „sengenden ‚Lichtkegel des
Holocausts’“ heraushalten (S. 11) und behaupteten deshalb eine Sonderstellung
des italienischen Faschismus, der sich mit keinem anderen Regime vergleichen
lasse. Die ‚gemeinsame’ deutsch-italienische Vergangenheit war somit Ursache
dafür, erf man bei der Erforschung des Faschismus getrennte Wege ging. In
Deutschland gab es zudem keine besondere italienzentrierte Forschungstradition,
doch ist infolge der Bemühungen der den vorliegenden Band tragenden
Institutionen in der Zwischenzeit eine erhebliche Besserung eingetreten.
Neun jüngere Historikerinnen
und Historiker berichten aus ihren laufenden oder soeben abgeschlossenen
Dissertationen zum Thema des italienischen Faschismus, weitere Untersuchungen,
über die nicht referiert wurde, sind in Arbeit. Und auch in Italien bahnt sich
langsam ein Meinungsumschwung an, der darauf zielt, den italienischen
Faschismus in internationaler Perspektive zu analysieren. Im vorliegenden Band
kommen beide Sehweisen zum Tragen, denn insgesamt handelt es sich um vierzehn
Beiträge aus höchst unterschiedlichen Bereichen, die sich jedoch drei zentralen
Themen zuordnen lassen:
1.) dem Verhältnis von
Gesellschaft und Staat im faschistischen Italien,
2.) dem Problem der Kultur im
Faschismus und
3.) Fragen der faschistischen
Wirtschaftsordnung.
Neben den deutschen Beiträgern
finden sich auch vier italienische Zeithistoriker, die sich mit der
faschistischen Vergangenheit ihres Landes befassen und sich, zumindest
ansatzweise, auf eine ‚komparatistische’ Betrachtungsweise einlassen, die sich
auf Ernst Nolte und sein 1963 Buch Der Faschismus in seiner Epoche
zurückführen erfa.
Giuseppe Galasso (Neapel)
bearbeitet im Bereich ‚Staat’ die Umgestaltung der Institutionen durch das
faschistische Regime in der Machtergreifungsphase.
Árpád von Klimó
(Humboldt-Stipendiat in Budapest) untersucht auf kollektivbiographischer Basis
die ministeriellen Spitzenbeamten von drei italienischen Ministerien im
Übergang vom liberalen zum faschistischen Italien.
Daniela Giovanna Liebscher
(Tübingen) analysiert für die Zeitspanne von 1925-39 erstmals die Beziehungen
zwischen Faschismus und Nationalsozialismus auf sozialpolitischer Ebene, hier
der Freizeitorganisationen ‚Opera Nazionale Dopolavoro’ und NS-Gemeinschaft
‚Kraft durch Freude’.
Gabriele Turi (Florenz)
eröffnet den Bereich `Kultur’ mit grundlegenden Ausführungen über die Bedeutung
der Kulturpolitik als eines wichtigen faschistischen Herrschaftsinstruments.
Entgegen früherer Auffassungen hätten sich die Intellektuellen dem Regime nur
selten verweigert und dadurch zur Stabilisierung des Systems beigetragen.
Jürgen Charmitzky (Heidelberg)
liefert einen Beitrag zur faschistischen Schulpolitik. Am Beispiel des
Philosophen und Erziehungsministers Giovanni Gentile kann er zeigen, erf
dieser, wenn auch teilweise unabsichtlich, den Weg in den totalen
Erziehungsstaat des Faschismus geebnet hat. Die Jugendorganisation ‚Opera
Nazionale Balilla’ konnte während seiner Amtszeit immer mehr Kompetenzen des
öffentlichen Bildungswesens usurpieren.
Friedemann Scriba (Leipzig)
stellt die 1937/38 in Rom veranstaltete ‚Mostra Augustea della Romanità’ vor,
die sich nationalistischer wie katholischer Aktualisierungen der Antike
bediente, um den Faschismus kulturell und ideologisch zu legitimieren.
Stefan Altekamp (HU Berlin)
kann Analoges für die faschistische Kolonialarchäologie in Libyen beweisen.
Andrea Hoffend (Mannheim)
vergleicht die faschistische ‚kulturelle Expansion’ mit dem
nationalsozialistischen ‚Kulturimperialismus’ und kommt zu dem überzeugenden Schluss,
erf die italienischen Primatansprüche wesentlich weniger aggressiv und taktisch
geschmeidiger vorgetragen wurden.
Den Reigen der Beiträge zur
Wirtschaft eröffnet Rolf Petri (Halle-Wittenberg). Er führt aus, erf sich die
ökonomischen Eliten aufgrund ihrer Interessen nicht anders als die
bürokratischen und kulturellen auch nur so lange mit dem System verbündeten,
als dieses auf der Siegerstraße marschierte. Nach El-Alamein (1942) wandten sie
sich rasch vom Faschismus ab und traten gelegentlich sogar in Opposition zum
Regime.
Anne von Oswald (FU Berlin)
erfass sich mit den deutschen Wirtschaftsstrategien auf dem italienischen Markt
in der giolittianischen Vor- und der faschistischen Zwischenkriegszeit, als es
darum ging, Positionen zu behaupten oder solche, die im Ersten Weltkrieg
verloren gegangen waren, wiederzugewinnen.
Brunello Mantelli (Turin)
widmet sich vorzugsweise der an die von Frau von Oswald behandelte
anschließende Epoche und zeigt, wie das faschistische Italien auch ökonomisch
in immer stärkere Abhängigkeit vom Deutschen Reich geriet.
Alexander Nütznadel (Köln)
erfass sich mit der faschistischen Agrarpolitik im Rahmen von
Autarkiebestrebungen. Es gelang Italien, vom Nettoimporteur zum erfasstennd
aufzusteigen.
Claudio Natoli (Cagliari)
beschließt den Band mit kritischen Bemerkungen zur italienischen Faschismus-
und Antifaschismusforschung. Er weist mahnend darauf hin, erf das faschistische
Regime keinesfalls eine abgeschlossene Periode bilde und historisch verarbeitet
sei, sondern „ein konstantes Monitum für das demokratische erfassten in allen
europäischen Staaten“ (S. 327) darstelle. Als wichtigstes und überraschendes
Ergebnis aller Einzelbeiträge erfa sich die große Nähe zwischen dem
faschistischen Italien und NS-Deutschland festhalten, die bisher in der
Forschung nur gelegentlich thematisiert worden ist.
Sammelbände haben neben dem
Vorzug der aktuellen Vielfalt bekanntlich auch gewisse, auf der Hand liegende
Nachteile, und davon ist der hier anzuzeigende nicht ausgenommen. Sein Erkenntnisgewinn
ist relativ, denn da die meisten Beiträge aus größeren, bereits publizierten
Arbeiten hervorgegangen sind, wird ein Leser besser und umfassender informiert,
wenn er gleich zu diesen umfassenderen Versionen greift. Wirklich Neues wird
kaum geboten, auch wenn anders akzentuiert wird, da sich die Referenten meist
auf einen, ihnen besonders wichtig erscheinenden Teilaspekt ihrer größeren
Studien konzentrieren. Die im Titel suggerierte Gesamtschau vermag der Band
nicht einzulösen, denn die behandelten Aspekte sind heterogen und ergeben nur
ein unvollständiges Bild der faschistischen Wirklichkeit. Das hätte anders sein
können, wenn man nicht überwiegend auf bereits Erarbeitetes zurückgegriffen,
sondern, davon ausgehend, neue und unbekannte Sachverhalte erforscht und
aufbereitet hätte.
Die einzelnen Beiträge lassen
zudem nicht erkennen, erf mit der Verhaftung Mussolinis (25. Juli 1943) und dem
dadurch bedingten politischen Seitenwechsel Italiens ein Riß durch das Land
ging, da der von den deutschen besetzte Norden bis zum bitteren Ende in seiner
Bündnistreue verharrte. Wenngleich die Repubblica Sociale di Salò ein
Marionettengebilde von deutschen Gnaden war, so handelte es sich doch um einen
faschistischen Satellitenstaat. Generell fehlt eine Thematisierung des Krieges,
der starke Auswirkungen auf die Trias Staat – Wirtschaft – Kultur hatte, was
nur gelegentlich aufscheint.
Der Band wird zudem von einer
‚In-Group’ getragen, fremde Leistungen zum Gegenstand werden nicht immer
wahrgenommen. Dies gilt beispielsweise für die Literaturwissenschaft, wo es
seit einiger Zeit eine respektable Erforschung des ‚ventennio nero’ gibt [1]. Es gilt auch für den Bereich der
Wirtschaft, wo z.B. die Arbeiten Gustavo Cornis zur Nahrungsmittelversorgung,
insbesondere der italienisch-deutsche Vergleich, nur ungenügend rezipiert
werden [2]. Da die Autoren der Einzelbeiträge mit
einer Ausnahme Historiker sind – Altekamp ist klassischer Archäologe -,
konzentrieren sie sich allzu stark auf materielle Aspekte des Themas, auf
Institutionen und ihre Organisationsverfahren, die besser nachprüfbar sind als
ideologische Konzepte. Im Einzelfall wäre jedoch zu fragen, was das Aufkommen
des Faschismus ermöglicht hat und wer jeweils welche Diskurse gepflegt hat [3]. Hier gibt es sicherlich einen großen
Nachholbedarf, denn die deutsche Forschung ist diesbezüglich weiter als die
italienische [4].
Literatur- und
Sprachwissenschaft haben mit Imagologie, Identitäts- und Alteritätsforschung,
Kulturanthropologie, Begriffsgeschichte u.a. mehr, um nur ein paar Sehweisen zu
benennen, ein besseres Verständnis des Funktionierens faschistischer
Gesellschaftssysteme ermöglicht. Insofern liefert der vorliegende Band zwar
eine interessante und höchst wichtige Bestandsaufnahme, kann oder sollte jedoch
Ausgangspunkt für eine immer weiter voranzutreibende und zu verfeinernde
Erforschung des hier interessierenden Gegenstandes sein. Die komparatistische
Betrachtung, die allerdings in den von Deutschen erfassten Beiträgen dominiert,
erweist sich dabei als eine besonders taugliche Vorgehensweise, um das jeweils
spezifisch Italienische oder Deutsche präzise zu erfassen. Der komparatistische
Ansatz sollte sich jedoch nicht nur im bloßen Ländervergleich erschöpfen,
sondern auch interdisziplinär und plurimethodisch vertieft werden.
Anmerkungen:
1.
Stefani
Arnold, Vergessene Literatur des ventennio nero. Italienische Kurzprosa
zwischen 1912 und 1945 am Beispiel des frühen racconti Alberto Moravias,
Bonn 1997 (mit Hinweisen auf die Arbeiten von Thomas Bremer, Susanne von
Falkenhausen, Manfred Hardt, Helene Harth, Monika Kiffer, Manfred Weichmann
u.a.).
2.
Gustavo
Corni, „Die Agrarpolitik des Faschismus: ein Vergleich zwischen Deutschland und
Italien“, Tel Aviver Jahrbücher für deutsche Geschichte 17 (1988), S. 391 –
432; Gustavo Corni / Horst Gies, Brot – Butter – Kanonen. Die
Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Dikatatur Hitlers, Berlin, 1997.
3.
Vgl. Z.B. jetzt die Briefauswahl von Aurelio Lepre,
L´occhio del Duce. Gli italiani e la censura di guerra 1940 – 1943, Milano:
Mondadori 1992.
4. Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des
Nationalsozialismus, Berlin / New York, 2. Aufl. 1998.
1997
September 1997
„Frankfurter
Rundschau“, 30.09.1997
Keine
Hemmschwelle, Zivilisten zu töten
Akten zu Krieg in Italien belegen enge
Bindung der Wehrmacht an NS-Ideologie
Von Matthias Arning (Frankfurt am Main)
Die deutsche Wehrmacht hat im Zweiten Weltkrieg darauf gedrungen,
dass ihre Offiziere „auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung
stehen müssen“. Dies geht aus Dokumenten hervor, die der Freiburger
Militärhistoriker Gerhard Schreiber zutage gefördert hat. Sie belegen auch „die
Radikalisierung des Rassismus“ deutscher Offiziere.
Bereits die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für
Sozialforschung versetzte dem Mythos der sauberen und staatsfernen Wehrmacht
tiefe Risse. Die derzeit in Marburg ausgestellte Dokumentation aber beschränkt
sich auf Verbrechen während des Krieges gegen die Sowjetunion, die Ukraine und
Serbien. Nun ist Militärhistoriker Schreiber, sachverständiger Zeuge im
Verfahren gegen den SS-Offizier Erich Priebke, dabei, „weiße Flecken“ in
anderen Regionen Europas und bei den Motiven der Soldaten zu schließen: Für die
erste wissenschaftliche Gesamtdarstellung des Krieges in Italien, die als
siebenter Band der vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebenen
Reihe „Das deutsche Reich und der II. Weltkrieg“ erscheinen wird, hat sich der
Historiker in Archive zurückgezogen.
Schreiber fand dort die Notiz eines Ferngesprächs zwischen
Oberst Berlin, dem ersten Generalstabsoffizier der 10. Armee und Vertreter von
Stabschef General Wentzell, mit General Westphal, dem Stabschef der
Heeresgruppe C. Berlin berichtet am 29. April 1944 darüber, dass die
italienische Zivilbevölkerung, Frauen und Kinder inklusive, immer wieder in die
Sperrzonen zurückkehrten, die die Wehrmacht entlang der sogenannten
Hauptkampflinie eingerichtet hat. „Dann muss man sie einfach umlegen“,
empfiehlt Westphal. „Kann man das so einfach machen?“ fragt Berlin vorsichtig.
„Man muß nicht soviel darüber sprechen“, beendet Westphal den von einem
Offizier protokollierten Dialog.
„Eine Hemmschwelle dafür, die Zivilbevölkerung zu töten, gab es
zu diesem Zeitpunkt nicht mehr“, bewertet Schreiber im Gespräch mit der FR
seinen Fund, der deutlich mache, welches Ausmaß der Rassismus gegen Italiener
angenommen habe – zunächst verdeckt, weil Rom 1940 noch ein Bündnispartner
Hitlers war, in den folgenden Jahren dann ganz offen.
Ausdruck der rassistischen Einstellung ist für Schreiber etwa
die Forderung von Hitlers Sekretär Martin Bormann, zwecks „Reinhaltung des
deutschen Blutes“ dürfe es keine Ehen und intime Kontakte mit Italienern geben.
Zu diesem Zeitpunkt, im September 1943, waren 650.000 Italiener in deutscher
Kriegsgefangenschaft, der sie nur dann entkommen konnten, wenn sie sich als
sogenannte Zivilarbeiter bei den Deutschen verdingten. Nach den Recherchen
Schreibers entwarfen deutsche Militärobere zu diesem Zeitpunkt von Italien aus
„das Ideal des politischen Soldaten“. In einem geheimen Dokument notierte
Generalstabschef Wentzell am 6. Dezember 1943: „Die Front stellt vor allem
folgende Forderungen an den ihr aus der Heimat zugeführten Ersatz: a.
unbedingter Gehorsam; b. Härte im Ertragen von Strapazen; c. Krisenfestigkeit
in schwierigen Lagen; d. unbedingte Einsatzbereitschaft bis zum letzten Atemzug
und bis zur letzten Patrone. Hierzu Durchdrungensein von dem Glauben an die
gerechte Sache, die Deutschland in diesem Kriege zu vertreten hat.“ Diesen
Forderungen, so Wentzell, werde „nur eine drillmäßige Ausbildung im Ersatzheer
bei gleichzeitiger regelmäßiger politischer Erziehung durch geeignete auf dem
Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung stehende Offiziere gerecht“.
1994
September
1994
„Contraste“, 09.1994
Übersetzung: Renate Back / Bericht und Interview: Sanne Kaperlat, Heike Herrberg
Vor 50 Jahren existierte in
Norditalien die selbstverwaltete PartisanInnenrepublik Montefiorino. Bereits
nach 45 Tagen wurde dieser erste demokratische Gehversuch von deutschen Truppen
brutal niedergeschlagen. – Der Bericht einer Studienfahrt des BILDUNGSWERKS für
Friedensarbeit, Bielefeld.
„Wir hatten damals kein
politisches Bewusstsein, nur keine Lust, den Krieg weiterzuführen. Zu den
Partisanen zu gehen, war ein Akt der Selbstverteidigung.“
So wie Sergio sprechen viele
der alten KämpferInnen von ihrer ursprünglichen Motivation, sich zum Teil als
15-jährige den PartisanInnen anzuschließen.
Eine Woche lang werden wir
uns auf die Spurensuche der PartisanInnen in Norditalien, in der Emilia
Romagna, begeben. Wir – das ist eine Gruppe von 18 Leuten aus Bielefeld und
anderen Städten, die aus ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen kommen und in
dieser Woche ihren Bildungsurlaub in Italien verbringen wollen.
Zehn ehemalige Partisanen,
heute alte Herren zwischen 65 und 80 Jahre, begleiten unsere Gruppe zunächst
für drei Tage in den Appennin und frischen dort selbst alte Erinnerungen auf.
Die Emilia ist eine Region
alter „roter“ Tradition, in der es schon zu Beginn des Jahrhunderts die
stärkste ArbeiterInnenbewegung Italiens gab. Diese Region war Massenbasis der
Genossenschaftsbewegung und Hauptschauplatz der politischen und militärischen
Auseinandersetzungen zwischen „Roten“ und „Schwarzen/Faschisten“ (Bertoluccis
Film „1900“ wurde hier gedreht).
Unsere Tour führt durch das
Gebiet der ehemaligen PartisanInnenrepublik von Montefiorino. 45 Tage – von
Mitte Juni bis Ende Juli 1944 – hat die selbstverwaltete Freiheit innerhalb der
20-monatigen deutschen Besatzung funktioniert.
1.200 qkm umfasste dieses
kleine, von den PartisanInnen befreite Gebiet, dieser erste demokratische
Gehversuch. An dessen Selbstverwaltungsstrukturen beteiligten sich im Laufe der
eineinhalb Monate ca. 6.000 PartisanInnen, bevor 5.000 deutsche
Wehrmachtssoldaten zusammen mit italienischen Faschisten in einem 3 Tage
währenden Großeinsatz brutal dagegen vorgingen und alles zerstörten.
Den Zeitzeugen von damals
ist heute noch anzumerken, mit welchem Enthusiasmus sie vor 50 Jahren für den
Frieden gekämpft haben. „Wir wollten den Krieg beenden, wir wollten Freiheit.
Politisiert wurden die meisten von uns erst im Laufe der Zeit.“
Wir halten in Monchio, einem
kleinen Dorf, in dem im März 1944 deutsche und italienische Faschisten mit
Kanonen, Flammenwerfern und Maschinengewehren einen Massenmord an der
Zivilbevölkerung verübten. Doch die Reaktion der Bevölkerung war nicht die von
den Faschisten beabsichtigte: Der Zulauf bei den PartisanInnen erhöhte sich
erheblich, eine Brigade hat den Namen des Ortes bis zur Befreiung getragen.
Von Monchio aus führt die Straße in Serpentinen mit 20% Steigung
zum „Parco della Resistenza“ in St. Giulia. Dieser 1993 eingeweihte
Widerstandspark – im Herzen der ehemaligen PartisanInnenrepublik – ist ein
internationales Projekt von KünstlerInnen aus sieben Ländern, die hier in Form
von 14 Steinplastiken ihre Ideen zum Befreiungskampf ausgedrückt haben.
Auch das Widerstandsmuseum
im Schloß von Montefiorino ist – wie uns die Bürgermeisterin mitteilt – erst
kürzlich eröffnet worden und deshalb noch nicht ganz vollständig.
Beim Anblick der
Originalwaffen, -uniformen, -schreibmaschinen, -flugblätter und
Sabotageanleitungen bekommt mancher alte Partisan leuchtende Augen. Dario
erzählt, wie praktisch es damals war, das zusammenklappbare Gewehr der Marke X dabeizuhaben,
weil man das gut verstecken konnte.
Hier im Museum ist auch den
Frauen der Resistenza immerhin eine Ecke gewidmet – ein Thema, das sonst, in
alter, internationaler Tradition, gern nur beiläufig gestreift wird. Wir erfahren
hier von dem einzigen Partisaninnenkommando, das sich im Frühjahr 1945 mit 180
Frauen bildete.
Viele italienische Frauen kämpften jedoch nicht auf der
militärischen Ebene gegen den Faschismus, sondern stellten die Infrastruktur,
ohne die die bewaffneten PartisanInnen nicht hätten überleben können. Frauen
arbeiteten als „Staffetas“ und überbrachten Nachrichten, Lebensmittel und
Kleidung, besorgten Quartiere, sondierten oft die Lage, bevor ein Angriff
stattfinden sollte. Sie waren es, die sich neben ihren Widerstandsaktivitäten
auch weiterhin um das Überleben der Familie kümmern mussten.
Unseren Eindruck, dass der
Anteil der Frauen an der Resistenza nicht entsprechend gewürdigt wurde und
wird, bestätigen nicht nur Simonetta, Giovanna und Angela, die zu unserer
Generation der 25- bis 40-jährigen gehören, sondern auch viele der
Zeitzeuginnen, die wir noch im Laufe der kommenden Tage treffen werden.
Eine weitere Station ist
Fontanaluccia, wo es den PartisanInnen 1944 gelang, eine eigene Krankenstation
einzurichten. Vorher hatten sie die Verletzten in Etappen mühsam von den Bergen
in die Po-Ebene hinuntertransportieren, d.h. –tragen müssen, um sie dort von
kooperierenden Ärzten in den Kellern der von den Faschisten kontrollierten
Zivilkrankenhäuser operieren zu lassen.
Cervarolo – unsere Ankunft
in diesem kleinen Dorf, das wir am nächsten Tag nach einstündiger Wanderung
erreichen, erzeugt bei dem Ehepaar, an dessen Haus wir vorbeigehen, heftige
Ablehnung. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden, die sich vor dem Massaker
der Deutschen, einer Vergeltungsaktion am 20. März 1944, hatten retten können.
„Diese jungen Deutschen
kommen vielleicht in guter Absicht, aber ich bekomme schon eine Gänsehaut, wenn
ich die deutsche Sprache nur von weitem höre.“ In Cervarolo wurden von der SS
die anwesenden 26 Männer auf dem Dorfplatz zusammengetrieben und hingerichtet.
Zwei Schwerverletzte konnten sich aus dem Leichenberg retten, da die Deutschen
nach dem Inbrandsetzen der Erschossenen das Dorf sofort verließen. Eine
Gedenktafel mit italienischem und deutschem Text, die eine Berliner Gruppe Ende
der 80er Jahre spendete, wurde in Cervarolo gegen den Widerstand der
Dorfbevölkerung vom Partisanenverband angebracht. Die EinwohnerInnen hatten
kein Wort der verhassten Sprache in ihrem Ort dulden wollen.
„Ich habe heute noch
Herzklopfen, wenn ich Euch davon erzähle“. Während Giuseppe, der Präsident des
Partisanenverbandes spricht, werden in den Häusern am Platz um uns herum die
Fensterläden geschlossen. Hier erleben wir zum ersten Mal nicht die
Herzlichkeit und Offenheit, die uns in diesen Tagen immer entgegengebracht wird
und uns oft schon mit Beschämung erfüllt.
Wir haben inzwischen wieder
einige Höhenmeter überwunden und stehen an der Stelle, wo im Mai 1944 der erste
Fallschirmabwurf seitens der alliierten Engländer für die PartisanInnen
stattfand. Außer Waffen gab’s auch Schokolade, Handtücher, Seife und Tee, den
die PartisanInnen zunächst für Tabak hielten, da die meisten von ihnen aus
armen Familien kamen und Tee nicht kannten. „Aber auch gekocht schmeckte er uns
nicht“ erzählt Roberto amüsiert ihre damaligen Erlebnisse, „den können die
Engländer behalten“. Die Gedenktafel, die 1986 hier zwischen den Bäumen
aufgestellt wurde, war im letzten Jahr Ziel eines Neonazi-Angriffs und ist erst
seit einer Woche wieder hergestellt. Im Bus übersetzt uns ein Zeitzeuge später
einen Zeitungsartikel über den aktuellen Skin-Aufmarsch vom 23. Juli 1994 in
dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald.
Die Unterstützung der
PartisanInnen durch die Alliierten dauerte nicht lange. Im Winter 1944/45 wurde
sie völlig eingestellt, da die Engländer und Amerikaner Angst hatten, die
kommunistischen Partisanenverbände könnten nach Beendigung des Krieges eine zu
starke Kraft in Italien werden. „Truman hat gesagt, er hoffe, dass der letzte
kommunistische Partisan im Kampf mit dem letzten Faschisten fällt“, erinnert
sich einer der Genossen.
In den 50er Jahren wurden
viele ehemalige PartisanenkämpferInnen Opfer von Verhaftungen, weil sie z.B.
Streiks zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der ArbeiterInnen
anführten. Jahrelange Untersuchungshaft war zum Teil die Reaktion auf diese
Proteste.
„1960, als die Christdemokraten
in die Allianz mit den Faschisten gegangen sind, gab es fünf Monate lang den
Zustand, dass die Leute ständig auf der Straße waren, dass sie verhaftet und
geschlagen wurden, dass Leute auf der Piazza erschossen wurden, es war nahezu
ein Volksaufstand“, erzählt uns eine Zeitzeugin. Bei einer großen Demonstration
im Juli 1960 gegen die Etablierung des faschistischen Bündnisses wurden auf der
Piazza in Reggio Emilia fünf Menschen erschossen, darunter drei, die die
Resistenza überlebt hatten. Die Umstände der Ermordung legten damals die
Vermutung nahe, dass es sich hierbei um gezielte Morde gehandelt hat. Dass die
Zeit der Resistenza und die Erfahrungen der PartisanInnen sich kaum in den
Geschichtsbüchern wiederfinden, wie Antonio, der junge Historiker aus Reggio
Emilia uns erzählt, versteht sich da fast von selbst.
In Ligonchio haben wir als
„Deutsche Delegation“, wie wir überall empfangen werden, endlich die
Gelegenheit, mit Frauen aus der Resistenza persönlich zu sprechen.
„Wir Frauen hatten ja damals
nicht nur den Kampf gegen den Faschismus zu führen, sondern auch den gegen
unsere Benachteiligung“ erzählt Giaconda. Mit dem Ziel der Gleichberechtigung
für Frauen wurden die „gruppi di difesa della donna“
(Frauenverteidigungsgruppen) gebildet. Aber die politische Arbeit in den
Frauenverteidigungs- und in den Versorgungsgruppen wurde nach dem Krieg nicht
als Arbeit in der Resistenza anerkannt. Voraussetzung für diese Anerkennung war
unter anderem die Beteiligung an drei bewaffneten Aktionen. Für viele Frauen
bedeutete das, auf die finanzielle Entschädigung, die es für ehemalige
PartisanInnen gab, verzichten zu müssen (vgl. Interview).
Zurück in Reggio Emilia, dem
Ausgangspunkt unserer Spurensuche, erkunden wir am nächsten Tag die Po-Ebene
mit dem Fahrrad. Das Wissen einiger TeilnehmerInnen um die Geheimnisse des
Reifenflickens erweist sich auf unserem Weg in das 15 km entfernte Campegine
mehrmals als sehr nützlich. Unser Ziel ist der Cervi-Hof, wo wir mit
überlebenden Frauen der Cervi-Familie zusammentreffen. Die sieben Söhne wurden
im Dezember 1943 hingerichtet, weil sie sich geweigert hatten, die
obligatorische Lebensmittelabgabe an das faschistische Regime zu leisten und
als eine der ersten aus der Region als Partisanen in die Berge gingen.
Ein Teil des Hauses ist
heute als Museum gestaltet und beeindruckt durch eine Fülle von
Dokumentationsmaterial. Die anwesenden Frauen, u.a. Maria, die Tochter eines
der ermordeten Brüder, mit denen wir nachmittags im Garten zusammensitzen,
wollen von uns wissen, wie der Widerstand unserer Familien im Faschismus
ausgesehen hat. Leider kann niemand von uns eine/n WiderstandskämpferIn in der
Familie vorweisen, vielmehr waren/sind die meisten von uns mit dem (bekannten)
Phänomen konfrontiert, dass niemand unserer älteren Verwandten etwas gewusst
haben will. „Im Gegensatz zu dem, wie Ihr die Situation hier erlebt hat, war es
bei uns überhaupt nicht selbstverständlich Leute zu verstecken, und heute erst
wird das Tabu der vielen Denunziationen von Seiten der Zivilbevölkerung
gebrochen“, sagt eine Teilnehmerin. Unsere positive Einschätzung des
italienischen Widerstands dämpft eine der anwesenden Zeitzeuginnen, denn „hier
war auch nicht alles so gut, schließlich konnte sich Mussolini 20 Jahre halten.
Der Massenwiderstand hat hier auch erst 1943 angefangen.“ Und der anwesende
ältere Genosse ergänzt, dass Reggio Emilia als „rote Provinz“ schließlich nicht
repräsentativ für ganz Italien ist.
Die Frauen verabschieden
sich gegen Abend, da sie in die Küche zum örtlichen Unita-Fest müssen. Das
traditionelle Fest der kommunistischen Partei, die sich seit der „Wende“ PDS
(Demokratische Partei der Linken) nennt, bildet auch für uns den Abschluss
dieses eindrucksvollen Tages.
Eine
weitere Station ist das Geschichtsinstitut von Reggio „INSTITUTO PER LA STORIA
DELLA RESISTENZA E DELLA GUERRA DI LIBERAZIONE“, das 1967 gegründet wurde, um
den Befreiungskampf der 40er Jahre zu dokumentieren. Heute wird es eher zu
Forschungszwecken genutzt. Es gehört zu einem Verbund von insgesamt 65
Instituten verschiedener Landkreise in Mittel- und Norditalien, die den
Schwerpunkt „Resistenza“ haben und außerdem zur allgemeinen Zeitgeschichte
arbeiten.
In
Reggio existiert neben dem umfangreichen Archiv (250 Ordner und 7.000 Bücher)
auch eine Fotothek, es werden regelmäßig ein Jahresalmanach zu
Forschungsarbeiten bzgl. Regionalgeschichte herausgegeben,
Weiterbildungsmaßnahmen mit LehrerInnen und Schulen durchgeführt,
Diplomarbeiten betreut sowie Kongresse veranstaltet.
Begrüßt
werden wir von Massimo, dem Direktor des Institutes und Mitglied in der Gruppe
junger Historiker. Außerdem treffen wir noch jüngere Leute aus zwei Gruppen;
bei diesem Termin soll es um antifaschistische Arbeit heute gehen. Die AktivistInnen
einer Jugendgruppe innerhalb der anarchistischen Föderation begreifen ihren
Schwerpunkt in der kulturellen Arbeit: „Das Problem ist nicht die politische
Rechte, sondern die kulturelle Rechte“, ... „denn Berlusconi’s Propaganda kommt
unkommentiert per Fernsehen jeden Abend in alle Wohnzimmer“. Dem erstarkenden
Patriotismus wollen sie Internationalismus entgegensetzen und leben u.a. auch
mit Flüchtlingen zusammen. Während der großen Schulstreiks im vergangenen Jahr
holten sie im Rahmen einer selbst organisierten Aktionswoche ZeitzeugInnen der
Resistenza in die Schule.
Trotz vieler gegenseitiger
Abgrenzungsbemühungen sind sich die VertreterInnen der Gruppen einig, dass so
etwas wie ein „antifaschistischer Konsens“ in Norditalien quer durch alle
Parteien (ausgenommen der neofaschistischen MSI/AN) existiert. Diese Meinung
wird auch in den zahlreichen Diskussionen mit den ZeitzeugInnen immer wieder
formuliert. „Die Erfahrungen von Resistenza und Faschismus sind so prägend,
dass sich eine antifaschistische Grundhaltung nicht so leicht verändern lässt.“
– Schwer nachzuvollziehen, gehen wir von unseren Informationen über Lega Nord
und Forza Italia aus.
Eine
junge Frau räumt ein, dass der Mythos „Stark sein“ als Konzept von den Rechten
vertreten werde, somit sei es bei den Jüngeren „modisch, rechts zu sein“. Die
Linke habe nichts entgegenzusetzen und „viele von uns haben das Grauen des
Krieges nie erlebt“.
Welche
Bedeutung dieser Krieg für die PartisanInnen hatte, haben wir in dieser
intensiven Woche erfahren. Für alle TeilnehmerInnen waren die persönlichen
Begegnungen sehr beeindruckend, ebenso wie die Herzlichkeit und das Vertrauen,
das uns die ZeitzeugInnen entgegengebracht haben. Wir hoffen, dass wir uns
nicht zum letzten Mal begegnet sind! >WEITERER BERICHT
Interview
/
„Ohne
den Widerstand der Frauen
wäre
der Faschismus nicht besiegt worden“
Auszüge
eines Interviews von Reiseteilnehmerinnen mit Priama, 56 Jahre, in Reggio
Emilia, Juli 1994.
Wie
würdest Du die Rolle der Frauen in der Resistenza beschreiben?
Die
Frauen hatten eher eine untergeordnete Rolle, in dem Sinne, dass sie keine oder
kaum Entscheidungspositionen besetzt haben. Aber das heißt nicht, dass sie
nicht eine ausgesprochene wichtige Funktion hatten. Ohne die Frauen in der
Resistenza, da bin ich mir sicher, wäre der Faschismus nicht besiegt worden.
In
dem Moment, in dem der Partisanenkampf anfing, hat die Frau eine aktive Rolle
in der Politik übernommen, was vorher nicht der Fall war ... Die Frauen haben
damals 1943 z.B. eine große Demonstration hier organisiert für Brot, Frieden
und Freiheit, an der sehr viele Menschen teilgenommen haben ... Ab dem 8.
September 1943 haben viele Frauen sich selbst organisiert und z.B. Deserteuren
aller politischen Richtungen geholfen, Zivilkleidung zu bekommen, was damals
sehr schwierig war.
Was
war Deiner Meinung nach der charakteristische Unterschied zwischen dem
Widerstandskampf der Frauen und dem der Männer?
Die
Rolle der Frau war eine ganz andere als die der Männer. Die Männer sind
entweder in den Wald gegangen oder in die Berge, und dann waren sie ganz bei
den Partisanen. Sie sind also rausgegangen aus ihrer sozialen Umgebung.
Die
Frauen hatten dagegen ein Doppelleben auszuhalten: Sich selbst zu schützen,
aber auf keinen Fall aufzufallen gegenüber ihren Kindern, ihren Eltern,
Verwandten, Nachbarn etc. Die Frauen mussten also ständig wechseln zwischen der
Welt der Partisanen und ihrem Familien- und Arbeitsumfeld, dem illegalen und
dem legalen Leben. Im Extremfall war es so wie bei zwei Schwestern, die ich
kannte, die beide bei den Partisanen waren und dies nicht voneinander wussten.
Gab
es Gewalt von Seiten der Männer gegenüber den Frauen in den
PartisanInnengruppen?
Ich
weiß nicht, was an sexueller Gewalt zwischen den Partisaninnen und Partisanen
vorgekommen ist. Ich habe es immer eher als Kameradschaft gesehen, aber
tatsächlich weiß ich es nicht. Aber jeder
Frau, die in die Resistenza ging und damit aus der traditionellen Rolle
fiel, war klar, dass sie damit sich und ihren Körper einsetzte und mit
Vergewaltigungen zu rechnen hatte. Sie setzte damit teilweise ihre
Jungfräulichkeit aufs Spiel, die ja damals auch noch einen sehr hohen
Stellenwert hier in Italien hatte.
Was
meinst Du, warum die Frauen von sich aus so wenig über ihren Kampf in der
Resistenza sprechen?
Das
Schweigen der Frauen hängt damit zusammen, dass die meisten nach der Befreiung
wieder in ihren Privatbereich zurückgegangen sind. Viele, wie z.B. auch meine
Mutter, konnten weder lesen noch schreiben und von daher auch ihre Erinnerungen
nicht festhalten. Frauen haben oft völlig isoliert ihren Widerstand geleistet
im Gegensatz zu den Männern, die in den Partisanengruppen ihren Rückhalt
hatten.
Wie
war der Umgang mit den ehemaligen PartisanInnen nach Kriegsende?
Nach
dem Krieg ist ein Gesetz erlassen worden, das den Partisanen eine bessere
Pension zubilligte oder den Verwandten der Gefallenen eine Entschädigung. Und
in diesem Gesetz waren Männer und Frauen gleichgestellt.
Aber
viele Frauen haben sich doch gar nicht als Partisaninnen registrieren lassen?
Ja,
das stimmt. Da ist die Mentalität wohl unterschiedlich.
Wie
geht es Dir angesichts der aktuellen politischen Situation in Italien,
angesichts des Einzugs der Faschisten ins Parlament?
Ich
habe sehr viel Angst und ich hoffe, dass die vier Jahre, die dieses Parlament
an der Macht ist, so schnell wie möglich vergehen. Ich fürchte für Europa, dass
der Rassismus immer schlimmer wird. Aber wenn sich eine faschistische Diktatur
hier wieder etablieren sollte, werde ich die Geschichte meiner Mutter, die
damals sehr aktiv Widerstand geleistet hat, weiterführen und alles mir Mögliche
dagegen unternehmen. Das Schlimme für mich persönlich ist, dass die
Kommunistische Partei damals sehr stark war, aber heute am Boden liegt. Ich
habe damit meine politische Heimat verloren.
Wie
erklärst Du dir die wachsende Popularität der Faschisten hier in Italien?
Die
Gründe für die Wahlsiege liegen meiner Meinung in den immensen
Korruptionsskandalen, die aufgeflogen sind und in die auch die Sozialisten
stark verwickelt sind.
Die
Leute haben zu den linken Parteien kein Vertrauen mehr. Obwohl ich sagen muss,
dass die „roten“ Regionen, wie die Emilia oder die Toskana, am besten in
Italien funktionieren.
Hier
gibt es die besten Sozialversorgungen, und die Leute, die aus dem Süden, z.B.
aus Neapel hochkommen, kommen, um hier Arbeit zu suchen. Die linken Regierungen
haben hier ein gutes soziales System aufgebaut und ich wüsste nicht, was mir
hier fehlt. Hier kann man gut leben.
Juli
1994
„1999
– Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts“, Heft 3/94, 07.1994
Jonathan
Steinberg, Deutsche, Italiener und Juden –
Der
italienische Widerstand gegen den Holocaust,
Steidl
Verlag, Göttingen 1992, 373 Seiten, 38,-- DM
Heinrich Senfft
Spät, hoffentlich nicht zu spät, ist von einem höchst
aufregenden, faszinierenden Buch zu berichten, von einem Geschichtsbericht der besten
anglo-amerikanischen Tradition, in der sich kein Historiker verdächtig macht,
weil er gut und unterhaltend zu schreiben versteht. Das Buch handelt
vordergründig aber gründlich genug – vom Schicksal vergleichsweise weniger
Juden in Jugoslawien, Frankreich und Griechenland, die die Italiener in nicht
verabredeter, spontaner Einmütigkeit vor der Vernichtung durch die Deutschen zu
schützen gesucht haben. In Jugoslawien waren es knapp zweieinhalbtausend
Menschen, in Frankreich etwa siebentausend, die die Italiener den Deutschen
hartnäckig nicht auslieferten, seit sie wussten, dass diese Menschen ermordet
werden sollten. Da machten sie auch keinen Unterschied, ob es sich um
italienische oder Juden anderer Nationalitäten handelte. Jonathan Steinberg ist
– man mag das Wort in diesem Zusammenhang kaum aussprechen – ein Erzähler von
so hohen Graden, dass man sein Buch nicht mehr aus der Hand legen kann, ehe es
zu Ende ist, obwohl doch jeder weiß, dass es schlecht ausgeht, schlecht für die
Juden.
Steinberg ist ein Amerikaner, der 1956 als Soldat in Bremerhaven
landete und von Europa so fasziniert war, dass er sofort deutsch und
italienisch lernte, Historiker wurde und sich derart auf den Krieg in
Jugoslawien und im Mittelmeerraum konzentrierte, dass ihm sein Buch etwas aus
den Fugen geriet. In Wahrheit schildert er Italiens Anteil am zweiten
Weltkrieg, dessen historische Disposition und Beziehung zu Deutschland so
ausführlich, dass daraus ein historisches Schlachtengemälde, ein
italienisch-deutsches Psychogramm entstanden ist. Es fällt, man muss es gleich
sagen, zugunsten der Italiener aus, und über die deutschen Brutalitäten, von
denen Steinberg auf fast jeder Seite zu berichten hat, wird einem so übel, dass
man nur hoffen kann, dieses Deutschland habe sich in der Zwischenzeit geändert
oder wenigstens so viel dazugelernt, dass man sich nicht mehr fürchten muss.
Deshalb ist auch der Titel der englischen Ur-Ausgabe der wirklich treffende:
„All or Nothing – The Axis and the Holocaust 1941 – 1943“, weil er deutlich macht,
dass es für beide Diktatoren, Hitler wie Mussolini, nur das eine oder andere
geben konnte, denn sie wussten: jeder Kompromiss, jeder Sonderfriede, der
allerdings schon bald gar nicht mehr denkbar war, hätte Faschismus wie
Nationalsozialismus gleichermaßen sogleich von der Szene gefegt.
Steinbergs Sympathie gilt den Italienern – und dafür gibt es
mehr als einen Grund. Wahr ist, dass die italienischen Streitkräfte bis zum
Waffenstillstand am 8. September 1943 und dem damit besiegelten Ende der Achse
Berlin-Rom keinen unter ihrem Schutz stehenden Juden an die Deutschen oder die
– in diesem Zusammenhang auch übel abschneidenden Franzosen oder Kroaten –
auslieferten. Die Steinbergsche Grundfrage lautet: Warum retteten italienische
Diplomaten und Soldaten die Juden, während die deutsche Wehrmacht bei ihrer
Vernichtung half? Hannah Arendts Erklärung, es sei die italienische, „fast
automatisch gewordene, alle Schichten erfassende Humanität eines alten und
zivilisierten Volkes“, ist Steinberg zu einfach. Seine Antworten am Ende des
Buches fällt kaum anders, aber detaillierter aus: „Italienische Offiziere
verhielten sich so wie sie sich verhielten, weil sie in einer traditionellen,
monarchistischen, liberalen, gebildeten, freimaurerischen, philosemitischen und antifaschistischen
Armee dienten. Die Berufsdiplomaten, auch wenn sie aus der faschistischen
Bewegung kamen, teilten ihre Wertvorstellungen, und außerdem stand im
Hintergrund immer noch die Kirche. Je schlimmer der Krieg wurde, desto mehr
verteidigten sie die Werte der Civiltà
italiana gegenüber den monströsen Forderungen ihrer Achsenpartner. Deutsche
Offiziere handelten so wie sie handelten, weil die Tradition des Gehorsams und
der Starrheit des Denkens jedes andere Handeln undenkbar machte, will 1941 –
1942 Hitlers Ideologie mit ihren eigenen Vorurteilen und Meinungen verschmolzen
war ... „ Hinzu kam, dass „Mussolini auch am Ende noch immer eine menschliche
Stimme hören und darauf reagieren konnte“.
Dieses niederschmetternde, aber kaum überraschende Untersuchungsergebnis
begründet der Autor auf über 300 Seiten, denen man in jeder Zeile anmerkt,
welche Forschungsarbeit ihnen zugrunde liegt. Steinberg verschweigt nicht, dass
es italienischen Sozialisten, Gewerkschaftern, Liberalen, Äthiopiern,
spanischen Dorfbewohnern, slowenischen Zivilisten und anderen keineswegs so gut
wie den Juden ging. Bei den Slowenen z.B. erklärt Steinberg das so: „Die Juden
stellten eindeutig keine militärische Bedrohung der politischen Ambitionen der
Italiener dar. Bei den Slowenen hingegen war genau das ebenso eindeutig der
Fall“; die italienische Behandlung slowenischer Zivilisten sei eine „normale“
Reaktion einer Besatzungsarmee gewesen, „die von einem Guerillakrieg frustriert
ist“. Insgesamt aber waren die Juden „für viele Italiener auf eine tiefe, nicht
immer sehr deutliche Weise zu einem Symbol für den Hass und den Abscheu
geworden, die sie nun für ihre deutschen Verbündeten empfanden“. Quelle der
italienischen Menschlichkeit waren freilich auch die Untugenden: „Unordnung,
Ungehorsam und Menefreghismo (Wurstigkeit) im italienischen öffentlichen
Leben“, Durchtriebenheit (Furberia), Korruption und Gleichgültigkeit. Selbst
die Armee konnte ihre eigenen Befehle nicht durchsetzen, und so liest man nicht
ohne Heiterkeit die Eintragungen in Marschall Cavalleros stenographischem
Bericht vom 14. Januar 1943: er empfängt den Unterstaatssekretär im
Kriegsministerium, Scuero, und den Stabschef der Armee, Ambrosio, zum „Thema –
Unterdrückung der Gewohnheit, Befehle nicht zu befolgen“.
Das ist umso weniger zum Lachen, wenn Steinberg berichtet, er
habe kein einziges Dokument, nicht einmal ein privates gefunden, in dem ein
deutscher Militär, ob Offizier oder Unteroffizier „auch nur die geringste
Sympathie mit dem Verhalten der Italiener gegenüber den Juden geäußert hätte,
während in italienischen Dokumenten insbesondere Worte wie `ethisch` dauernd
auftauchen“. „Die Deutschen“, berichtet Steinberg, „erschreckten die Italiener
immer wieder mit Äußerungen von unerwarteter Brutalität. Göring schlug bei einem
seiner Besuche in Rom den Außenminister Grafen Ciano vor, Roatta solle
„Mihailowic gelegentlich zum Frühstück einladen und ihn hinterher aufhängen ...
Graf Ciano antwortete, der kommandierende General der Armee habe nie auch nur
den kleinsten Kontakt zu Michailowic gehabt; abgesehen davon `gehöre es nicht
zu seinen Eigenarten, seine Gäste zu erhängen´“.
Steinberg versteht es aber auch, den Leser immer wieder zu
amüsieren – freilich nur mit italienischen Geschichten. Beim Treffen Hitler /
Mussolini am 19. Januar 1941 ist Graf Ciano entsetzt, weil der Generalstabschef
Alfredo Guzzoni mit von der Partei ist: es sei „demütigend, den Deutschen einen
so kleinen General mit einem so dicken Bauch vorzustellen und noch dazu mit
gefärbten Haaren“. Das noch Schlimmere war: Der General hatte auch eine
ungarisch-jüdische Geliebte, die „defätistische Bemerkungen“ machte, der
Karriere des Militärs aber nicht geschadet hatte. Unvergesslich auch die
Schilderung der miserablen Kampfkraft und Ausrüstung der Italiener in Südfrankreich:
„Die 4. Armee hat keine Flieger, keinen Marineschutz, keine schwere Artillerie,
keine Flak. Es fehlt ihr außerdem an Zement und Eisen, um Befestigungen
durchzuführen“, heißt es im Reisebericht eines deutschen Generals vom Februar
1943. Als die Deutschen allerdings Zement und Eisen lieferten, verwendeten die
Italiener sie offenbar für etwas ganz anderes: für Straßensperren. Der deutsche
General Freiherr von Neubronn hatte „den Eindruck, dass diese merkwürdigen
Anlagen gegen uns Deutsche gerichtet waren, zumal auch die Wagen deutscher
Offiziere oft an diesen Stellen aufgehalten und kontrolliert wurden“. So wird
es wohl gewesen sein.
Sonst gibt es in diesen Buch nicht viel zu lachen. Wenn man
davon absieht, dass Mussolini von jeder Unterredung mit Hitler „berauscht“
zurückkehrte und nichts von dem vorgebracht hatte, was er eigentlich hatte
sagen wollen oder sollen. Trostlos sind vor allem die Passagen, bei denen einem
die Gegenwart sofort einfällt: am 6. April 1941 marschieren die Deutschen in Jugoslawien
und Griechenland ein – und schon am 10. April lassen sie den unabhängigen Staat
Kroatien ausrufen, während Serbien der deutschen Militärverwaltung mit der
OKW-Weisung unterstellt wird, die Serben und ihre Offiziere sollten „ausgesucht
schlecht behandelt werden“. Das lassen sich die Deutschen ebenso wenig zweimal
sagen wie sie mit großen Vergnügen dem mordenden Treiben der Kroaten zusehen.
„Kroatien“, so schreibt Steinberg, „schloss sich der nationalsozialistischen
Neuen Ordnung an und kam seinen Verpflichtungen bereitwillig nach“. Und als die
anderen Völker Jugoslawiens sich zu wehren begannen, befahlen die feinen
deutschen Wehrmachtsherren und –marschälle die gnadenlose Vergeltung: „es ist
fast, als hätte eine Art Zentrifugalkraft die deutschen Kommandeure von der
Mittelachse unserer gemeinsamen Humanität fortgeschleudert. Sie übertrafen
einander an Brutalität und Repressionsmaßnahmen ... „ Kein Wunder, dass die
Bevölkerung bei den milderen Italienern Schutz suchte, die wussten, dass
Politik und Kriegsführung „besonders in Angelegenheiten des Balkan sich nicht
trennen“ ließen.
Als die Italiener erfuhren, dass die Deutschen die Juden
systematisch vernichten wollten, wuchs ihr Widerstand. Man kann Steinberg nur
zustimmen, wenn er schreibt, die Reaktion der italienischen Verantwortlichen
sei „ein Kapitel des Ruhmes in der Geschichte des modernen Italiens“ – nicht
zuletzt, wenn man erfährt, dass sich die Deutschen „nach langem Feilschen“ von
den Kroaten für jeden deportierten Juden auch noch 30 Reichsmark haben zahlen
lassen. Es war keine „große Verschwörung zur Veränderung“ der Staatsführung:
„Die italienischen `Widerständler` konnten es einfach nicht über sich bringen,
so unmenschlich zu handeln, wie es ihre Verbündeten forderten.“ Dies geschah
vor allem durch „eine tief in der italienischen Bürokratie verwurzelte Taktik:
nichts zu tun, und das auf möglichst offiziöse Weise“ – und mit vielen
verschleiernden Worten; die „Pertinenza“, die Zugehörigkeit der festgehaltenen
Juden sollte festgestellt werden, teilte man den ungeduldigen und gereizten
Deutschen mit – und das dauerte eben seine Zeit. So machten es die Italiener
nicht nur in ihrer jugoslawischen Besatzungszone, sondern auch in Griechenland
und später in dem ihnen zugewiesenen Teil des ursprünglich nicht besetzten
Teils von Vichy-Frankreich: „Ansehen, Menschlichkeit und Eigeninteresse
verschmolzen in der italienischen Entschlossenheit, sich nicht am Massenmord an
den Juden zu beteiligen.“ Das ist die Kehrseite der ebenso trostlosen wie
zutreffenden Feststellung. Hitler hätte sein großes Verbrechen ohne den
allgegenwärtigen, weitverbreiteten und grundsätzlichen deutschen Antisemitismus
nicht ausführen können. Der Kampf gegen Juden und Sozialisten hatte in der
deutschen Innenpolitik nicht erst seit Bismarcks Abgang integrierende Funktion
gehabt. Im „jüdischen Bolschewismus“ hatten die Nazis diese Gruppen zu einem
einzigen Feind zusammengefügt. Die Italiener waren davon ohne Ende schockiert.
Das stenographische Protokoll notierte über den Grafen Vitteti, den
Generaldirektor für europäische und mediterrane Angelegenheiten im
italienischen Außenministerium, zu Ribbentrops Besuch am 25. Februar 1943 in
Rom und zur Besprechung der „Judenfrage“: „Bismarck (Fürst Otto von Bismarck,
Gesandter an der Deutschen Botschaft in Rom) gegenüber, antwortete Vitteti,
habe ich geäußert, dass sein Großvater sich geschämt haben würde, Fragen wie
diese zu diskutieren, worauf er entgegnete, dass ich recht hätte.“ Das reichte
für Bismarck, den Bundestag als CDU-Abgeordneter als rettendes Ufer zu
erreichen, aber viel war dafür in den 50er Jahren ohnehin nicht nötig, für die
meisten war die Schwelle noch niedriger.
Wie besessen jagten die Deutschen durch Europa, um auch den
letzten Juden aufzuspüren – gerade so, als hätten sie nach Stalingrad, dem Fall
Nordafrikas und der alliierten Landung auf Sizilien keine anderen Sorgen: In
Wahrheit waren deren und des „Bolschewismus“ Vernichtung immer die einzigen
Kriegsziele Hitlers gewesen. Die Italiener dagegen waren nicht bloß ohne ausreichende
Vorbereitung in den Krieg gegangen, sie wussten noch nicht einmal, warum. Kein
Wunder also, dass der italienische Krieg und der Faschismus in Unlust und Chaos
endeten; der faschistische Minister Guiseppe Bottai hatte schon im Dezember
1942 in seinem Tagebuch notiert: „Das Drama eines Regimes beginnt, wenn es
nicht mehr in der Lage ist, die Wahrheit zu finden und endet, wenn es nicht
mehr den Willen hat, sie zu suchen. Die Frage ist nur, ob wir in der ersten
oder der zweiten Phase sind.“ Das war im September 1943 keine Frage mehr, als
Mussolini abgesetzt war und Italien kapituliert hatte. Nur konnte es von da an
die Juden nicht mehr vor den Deutschen schützen. Unter der
Marionetten-Regierung der „Italienischen Sozialrepublik von Salò“ gewannen
endlich auch die italienischen Judenfresser die Oberhand: Polizei und Militär
holten Juden und steckten sie in das italienische Konzentrationslager Fossoli –
oder sie halfen den Deutschen, Juden aufzuspüren und in die Todeslager zu
schaffen.