Italien : Faschismus, deutsche Besatzung und die Bedeutung der Resistenza (1999 - 1994)

 

 

Übersicht:

 

         

      1999

 

      Dezember 1999

-     Süddeutsche Zeitung, 31.12.1999: Neues über eine alte Geschichte /

Italienische Dorfbewohner und Historiker arbeiten ein SS-Massaker vom August 1944 auf

 

November 1999

-     Süddeutsche Zeitung, 13.11.1999: Berichtigung

-          Süddeutsche Zeitung, 12.11.1999: Deutsche Kriegsverbrecher in Italien:

Die Spur führt nach Spanien /

Viel Bräune im sonnigen Pensionistendorf

-          Süddeutsche Zeitung, 04.11.1999: Deutsche Kriegsgräuel in Italien:

 Verbrecherjagd nach 50 Jahren Schonzeit

 

Oktober 1999

-    die tageszeitung, 30.10.1999: Fast prompt: Italien knöpft sich NS-Verbrecher vor /

Einige hundert deutsche Kriegsverbrecher aus Nato-Räson bisher nicht verfolgt

-     Magazin der Süddeutschen Zeitung, 29.10.1999: Der Himmel war strahlend blau / Geschichte /

Am 12. August 1944 überfiel die Waffen-SS ein Bergdorf in der Toskana.

Mehr als vierhundert Menschen wurden erschlagen, erschossen, verbrannt.

Die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Nach den Tätern hat nie jemand ernsthaft gesucht. Bis jetzt.

 

Juni 1999

-     F.-R. Hausmann, 07.06.1999: Jens Petersen / Wolfgang Schieder (Hg.):

Faschismus und Gesellschaft in Italien.Staat – Wirtschaft – Kultur ...

 

 

1997

 

September 1997

-          Frankfurter Rundschau, 30.09.1997: Keine Hemmschwelle Zivilisten zu töten /

Akten zu Krieg in Italien belegen enge Bindung der Wehrmacht an NS-Ideologie

 

 

            1994

 

            September 1994

-          Contraste, 09.1994: Auf den Spuren der PartisanInnen in Norditalien /

Heute noch leuchtende Augen

-          Contraste, 09.1994: Interview /

 „Ohne den Widerstand der Frauen wäre der Faschismus nicht besiegt worden“

 

Juli 1994

-          1999 – Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Heft 3/94, 07.1994:

Jonathan Steinberg, Deutsche, Italiener und Juden –

Der italienische Widerstand gegen den Holocaust,

Steidl Verlag, Göttingen 1992, 373 Seiten, 38,-- DM

 

 

 

 

 

 

 

1999

 

Dezember 1999

 

„Süddeutsche Zeitung“, 31.12.1999

 

Neues über eine alte Geschichte

Italienische Dorfbewohner und Historiker

Arbeiten ein Massaker vom August 1944 auf

 

Christiane Kohl

Die Zusammenkunft fand in einem ehemaligen Kloster statt, wie es beinahe jede italienische Kleinstadt eines hat. Schon im Kreuzgang, der gleich bei der Piazza liegt, standen die Männer in Grüppchen herum und diskutierten. Drinnen in dem schönen alten Gewölbesaal mit Resten mittelalterlicher Fresken saßen indes an die Hundert Leute und lauschten. Vornehmlich ältere Leute aus der Gegend waren gekommen, einen halben Tag lang hörten sie sich aufmerksam die Vorträge von neun Historikern an. Diese hatten Neues über eine alte Geschichte zu erzählen, die noch immer viele Bewohner des Städtchens Pietrasanta bei Lucca bewegt: Es ging um ein von deutschen SS-Soldaten im Sommer 1944 in den Bergen oberhalb von Pietrasanta angerichtetes Blutbad.

In dem Bergdorf Sant’Anna di Stazzema hatte eine SS-Einheit am 12.  August 1944 rund 500 Bewohner getötet, auf dem Kirchplatz des Dorfes lag damals ein großer Leichenberg. Es war eines der schlimmsten Kriegsverbrechen in Italien, doch die Täter wurden niemals dingfest gemacht, das Massaker blieb bis heute ungesühnt.

Seit einiger Zeit ermittelt jedoch erneut der Staatsanwalt, auch für die Geschichtswissenschaftler ist der Ort Sant’Anna wieder interessant. Im Kloster von Pietrasanta trafen sich die Forscher nun kurz vor Weihnachten auf Einladung des Bürgermeisters, um nach einem Bericht des Magazins der Süddeutschen Zeitung neue Erkenntnisse auszutauschen. Erstmals war in dem Artikel des SZ-Magazins einer der seinerzeit an dem Überfall auf das Dorf beteiligten SS-Soldaten zu Wort gekommen. In dem Kreuzgang des alten Klosters von Pietrasanta machen einige der diskutierenden Männer heute keinen Hehl daraus: Sie würden den einstigen Soldaten gerne einmal sprechen. Dabei geht es nicht um Rachegefühle.

Entscheidend sei heute nicht „die juristische Bestrafung“, sagt gleich zu Anfang der Historiker Michele Battini von der Universität Pisa, sondern „die historische Aufklärung“. Carlo Gentile, ein in Deutschland lebender italienischer Forscher, hat dazu eine Menge beizutragen. Seit Jahren durchstöbert der Wissenschaftler deutsche Archive. Jetzt entwirft er ein Profil der 16. SS-Division „Reichsführer SS“, die für den Überfall auf Sant’Anna verantwortlich war. Das Massaker in dem Bergdorf war nicht die einzige Tat dieser Division, sie hinterließ „eine regelrechte Blutspur“, meint Gentile, die quer durch die Toskana führt: Binnen weniger Wochen, zwischen Ende Juli und Ende September 1944, tötete die 16.  Division nach den Erkenntnissen Gentiles in dem Gebiet zwischen dem Arno und Bologna in zahllosen kleineren und größeren Gemetzeln etwa 2500 italienische Zivilisten und schickte darüber hinaus mindestens 10.000 Italiener zwangsweise zum Arbeitseinsatz nach Deutschland.

In der Truppe habe es viele ganz junge Soldaten und sogenannte „Volksdeutsche“ gegeben, zudem habe sich die Division aus älteren Mitgliedern der Totenkopf-Verbände rekrutiert, die auch als Wachkommandos in Konzentrationslagern wirkten. Aufgrund der hohen Verluste in den Kämpfen mit den Alliierten im Sommer 1944 wurden immer häufiger verhältnismäßig unvorbereitete Unteroffiziere mit mäßigen Beurteilungen in Führungspositionen befördert – könnte das ein Grund für die Gewaltexzesse sein? „Wir wissen praktisch nichts über die Motivation der Truppe“, sagt Gentile. Nach den im SZ-Magazin veröffentlichten Äußerungen des Soldaten aber sei klar, dass das Blutbad von Sant’Anna „keine Repressalie im herkömmlichen Sinn“ gewesen sei, die sich etwa spontan als Reaktion auf Partisanenangriffe aus dem Dorf entwickelt habe. Vielmehr sei die Aktion eigens geplant worden, „mit dem Ziel der Vernichtung des Dorfes“. Für die Zuhörer in Pietrasanta ist diese Frage besonders wichtig, deshalb heben im Kreuzgang auch bald lautere Diskussionen an.

Jahrzehntelang sind die Bewohner zerstritten darüber, ob nicht auch Partisanen indirekt schuld an dem Massaker waren. Etwa weil sie die Bergbewohner nicht gewarnt oder geschützt n oder womöglich vor Beginn des Blutbads auf einen Soldaten geschossen hätten. So machten sich die Bewohner gegenseitig Vorwürfe. Doch nun stellen die Historiker klar, es seien 300 Soldaten in das Dorf hinaufgestiegen, mit Granatwerfern und Leuchmunition. Und der deutsche Soldat habe berichtet, es sei „sofort geschossen“ worden.

Darüber, warum die Täter von Sant’Anna nach dem Krieg jahrzehntelang nicht verfolgt wurden, weiß die Tübinger Historikerin Kerstin von Lingen Neues zu berichten. Zunächst hätten die Alliierten geplant, in Italien ähnliche Prozesse wie in Nürnberg abzuhalten. Denn bereits 1943 waren Großbritannien, die USA und die Sowjetunion überein gekommen, „die Schuldigen für das Blutbad in Europa bis ans Ende der Welt zu verfolgen. “ Nach dem Krieg seien zwischen Amerikanern und Engländern jedoch schnell Rivalitäten aufgetreten, beide hätten sie unterschiedliche Ziele verfolgt.

Die Amerikaner wollten sich bald nur noch auf die Anklage der wichtigsten Kriegsverbrechen wie etwa die Geiseltötung in den Ardeatinischen Gräben bei Rom konzentrieren und ansonsten Ruhe haben, um der kommunistischen Partei in Italien keine Argumente gegen den Westen zu liefern – der Kalte Krieg hatte begonnen. Hingegen befürchteten die Engländer, so von Lingen, es könnten durch die Prozesse Einzelheiten über ihre Rolle bei der Unterstützung von italienischen Partisanen herauskommen. So war die Neigung, große Prozesse abzuhalten alsbald generell gedämpft. Im Fall Sant’Anna hätten Engländer und Amerikaner nicht mal ihre Ermittlungsergebnisse ausgetauscht.

Schon die SS aber hatte die Sache zu verheimlichen versucht: In der Meldung für das „Kriegstagebuch“ hieß es lediglich, es seien „290 Banditen niedergemacht“ und ein „Munitionslager gesprengt“ worden.

 

 

 

 

November 1999

„Süddeutsche Zeitung“, 12.11.1999

Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: Die Spur führt nach Spanien / Viel Bräune im Pensionistendorf

Ein Städtchen an der Costa Blanca war Jahrzehnte Zufluchtsort für Deutsche, die wegen ihrer Nazi-Vergangenheit die Justiz fürchten mussten

Von Christiane Kohl und Peter Burghardt

Dénia, 11. November. Am Fuß eines Vulkanberges unter strahlendblauem Himmel liegt der Friedhof von Dénia. Weiße, verwinkelte Gänge führen an hohen marmorgetäfelten Wänden mit Blumen, Bildern und eingravierten Sprüchen vorbei. Dahinter verbergen sich die Wandfächer mit den Columbarien, in denen die Toten bestattet sind. Die Grabstätte von Anton Galler liegt ganz oben in der vierten Reihe. Man sieht nur ein kleines schlichtes Kreuz auf schwarzem Stein, der Namenszug ist hinter einem Busch aus roten und gelben Kunstblumen versteckt. Vor etwas mehr als vier Jahren wurde seine Asche hier zur letzten Ruhe gebettet. Von den Beerdigungsgästen hat vermutlich kein Mensch geahnt, welch ein Geheimnis der alte, verschlossene Mann mit in den Tod nahm. Heute würden italienische Staatsanwälte viel dafür geben, hätten sie Galler noch einmal vernehmen können. Galler war einstmals Bataillonskommandeur der Waffen-SS, er gilt als Hauptverantwortlicher für ein Massaker an 400 italienischen Zivilbürgern, das sich im Sommer 1944 in dem Bergdorf Sant’Anna bei Lucca ereignete. Die Opfer waren vor allem Frauen und Kinder, das Jüngste gerade 20 Tage alt. Viele Jahrzehnte kümmerte sich die italienische Justiz nicht um die Aufklärung dieses Kriegsverbrechens deutscher Soldaten, erst jetzt nahm sie die Spur zu den mutmaßlichen Tätern auf.

Im Fall des einstigen SS-Kommandeurs Galler führt die Spur in ein beschauliches Rentnerparadies an der spanischen Costa Blanca. Kleine und größere Villen säumen die kurvigen Straßen an den zur Küste gewandten Berghängen. Lila Bougainvillea-Blüten überwuchern die Terrassen, blau schimmern die Swimmingpools in den Gärten. In der kleinen Altstadt kann man Jerry-Cotton-Romane leihen, Konsalik oder Simmels „Lieb’ Vaterland magst ruhig sein“. In der Bar „Porto Bello“ gibt es Erdinger Weißbier und Leberkäse mit Kartoffelsalat. Das Städtchen Dénia, auf halber Höhe zwischen Alicante und Valencia, zählt etwa 28 000 reguläre Einwohner. Dazu kommen rund 10 000 deutsche, österreichische und Schweizer Rentner, die hier den Lebensabend verbringen, und Jahr für Jahr an die 100 000 Sommergäste. „Wir sind das Altenheim der Costa Blanca“, sagt ein ehemaliger Kripobeamter.

Doch ist Dénia kein gewöhnliches Altenheim. Da gab es etwa den deutschen Elektroinstallateur, der sich lange schon zur Ruhe gesetzt hatte. Der habe wirklich nie einen Hehl aus seiner Nazi-Gesinnung gemacht, wird in der Stadt erzählt. Einheimische Schreiner, die in einer jener Villen am Hang zu tun hatten, erinnern sich an Fotos mit dekorierten Kriegshelden an den Wänden, ausgestellten Orden und Hakenkreuzen. Ältere Bürger Dénias erzählen von lauten Gelagen im Ortsteil „Las Rotas“, wenn etwa am 20. April „Führers Geburtstag“ gefeiert wurde. Dénia war nach dem Krieg eine Zufluchtsstätte für NS-Anhänger geworden – hier landeten einige, die den Zugriff der Justiz zu fürchten hatten.

Später ein Baulöwe

Als einer der ersten kam der SS-Sturmbannführer Gerhard Bremer, ein Ritterkreuzträger mit Eichenlaub, der einstmals in der Leibstandarte Adolf Hitler diente. In Dénia sattelte der SS-Mann, Jahrgang 1917, zum Baulöwen und Tourismus-Manager um. So errichtete er auch eine Reihe von Bungalows an der Südküste des Ortes. In den kleinen, mit gelblichen Steinen verkleideten Häusern sollen vor Jahren auch einige Kriegsverbrecher Unterschlupf gefunden haben, die sich über Dénia nach Argentinien absetzten. Gleich neben der Siedlung hatte die Guardia Civil ein Quartier aufgeschlagen, wie Einheimische berichten: Zur Zeit des spanischen Diktators Franco standen die deutschen NS-Verbrecher offenbar unter dem persönlichen Schutz des damaligen Ministerpräsidenten Carrero Blanco.

Zeitweise lebte auch Otto Skorzeny in Dénia. Der alte Haudegen, ein Bär von einem Mann mit 1,93 Gardemaß, der für den Sicherheitsdienst der SS gearbeitet hatte, zeigte sich an der Costa Blanca stets braungebrannt. Während des Krieges galt er als Hitlers Wunderwaffe, der viele Sondereinsätze befehligte. So befreite Skorzeny im September 1943 den italienischen Duce Mussolini, der in einem Berghotel auf dem „Gran Sasso“, dem höchsten Abruzzen-Gipfel, gefangen war. Zu Lande war das Hotel nur per Seilbahn zu erreichen, Skorzeny näherte sich mit seinen Trupps aus der Luft. Er brachte Mussolini zum Gardasee, wo die Deutschen ein Marionettenregime errichteten mit dem Duce an der Spitze, die „Repubblica di Salò“. Nach dem Krieg klagten die Amerikaner Skorzeny als Kriegsverbrecher an, er wurde freigesprochen. Wochen später flüchtete er vor einem deutschen Spruchkammerverfahren nach Spanien. Er verdingte sich als Makler und Waffenhändler und lebte auf großem Fuß in Madrid und Dénia.

Skorzeny, ein gebürtiger Wiener, war in Dénia eng befreundet mit dem Bungalow-Besitzer Bremer. Und er kannte auch jenen verschlossenen ehemaligen SS-Mann Anton Galler schon aus den Tagen des Krieges. Damals waren einige Trupps der 16.  SS-Panzer-Grenadier-Division, zu der auch Galler gehörte, zeitweise zur Bewachung von Mussolini am Gardasee abgestellt worden. Mag sein, dass die beiden sich bei dieser Gelegenheit sahen. In Dénia jedenfalls haben sie sich nie getroffen, als Galler Mitte der achtziger Jahre kam, war Skorzeny schon zehn Jahre tot. Galler baute sich ein eher bescheidenes Häuschen mit kleinen Fenstern, Terrasse und Swimmingpool; an der gelbgetünchten Fassade ranken rosa Hibiskusblüten. Hier zog er sich mit seiner zweiten Frau zurück, die Bücher über Bücher las. Indes führte Galler die beiden Dackel spazieren. Dabei hielt er „den Kopf immer nach unten“, wie eine Nachbarin erzählt, „starrte er mit verschlossenem Gesicht vor sich hin“.

Sein Lebenslauf klingt wie die Bilderbuchkarriere eines Nazimitläufers, der aus kleinen Verhältnissen stammt. Als unehelicher Sohn 1915 im österreichischen Lilienfeld bei Sankt Pölten geboren, trat er 1932 in die Hitlerjugend ein. Ein Jahr später war er bei der SS, 1935 ließ er sich in Deutschland einbürgern. Um diese Zeit schob er Dienst in Dachau. Später ging Galler nach Polen, wo er als Chef einer Polizei-Kompanie ausweislich eines handgeschriebenen Lebenslaufes zwischen 1939 und 1941 die „verbrecherischen Banden“ polnischer Widerständler niederkämpfte und im Raum Oberschlesien Juden und emigrierte Deutsche zur „Evakuierung“ zusammentrieb. Ende 1943 wechselte Galler als Kompaniechef zur 16. SS-Panzer-Division, die ab Frühsommer 1944 in Italien operierte. Zunächst kämpften die Soldaten bei Netturno südlich von Rom gegen die Alliierten, später bei Livorno, schließlich im Norden von Pisa. Mittlerweile schrieb man Ende Juli, der Kommandeur des II. Bataillons war gefallen, Galler wurde sein Nachfolger.

Wenig später geschah das Massaker von Sant’Anna. Zuvor hatte es schon mehrmals Zusammenstöße mit Partisanen gegeben, vor allem in den Apuanischen Alpen, einem unwegsamen Berggelände, das sich oberhalb der Kleinstadt Pietrasanta erhebt.

Nach den Gepflogenheiten des Krieges töteten die Deutschen für einen umgekommenen Landsmann zumeist zehn Italiener. Warum das II. Bataillon unter dem Befehl von Galler jedoch ein Dorf gleichsam ausradierte, mit lauter Frauen und über 100 Kindern, ist bis heute ungeklärt. Erst jetzt begannen sich die Staatsanwälte dafür zu interessieren. Ein Soldat des II. Bataillons, der an dem Massaker teilnahm und heute in Deutschland lebt, erinnerte sich kürzlich gegenüber der Süddeutschen Zeitung: Alle Menschen in den Bergen seien für Partisanen gehalten worden, deshalb habe man in Sant’Anna gleich losgeschossen – „wir waren ein bisserl rücksichtslos“.

Der Bäcker in der Mine

Andere Soldaten des SS-Bataillons schweigen bis heute. So der einstige Stabsoffizier Ekkehard Albert, heute 84, der im süddeutschen Bochingen lebt. Albert zeichnete für jene Meldung verantwortlich, die nach dem Gemetzel von Sant’Anna ans Armeehauptquartier ging: „270 Banditen niedergemacht. Bandenstützpunkt . . . niedergebrannt. “ Als SS-Kameraden in den siebziger Jahren eine Divisions-Geschichte schreiben wollten, riet er ab: Man solle den Italienern keine „Zeit- und Ortsangaben“ nennen. In dem Buch zur Divisions-Geschichte, das letztes Jahr herauskam, steht wirklich kein Wort über Sant’Anna. Dass ausgerechnet Galler das Verbrechen hätte aufklären wollen, scheint unwahrscheinlich. Nach dem Krieg versteckte er sich bei St. Pölten, später ging er nach Kanada. Dort arbeitete der gelernte Bäcker jahrelang in einer Uranmine, bis er Mitte der sechziger Jahre nach Österreich zurückkehrte. Fortan war Galler als Personaleinteiler auf entlegenen Baustellen tätig, wo die Arbeiter monatelang in Barackenlagern wohnten. Ihm schien das angenehmer, als daheim zu sein. Sein Sohn Dietmar, der in Deutschland lebt, sagt: „Auf mich wirkte er immer wie ein Gejagter“.

Kriegserlebnisse habe der Vater nicht erzählt. Wegen des Verbrechens in Sant’Anna meldete sich auch nie ein Staatsanwalt. Zwar gab es in den sechziger Jahren eine Anklage wegen der Ermordung von 13 Menschen in Tschenstochau, doch die erreichte Galler nicht. Der alte SS-Mann starb im März 1995 friedlich in seinem gelb gestrichenen Heim mit den rosa Hibiskusblüten. Das letzte Passbild zeigt ein verschlossenes Brillengesicht mit zusammengepressten Lippen. Die Unterschrift darunter ist so zackig wie in dem Lebenslauf, wo es um die „Judenevakuierung“ ging.

Bildunterschrift: Ein Ferienidyll, in dem sich auch Kriegsverbrecher wohlfühlten: das 28.000-Einwohner-Städtchen Dénia an der spanischen Costa Blanca.

Foto: Ruhestand im Süden: Anton Galler gilt als Hauptverantwortlicher für ein Massaker an 400 italienieschen Zivilisten 1944 in Sant‘Anna. >BERICHTIGUNG

 

 

„Süddeutsche Zeitung“, 13.11.1999

Berichtigung

In der Reportage „Viel Bräune im sonnigen Pensionistendorf“ haben wir am Freitag auf der Seite Drei auch geschrieben, Hitlers Kanzleichef Martin Bormann habe den spanischen Küstenort Dénia als Zwischenstation auf seiner Flucht nach Südamerika benutzt. So hatte es ein Geheimdienstler des früheren spanischen Diktators Franco im Fernsehsender Antena 3 gesagt. Die Aussage ist falsch. Bormann nahm sich am 2.  Mai 1945 in Berlin das Leben, seine Asche wurde im August 1999 in der Ostsee versenkt.

 

 

„Süddeutsche Zeitung“, 04.11.1999

Deutsche Kriegsgräuel in Italien: Verbrecherjagd nach 50 Jahren Schonzeit

Von Christiane Kohl

Nach jahrzehntelanger Rücksicht auf den Nato-Partner Deutschland ermittelt die Justiz in Turin und Rom jetzt gegen Wehrmacht-Soldaten und SS-Leute.

Rom, 03. November. Im Dörfchen Pedescala nahe der norditalienischen Stadt Vicenza gruben vor einiger Zeit Arbeiter den Erdboden auf. Ein Staatsanwalt aus Padua hatte sie angewiesen, nach metallenen Plaketten zu suchen, Orden oder Ehrenzeichen deutscher Militärs. Derweil recherchierte ein Ermittler aus Verona diskret in Richtung Kanada. Der Ankläger kümmert sich um Verbrechen, die während des Krieges im Raum Bozen begangen wurden – in Kanada suchte und fand er einen ehemaligen SS-Mann.

Mehr als 50 Jahre nach Kriegsende hat in Italien eine Welle von Ermittlungen und Prozessen eingesetzt. Beschuldigt sind nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung Angehörige von SS und Waffen-SS, aber auch Soldaten von Wehrmachtseinheiten wie der Fallschirm-Panzer-Division „Hermann Göring“, der 34. Infanterie-Division und der 114. Jäger-Division. Schon in den nächsten Wochen werden mehrere Urteile und die Eröffnung von neuen Prozessen erwartet. Die Verfahren werden von deutschen Staatsanwaltschaften mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.

Der deutsche Kollege wartet

Da ist zum Beispiel der Fall des deutschen Kripobeamten Theo Saevecke. Der Mann, heute 88 Jahre alt, war SS-Hauptsturmführer und als solcher in der Zeit zwischen September 1943 und April 1945 praktisch Polizeichef von Mailand. Saevecke, der heute bei Osnabrück lebt, klagten die Italiener 1998 wegen der Erschießung von 15 Männern im August 1944 auf dem Mailänder Loretoplatz an. Vor einem halben Jahr verurteilte ihn das Militärgericht in Turin wegen dieses Deliktes in Abwesenheit zu lebenslänglicher Haft. Noch hat das Urteil für ihn keine direkten Folgen, denn nach Artikel 16 des Grundgesetzes dürfen Deutsche nicht ausgeliefert werden. Freiwillig, das hatte der Kripomann schon vor längerem erklärt, aber zieht es ihn keinesfalls „in das Mafialand“.

Doch in wenigen Tagen sollen Urteil und Prozessunterlagen in die Bundesrepublik gesandt werden. Staatsanwalt Heinrich Heits in Osnabrück wartet bereits darauf. Er hatte das deutsche Konsulat in Mailand angeschrieben und die Staatsanwaltschaft in Turin: „Wenn die Unterlagen kommen, werde ich prüfen, ob hier ein Verfahren einzuleiten ist. “ Ebenfalls in Turin steht der einstige SS-Offizier Siegfried Engel vor Gericht. Während der letzten Kriegsjahre war er SS-Kommandant in Genua. Ihm wird vorgeworfen, verantwortlich für Massentötungen etwa im ligurischen Portofino und am Turchino-Pass zwischen Ligurien und dem Piemont zu sein. Der heute 89-jährige Engel, der in Hamburg lebt, redet nicht mal mit seinem Pflichtverteidiger, er fühlt sich zu Unrecht angeklagt. Doch der Turiner Staatsanwalt Pier Paolo Rivello wird vermutlich lebenslängliche Haft fordern. Das Urteil soll am 15. November gesprochen werden.

Ende November wird in Turin überdies ein Prozess gegen den Deutschen Anton Renninger eröffnet. Dem Mann, der heute 81 ist und in Erlangen lebt, wird vorgeworfen, er habe Anfang April 1944 in der Ortschaft Cumiana bei Turin 50 Italiener erschießen lassen. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft sollten die Männer gegen von den Partisanen gefangene Deutsche ausgetauscht werden. Noch ehe es zu dem Austausch kam, waren die Italiener tot.

Schließlich wird in Turin noch Anklage gegen zwei deutsche Wehrmachtsangehörige geführt, die an der Ermordung von Zivilisten im Raum Ventimiglia beteiligt waren. Der heute 76-jährige Heinrich Göring und Hans Geiger, 84, standen einst beim II. Bataillon des Grenadier-Regiments 253 der 34. Infanterie-Division in Dienst. Zwischen Herbst 1944 und März 1945 kämpfte das Bataillon bei Ventimiglia gegen die Amerikaner. Nach Recherchen der Staatsanwälte wurden hinter der Front einige Dutzend Unschuldige getötet sowie verschiedene Dörfer geplündert und angesteckt.

Nicht überall sind so viele Prozesse wie in Turin im Gang. Landauf, landab werden in Italien derzeit jedoch neue Verfahren eröffnet. So ermittelt die Staatsanwaltschaft Verona gegen zwei aus der Ukraine stammende Bundesbürger. Der 75-jährige Michael Seifert und sein Kamerad Otto Sein werden beschuldigt, einige abscheuliche Verbrechen im Raum Bozen begangenen zu haben.

Die beiden gehörten zum Wachpersonal des „Durchgangslagers Bozen“, wo italienische Juden wie auch politische Häftlinge aus Italien vor der Deportation nach Auschwitz gesammelt wurden. Nach den Erkenntnissen des Staatsanwalts sollen sie alte Leute traktiert und erschlagen oder mit eiskaltem Wasser getötet haben. Für die Tat gibt es offenbar gute Belege, doch die mutmaßlichen Täter schienen jahrzehntelang unauffindbar zu sein. Seifert spürten die Ermittler jetzt in Kanada auf. Derzeit wird das Auslieferungsgesuch formuliert.

Auch Italiener sind angeklagt. In Padua beschuldigt ein Staatsanwalt seinen Landsmann Bruno Caneva, der heute 87-jährig in Argentinien lebt, zusammen mit noch unbekannten Deutschen, ein Massaker in dem Dorf Pedescala bei Vicenza angerichtet zu haben. Im Frühjahr 1945 waren dort etwa 80 Menschen in eine Schule und eine Kirche gesperrt und verbrannt worden.

Unterdessen ermittelt der römische Staatsanwalt Antonio Intelisano gegen deutsche Soldaten, die Verbrechen im umbrischen Gubbio sowie dem Abruzzendorf Capistrello begangen haben sollen. In Gubbio hatte eine Einheit des Infanterie-Regiments 721 frühmorgens 40 an Händen und Füßen gefesselte Bewohner erschossen; in Capistrello wurden 31 Bauern und ein 13-jähriger Junge offenbar von deutschen Soldaten getötet. Intelisano ist der Staatsanwalt, der den Deutschen Erich Priebke angeklagt hatte. Er wurde 1998 wegen der Erschießung von 335 Geiseln im März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt.

Versteckte Akten

Intelisano war es auch, der die neuerliche Ermittlungswelle ins Rollen brachte. Vor einigen Jahren hatte er bei der Recherche nach Akten einen Justizbeamten beauftragt, nach einer verschwunden geglaubten Registratur zu fahnden. Sie fand sich schließlich im Gebäude der römischen Militär-Generalstaatsanwaltschaft. Versteckt in einem seit Jahrzehnten verschlossenen Schrank, der mit der Tür zur Wand stand, tauchten damals rund 2000 Akten auf, welche die Amerikaner noch während des Krieges angelegt und nach 1945 an die Italiener gesandt hatten. Aus politischer Rücksicht auf den Nato-Partner Deutschland hatte Italien in den 50er Jahren jedoch auf die Verfolgung der Täter verzichtet.

Nicht alle der neuen Verfahren sind gut belegt. In Neapel steht derzeit ein Mann vor Gericht, der sich nicht nur unschuldig fühlt – er ist es vermutlich auch. Dem Architekten Otto Gall, heute 86, wird die Erschießung von vier Geistlichen in Mugnano bei Neapel vorgeworfen. Hingegen fand der Freiburger Militärforscher Gerhardt Schreiber heraus, dass die Tat vermutlich von einem anderen Soldaten begangen wurde. Schreiber gilt als Spezialist, der zahlreiche Wehrmachtsverbrechen in Italien aufdeckte, das Gericht in Neapel wollte ihn letzte Woche jedoch nicht einmal anhören. Ungerührt forderte die Staatsanwältin lebenslängliche Haft, diesen Freitag soll das Urteil fallen. „Wenn Gall verurteilt würde“, meint Schreiber, „wäre dies ein ungeheurer Skandal. “

Bildunterschrift:: Nicht nur SS-Männer, auch Soldaten der Wehrmacht, hier bei einem Gefecht 1944 in Florenz, waren an Kriegsverbrechen in Italien beteiligt.

 

 

 

 

 

 

Oktober 1999

 

„die tageszeitung“, 30.10.1999

 

Fast prompt: Italien knöpft sich NS-Verbrecher vor

Einige hundert deutsche Kriegsverbrecher aus Nato-Räson bisher nicht verfolgt

 

München / Rom (dpa). Italien ermittelt mit deutscher Hilfe gegen Kriegsverbrecher, die bisher nicht vor Gericht gestellt wurden. Ein Sprecher der Zentralen Ermittlungsstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg bestätigte gestern einen Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ), wonach seine Behörde in etwa 100 Fällen um Amtshilfe gebeten worden ist. Es sei auch schon Material nach Italien geliefert worden. Einzelheiten konnte der Sprecher nicht nennen.

 

Nach Recherchen der SZ sind einige hundert deutsche Kriegsverbrecher bis heute nicht bestraft worden, weil nach dem Krieg nie ernsthaft gegen sie ermittelt worden ist. Dies gehe aus Dokumenten der Alliierten hervor. Danach verzichtete Italien aus Rücksicht auf den Nato-Partner Deutschland auf die Verfolgung. Ermittlungen hätten laut einer Notiz des damaligen Außenministers Gaetano Martino aus dem 1956 „die Kritik am Verhalten deutscher Soldaten fördern“ und in der Bundesrepublik den „internen Widerstand gegen den Nato-Beitritt“ stärken können. Nun habe die Militärgeneralstaatsanwaltschaft in Rom die Ermittlungsakten an die zuständigen Anklagebehörden weitergeleitet.

 

Nicht wenige der damaligen Täter seien noch am Leben. Sie könnte eine Welle neuer Ermittlungsverfahren treffen. Dabei gehe es auch um die Auslöschung ganzer Ortschaften wie des toskanischen Dorfes Sant ´Anna di Stazzema.

 

 

 

 

 

„Magazin der Süddeutschen Zeitung“, 29.10.1999

 

Geschichte

Der Himmel war strahlend blau

Am 12. August 1944 überfiel die Waffen-SS ein Bergdorf in der Toskana.

Mehr als vierhundert Menschen wurden erschlagen, erschossen, verbrannt.

Die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Nach den Tätern hat nie jemand ernsthaft gesucht. Bis jetzt.

 

Von Christiane Kohl

Fotos: Jens Schwarz

 

Bildunterschrift: Hier lebten im Krieg etwa 300 Bergbauern und Minenarbeiter. Dazu kamen rund 700 Flüchtlinge.

 

Bildunterschrift: Enio Mancini vor der Kirche, wo die Soldaten die Leichen auftürmten. Damals war er sieben Jahre alt. Im August 1944: Stellungen der 16. Division der Waffen-SS südlich der „Gotenlinie“ (Pfeil).

 

Der Besucher sah aus wie ein Deutscher. Groß, grauhaarig und ziemlich verschlossen. „Es dürfte in den späten Siebzigern gewesen sein“, schätzt Enio Mancini. Für das kleine Museum, das der pensionierte Buchhalter in der alten Dorfschule oben am Berg betreibt, interessierte sich der Fremde wenig. Mancini beschlich ein Verdacht, „der könnte dabei gewesen sei“. Fast eine halbe Stunde lang war der Mann auf dem kleinen Platz vor der Dorfkirche zwischen den vier Platanen herumspaziert. Er hatte einen Lageplan hervorgezogen und fachmännisch die verwitterten Einschusslöcher am Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs inspiziert. Immer wieder blickte er zu den grauen Feldsteinhäusern an den Berghängen hinauf, die wie von den Rängen eines riesigen Amphitheaters auf das Kirchlein herabschauen. Die Frau, die mit ihm gekommen war, musterte unterdessen die Ausstellungsstücke des Museums. Sie sah die Habseligkeiten einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Vitrine: ein zerfleddertes Portemonnaie mit alten Lirescheinen, angesengte Fotos und einen verkohlten Hut, Eheringe, Armbänder und Rosenkränze, einen zerrissenen Hosenträger und das Zifferblatt eines rostigen Uhrwerks, das exakt um acht Minuten vor sieben stehen geblieben war.

 

Es sind Erinnerungen an ein ausgelöschtes Dorf. Mehr als vierhundert Menschen wurden am 12. August 1944 in dem Bergbecken Sant’ Anna di Stazzema zwischen Carrara und Lucca ermordet, nicht wenige von ihnen starben auf dem Kirchplatz unter den Platanen. Über zwei Drittel der Opfer waren Frauen und Kinder; Enio Mancini, damals ein Junge von sieben Jahren, gehört zu den wenigen Überlebenden. Das Verbrechen in den toskanischen Bergen ist vergleichbar mit den Morden von Lidice 1942 und Oradour 1944, zwei Ortschaften in Tschechien und Frankreich, in denen deutsche Besatzer fast alle Einwohner töteten. Von Lidice und Oradour weiß die Welt, das Massaker von Sant’ Anna ist nicht einmal in ganz Italien bekannt. Um so merkwürdiger erschien Mancini der Besuch des deutschen Ehepaares in seinem abgelegenen Dorf mitten in den Apuanischen Alpen. Neugierig erkundigte er sich bei der Frau, ob ihr Mann „vielleicht schon einmal hier gewesen ist“. Und ihn erfasst noch heute ein Frösteln, wenn er die Antwort wiederholt: „Wissen Sie, mein Mann war bei der Waffen-SS, auch in Italien“, habe die Frau in ungelenktem Italienisch gesagt, „aber er spricht nicht darüber, nicht mal mit mir.“

 

Das Ehepaar hinterließ keinen Eintrag im Gästebuch des kleinen Museums. Der hätte Giovanni möglicherweise die Arbeit erleichtert. Ballo, 60, ist Militärstaatsanwalt in La Spezia, der Hafenstadt knapp fünfzig Kilometer nördlich. Er hat vor kurzem ein neues Ermittlungsverfahren wegen des Massakers eröffnet. Seitdem befragen Carabinieri die Überlebenden nach Hinweisen auf die deutschen Soldaten. Dottore Ballo, der über den Stand der Nachforschungen nicht sprechen möchte, bat auch die deutsche Justiz um Mithilfe: Mehr als fünfzig Jahre nach dem Mordtag von Sant’ Anna wird jetzt zum ersten Mal ernsthaft nach Tätern gesucht.

 

Eine Fahndung, die Enio Mancini und einige andere Bewohner aufmerksam verfolgen. In der Bar „Michelangelo“ am Marktplatz der Kleinstadt Pietrasanta unten im Tal sitzt Agostino Bibolotti, 84, ein kleiner Mann mit buschigen schwarzen Augenbrauen. Ihn zwangen die Deutschen am frühen Morgen des 12. August, ein schweres Funkgerät zu tragen, das sie mit sich führten. Er hat viel gehört und gesehen an jenem Tag, die Schüsse, die Schreie, die brennenden Häuser, die verkohlten Leichen. Hernach verschleppten ihn die Nazis zur Zwangsarbeit nach Deutschland, statt ihn, wie die meisten anderen der zum Hilfsdienst gepressten Männer, noch oben im Dorf zu ermorden. Als Bibolotti ein Jahr später wieder nach Sant’ Anna kam, war seine Familie nahezu ausgelöscht; lediglich ein Neffe hatte überlebt. Der ist heute 61 und betreibt einen Buchladen nicht weit von der Bar. In Todesangst saß er damals, kaum sechs Jahre alt, in einem brennenden Stall. Seine Mutter warf einem Soldaten einen Holzschuh an den Kopf, im nächsten Moment wurde sie von einer MG-Salve niedergestreckt. Doch ihr Sohn konnte sich in einer Nische des Stalles verstecken. „Ich sehe mir nie Sendungen über den Krieg an“, sagt der Buchhändler, „ich durchlebe das sonst immer wieder.“

 

In den Amtsstuben der Militärstaatsanwaltschaft von La Spezia, ein Gründerzeit-Palazzo unweit des Hafens, stapeln sich graue Pappmappen mit Dokumenten über Sant’ Anna und andere NS-Verbrechen in der Region. „Etwa 10.000 Zivilisten, die nicht Partisanen waren“, schätzt der italienische Historiker Carlo Gentile, Spezialist für die Zeit der deutschen Besatzung, sind in Italien zwischen 1943 und 1945 von Wehrmacht oder Waffen-SS getötet worden: „Genau gezählt hat die Opfer niemand.“ Kaum eines der Gemetzel wurde gerichtlich aufgearbeitet. Nach und nach aber fördern Forscher wie Gentile neue Erkenntnisse aus längst abgelegten Akten zu Tage: „Die Chancen steigen, die Taten doch noch aufzuklären.“ Als deutsche Staatsanwälte in den sechziger und siebziger Jahren auf Grund einer Verbalnote aus Italien einigen Fällen nachgingen, klappten sie die Unterlagen nur allzu gern wieder zu. Sie besahen sich die Aussageprotokolle italienischer Überlebender und befanden zumeist, dass diese nicht hilfreich seien, denn, so notierte ein Staatsanwalt in die Akten: „Als Südländer neigen sie zu Übertreibungen.“

 

Für das Massaker von Sant’ Anna gibt es jedoch auch deutsche Zeugen, nur haben die Ermittler sie bislang nie gesucht. In einer kleinen Stadt in Süddeutschland lebt einer jener Soldaten, die damals mit dabei gewesen sind. „Sankt Anna, das war furchtbar, eins meiner schlimmsten Erlebnisse“, sagt der Mann in Trainingshosen. Er liegt in einem Krankenbett und wirkt nachgerade erleichtert über den Besuch: „Endlich fragt mal jemand nach diesen Dingen.“ Aus schweren, weißen Kissen schaut ein gerötetes Gesicht mit schütterem Haarkranz und stahlblauen Augen hervor. Mit seinen 73 Jahren hat der Mann mehrere Herzoperationen hinter sich, er möchte anonym bleiben – nennen wir ihn Heinz Otte. Seit damals ist er nie wieder in Italien gewesen. „Da hätte ich wohl ein schlechtes Gewissen“, sagte Otte. Nie werde er „die entsetzten, ängstlichen Augen“ zweier Frauen vergessen, die er in dem Gemetzel am Straßenrand sitzen sah. „Die Kameraden riefen: ‚Weg da, wir müssen die erschießen’“, erzählt der Rentner. „Da habe ich mich zu den Frauen gesetzt und gesagt: ‚Ihr werdet nicht erschossen.’“

 

Bildunterschrift: Enrico Pieris Familie wurde mit Nachbarn in der Küche zusammengetrieben. Nach dem Massaker zündeten die Soldaten das Haus an. Nur Enrico und seine Schwester Gabriella (Mitte) überlebten.

 

Otte war Zugführer bei der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer-SS“, die seit Mai 1944 im aussichtslosen Abwehrkampf gegen die Alliierten entlang der italienischen Riviera nach Norden zurückwich. „Wir waren Himmlers rasendes Kommando.“ Hinter der Front gingen Einheiten der 16. Division im Gebirge häufig gegen Partisanen vor – oder gegen Menschen, die sie dafür hielten. Im Spätsommer 1944 brachten die SS-ler nach Schätzung des Historikers Gentile binnen zwei Monaten allein 2.500 italienische Zivilisten um, „keine andere deutsche Einheit hat so viele getötet“. Otte, Jahrgang 1925, war mit 17 Jahren vom Reichsarbeitsdienst zur Waffen-SS gegangen: „Ich wollte das Vaterland verteidigen.“ Die Erinnerungen des Mannes, der bei Kriegsende SS-Unterscharführer war, werfen nun erstmals ein Licht auf den Hergang des Massakers in Sant’ Anna. „Wir waren ein bissel rücksichtslos“, sagt Otte. Er selbst habe aber nicht gemordet an jenem 12. August. Sann wird es dem alten Herrn plötzlich heiß, er greift sich an den Kragen und blickt hilfesuchend zu seiner Frau: „Gerda, hast du die Heizung aufgedreht?“

 

„Die Soldaten wollten vom ersten Moment an töten.“ Später wurde klar, dass die junge Mutter im vierten Monat schwanger war.

 

Der Befehl zum „Bandeneinsatz“ erging am Abend vorher: Ottes Truppe lag in einem Bauernhof unweit von Pietrasanta. In aller Herrgottsfrühe marschierten die Soldaten in die Berge hinauf, Otte musste mit drei Kameraden die bleischweren Teile eines Granatwerfers schleppen. „Es hieß, wir sind im Partisanengebiet; jeder, den man trifft, wird erschossen.“ Aus vier Himmelsrichtungen rückten Soldaten vor, rund zweihundert Mann, ein ganzes Bataillon. Das Dorf hatte damals etwa dreihundert Einwohner, zumeist arme Bergbauern oder Minenarbeiter, die in den Eisen- und Schwefelkiesgruben arbeiteten. Im Sommer 1944 wohnten in den grauen Feldsteinhäusern, die sich in kleinen Siedlungen mit Namen wie Bambini, Le Case oder Vaccareccia an die Berghänge lehnen, noch an die siebenhundert Flüchtlinge. Frauen und Kinder aus Pisa, Prietasant oder Lucca, die in dem Bergort Schutz suchten vor den Kämpfen und Bombardements unten an der Front. In der Ebene stießen die Amerikaner Kilometer um Kilometer vor. Im Juli 1943 war Benito Mussolini gestürzt worden. Bald führte der „Duce“ vom Gardasee aus ein Marionettenregime, während die Deutschen die Fäden zogen. Anfang Juni 1944 mussten die Nazis Rom verlassen, am 10. August wurde Florenz geräumt. Nun stand die Front nahe Pisa. Von den Bergen bei Sant’ Anna konnte man bei klarem Wetter die Kämpfe an der Arno-Mündung beobachten.

 

Am Morgen des 12. August 1944 war der Himmel strahlend blau. Einige Frauen heizten die Backöfen ein für das Brot, andere gingen aufs Feld Kartoffeln sammeln. Auch Enrico Pieri, damals zehn Jahre alt, war früh aufgestanden. Am Abend hatte sein Vater eine Kuh geschlachtet, jetzt sollte der Metzger kommen und das Tier zerlegen. Er kam gegen sechs Uhr und wollte sofort wieder weg. „Unterwegs hatte er deutsche Stimmen gehört und Angst bekommen“, berichtet Pieri, „eine Kuh zu schlachten war damals doch ein Verbrechen.“ Bald bemerkten auch Dorfbewohner die Soldaten. Viele Männer befürchteten, es werde wieder eine jener Razzien geben, mit denen die Deutschen Zwangsarbeiter rekrutierten für den Ausbau ihrer wenige Kilometer nördlich gelegenen Verteidigungsstellungen, der „Gotenlinie“. Sie schnappten ihre Rucksäcke und rannten in den Wald – so konnten sich einige retten. Dann sahen die Bewohner, wie aus mehreren Richtungen Leuchtkugeln in die Luft geschossen wurden: Es war das Signal der Deutschen, die das Dorf nun von mehreren Seiten gleichzeitig angriffen.

 

In der Siedlung „Franchi“ bollerten die Soldaten an die Tür „und brüllten ‚Rrrauss!’“, erinnert sich Pieri. Die Leute wurden aus den Häusern getrieben. Eine Frau, die an der Tür stehen blieb, erschossen die Deutschen auf der Stelle. Wenig später wurden die Pieris zusammen mit ihren Nachbarn zurück in die Küche gestoßen. „Dann haben sie sofort geschossen.“ Plötzlich hörte der kleine Enrico jemanden neben sich flüstern. Das Nachbarsmädchen Grazia, vier Jahre älter als er, hatte sich unter der Küchentreppe verkrochen, sie zog den Jungen zu sich herab. Zitternd vor Angst erlebten die Kinder nun unter dem Schutz der Treppe mit, wie in dem Raum all ihre Verwandten ermordet wurden. Am Ende ging ein SS-Mann noch einmal durch die blutbespritzte Küche. „Eine Tante von mir bewegte sich noch“, sagt Pieri, „der Soldat hat sie erschossen.“ Dann warfen die Soldaten Stroh auf die Leichen, steckten es in Brand und zogen weiter. In der Küche hörten die Kinder ein Stöhnen. Grazias Mutter war noch am Leben und rief nach Wasser. Als sie ihr einen Becher brachten, entdeckten Enrico und Grazia, dass sich unter den Toten noch jemand bewegte. Es war Gabriella, Grazias kleine Schwester.

 

Die Küche brannte. Enricos Mutter starb in den Flammen, die Kinder stürzten im letzten Augenblick ins Freie. „Wir waren schon fast vergiftet vom Rauch“, sagt Pieri. Den Rest des Vormittags versteckten sich die drei unter den Bohnenstangen im Garten. Erst als die Schüsse im Tal verhallt waren, wagten sie sich hinaus. Nun kroch der Junge noch einmal in die heruntergebrannte Hütte und suchte das Portemonnaie seines Vaters. Enrico Pieri hatte an diesem Tag seine komplette Familie verloren: Mutter, Vater und zwei Schwestern. Später erfuhr er, dass die Mutter im vierten Monat schwanger gewesen war. „Die Soldaten wollten vom ersten Moment an töten“, glaubt der heute 65-Jährige.

 

Eine Räumung des Dorfes kann nicht Sinn des Angriffs gewesen sein, meint auch Otte: „Es ging darum, die Partisanen zu vernichten.“ Als solcher wurde in den Berggebieten eigentlich jeder betrachtet, betont der Rentner; Männer natürlich sowieso, aber auch Frauen: „Die konnten ganz gefährlich sein.“ Verschiedene Wehrmachtsbefehle deckten das Töten von Zivilbürgern, etwa wenn sie den Partisanen Lebensmittel gaben. Von Kindern aber war in diesen Befehlen keine Rede. Einige SS-Männer in Sant’ Anna schien ihr Anblick jedoch erst richtig mordlustig zu machen. „Die Deutschen wollten die Kleinen nicht weinen hören“, erzählen überlebende Frauen, „das hat sie ganz nervös und böse gemacht.“ Mehr als 110 Kinder wurden am 12. August 1944 umgebracht, das jüngste war zwanzig Tage alt.

 

Anfangs hatte der Soldat Otte noch abseits gesessen. Als Führer eines Granatwerfertrupps gab es für ihn nichts zu tun: „Mit unserem schweren Ding, da konnten wir wohl da oben nichts machen.“ Doch als die erste Schießerei vorbei war, musste auch Otte auf Menschenjagd gehen. „Da habe ich die Tür von so einem Schuppen aus Feldsteinen aufgemacht“, erinnert er sich, „Jessas, war das Ding voll.“ Etwa zwanzig bis 25 Zivilisten zählte er in dem Stall. Otte rief Kameraden herbei. „Räuchert das Nest aus“, habe der Truppenführer gerufen, dann habe einer mit der Waffe hineingehalten. „Drrrrr“, Otte formt mit den Händen ein Maschinengewehr und schaut zu seiner Frau herüber: „Ja, Gerda, das war die Musik des Krieges.“

 

Gegen Mittag lebte in Sant’ Anna kaum jemand mehr. Wen die Soldaten nicht oben am Hang „erledigt“ hatten, den erschossen sie vor der tiefer gelegenen Kirche. Beim Abmarsch sah Otte einen riesigen Berg Leichen unter den Platanen: „Die waren da aufgestapelt vor einem großen Kruzifix“, erinnert sich der Rentner in seinem Krankenbett. Als sein Trupp schon abgezogen war, schossen noch ein paar Kameraden mit dem Maschinengewehr in die schöne alte Orgel hinter dem Altar, eine Handgranate traf das marmorne Taufbecken. Dann warfen sie die Kirchenbänke auf die Toten, gossen Benzin darüber und steckten den Leichenberg in Brand. Das Feuer flammte so hoch, dass eine der Platanen bis auf den Stumpf herunterbrannte. Am nächsten Tag zählte der aus einem Nachbarort herbeigeeilte Pfarrer allein auf dem Kirchplatz 132 verkohlte Leichen; in ganz Sant’ Anna wurden später etwa vierhundert Opfer namentlich identifiziert. Da sich zum Zeitpunkt des Massakers so viele Flüchtlinge in dem Ort befanden, weiß man bis heute nicht genau, wie viele Menschen die Deutschen in Sant’ Anna töteten.

 

Singend und pfeifend, so wollen Überlebende beobachtet haben, sei das SS-Bataillon aus der brennenden Ortschaft ins Tal marschiert. Otte meint, in seinem Trupp sei nicht gesungen worden: „Das lag uns doch alles im Magen.“ Aber er sagt: „Es gab Gerade und Krumme“ in der Truppe. Einige hätten bei Einsätzen wie entfesselt gewirkt, „die haben da wild um sich geschossen.“ Andere, zu denen er sich selbst zählt, seien möglichst in Deckung geblieben: „Krieg gegen Zivilisten, das war nicht mein Ding.“ Richtig weigern habe man sich nicht können, doch sei es möglich gewesen, sich im entscheidenden Moment umzudrehen oder „nach seinem Gerät zu gucken“.

 

Besonders die Jüngeren in der Truppe, die 17-, 18-, 19-Jährigen, standen wohl in einem furchtbaren Konflikt. Ab 1943 waren viele von ihnen zwangsweise zur Waffen-SS eingezogen worden. Von ihren Offizieren wurden sie oft sinnlos getriezt und in zweifelhafte „Bandeneinsätze“ getrieben, auch wenn sie nicht auf Zivilisten schießen wollten. Unter den einstigen Vorgesetzten aber haben sich nicht wenige schuldig gemacht. Durch Schweigen oder Desinformation sorgen einige noch heute dafür, dass in vielen Fällen nicht einmal bekannt geworden ist, welche Einheit am Werke war. Da gibt es den Fall der kleinen Ortschaft Massaciuccoli, einige Kilometer südlich von Sant’ Anna. Am 1. September 1944 verbrannten dort elf Menschen bei lebendigem Leib in einem Schuppen. Zeugen bestätigen diese und eine Reihe anderer Taten der 16. SS-Division und nannten Namen deutscher Offiziere, darunter den damaligen Chef des I. Bataillons 36, Ludwig Gantzer. Als Stuttgarter Staatsanwälte 1965 zu ermitteln begannen, führten alte Kameraden sie jedoch auf eine falsche Fährte. Durch Zufall erfuhren die Ermittler 1967, dass Gantzer ohne Umstände erreichbar gewesen wäre – als Polizeichef im nahen Göppingen. Nach kurzer Einvernahme des Kollegen wurde die Akte geschlossen. Gantzer blieb unbehelligt bis zu seinem Tod.

 

Auch in Sant’ Anna sind die wahren Täter bis heute nicht überführt. Bald nach Kriegsende, im Juni 1947, hatten die Engländer den ehemaligen Kommandeur der 16. Panzergrenadierdivision, SS-Generalleutnant Max Simon, wegen des Massakers und anderer Kriegsverbrechen angeklagt. Beim Prozess in Padua behauptete Simon, von den Vorgängen in dem Bergdorf nichts gewusst zu haben; das Gegenteil war ihm nicht zu beweisen. Im Oktober 1951 stand der einstige SS-Sturmbannführer Walter Reder, ein gebürtiger Österreicher, in Bologna vor Gericht. Er hatte 1944 die berüchtigte Aufklärungsabteilung 16 der Division „Reichsführer-SS“ befehligt. In acht Anklagepunkten wurde ihm eine Reihe abscheulicher Kriegsverbrechen zur Last gelegt, darunter das Gemetzel an mehr als siebenhundert Bewohnern der Gemeinde Marzabotto bei Bolgna, das neben der Erschießung von 335 Geiseln in den ardeatinischen Höhlen bei Rom zum Symbol für den Terror der Nazis in Italien geworden ist. Für Marzabotto bekam Reder lebenslänglich, im Anklagepunkt Sant’ Anna sprachen ihn die Richter mangels Beweisen frei. Bis heute war Reder nur nachzuweisen, dass er die Ermordung von 53 Männern anordnete, die aus Sant’ Anna in die nahe gelegene Ortschaft Bardine di San Terenzo verschleppt und einige Tage später exekutiert wurden.

 

So führen einige der Täter von Sant’ Anna seit mehr als fünfzig Jahren ein friedliches Bürgerdasein in Deutschland. Doch könnte die Archivrecherche des Florentiner Historikers Paolo Paoletti die Ermittler nun auf eine heiße Spur bringen. Der Forscher entdeckte in Washington ein Bündel Akten aus dem Jahr 1944. Die Amerikaner hatten unmittelbar hinter der Front ein Untersuchungsteam eingesetzt, das noch während der Kämpfe Beweismittel zur Aufklärung deutscher Kriegsverbrechen sammelte. In Sant’ Anna fanden die US-Militärs im September 1944 Knochenreste und Kinderzähne, sie vernahmen Überlebende und einen desertierten SS-Mann. Duplikate ihrer Akten wurden später auch nach Italien gesandt. In Rom landeten sie jedoch in der Ablage – und galten seither als verschollen. Nur durch Zufall kamen die vergilbten Mappen kürzlich wieder ans Licht.

 

Ein römischer Justizbeamter hatte sie in einem lange vergessenen Schrank entdeckt, als er Unterlagen zum Fall des SS-Sturmbannführers Erich Priebke suchte, der 1998 wegen der Erschießungen in den Ardeatinischen Höhlen verurteilt wurde. Insgesamt fanden sich detaillierte Akten zu etwa siebenhundert Fällen. Wie eine Untersuchungskommission herausfand, waren sie nicht etwa zufällig verschwunden, sondern in den fünfziger Jahren beiseite gelegt worden. Nachdem sich Deutschland als NATO-Partner im Kalten Krieg der Wiederbewaffnung widmete, wollte die von den Christdemokraten geführte italienische Regierung die Bündnispartner in Bonn nicht durch heikle Fragen irritieren. Solche Ermittlungen, hielt der damalige Außenminister Geatano Martino am 10. Oktober 1956 fest, könnten nur „die Kritik am Verhalten deutscher Soldaten fördern“ und in der Bundesrepublik den „internen Widerstand gegen den NATO-Beitritt“ stärken. So blieben die Akten jahrzehntelang unberührt, aus politischer Rücksichtnahme kamen viele der Schuldigen davon. Doch vor einiger Zeit begann die Militärgeneralstaatsanwaltschaft in Rom die Akten an die zuständigen Anklagebehörden abzugeben – auch den Militärstaatsanwalt Ballo in La Spezia erreichte ein umfangreiches Konvolut.

 

Bildunterschrift: Die Führer der 16. SS-Panzergrenadierdivision 1944: Stabsoffizier Ekkehard Albert, Kommandeur Max Simon und sein Nachfolger Otto Baum (v. l.). Rechts: Nicola Bardalacchi, toskanischer Partisan.

 

Wichtigstes Beweisstück darin ist ein alter Passierschein, den ein SS-Oberscharführer am 12. August 1944 ausstellte. Das Papier hatte einer jener Männer bekommen, die in Sant’ Anna von der Waffen-SS zum Munitionstragen verpflichtet worden waren. Neben der Unterschrift ist auf dem Zettel die Feldpostnummer vermerkt: FP 01011B – zweifelsfrei die 5. Kompanie des II. Bataillons im Regiment 34 der 16. SS-Division. Kommandeur dieses Bataillons war ein Österreicher, der gelernte Bäcker Anton Galler. Er schob 1933 Dienst in Dachau, später wirkte er in einem SS-Polizeiregiment an der Bekämpfung „von verbrecherischen Banden“ und der „Evakuierung von Juden und Polen“ mit, wie er sich in seinem Lebenslauf rühmt. Nach dem Krieg lebte Galler, Jahrgang 1915, zurückgezogen in Salzburg – kein Staatsanwalt hat ihn je mit Fragen nach Sant’ Anna behelligt. Mitte der achtziger Jahre siedelte Galler nach Spanien über, wo er 1993 starb.

 

„Eine Tante von mir bewegte sich noch. Der Soldat hat sie erschossen.“ Dann warfen die Deutschen Stroh auf die Leichen und setzten es in Brand.

 

Die alten Untersuchungsprotokolle, auf die der Historiker Paoletti in Washington gestoßen ist, enthalten die Namen von weiteren Männern, die vermutlich – wenn auch nicht in hohen Positionen – aktiv in die Morde von Sant’ Anna verwickelt gewesen sind. Zum Beispiel den eines SS-Oberscharführers, der im Rheinland lebt: „Klar waren wir da oben“, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte, „aber wir waren an so vielen Stellen, dass ich mich an Einzelheiten nicht entsinnen kann.“

 

Josef Ziller kann sich noch recht gut erinnern. Den jungen Katholiken hatte die Waffen-SS erst wenige Monate zuvor als 17-Jährigen zwangsweise rekrutiert; er gehörte zur 6. Kompanie des II. Bataillons. In der Brusttasche seiner Uniform hielt er stets den Rosenkranz griffbereit. Am 8. August 1944, vier Tage vor dem Massaker, hatte ihn ein Lastwagen mitsamt seinen Kameraden in die Berge bei Farnocchia gebracht, ein Dorf nahe Sant’ Anna. „Beim Aussteigen hieß es: Partisaneneinsatz.“

 

Zillers Trupp von vielleicht fünfzig Mann marschierte noch ein Stück weiter ins Gebirge. Der junge Soldat folgte nur zögernd, er dachte an seinen Vater, der gerade gestorben war. Nach dem schweren Marsch setzte er sich auf einen Stein, als plötzlich Partisanen aus dem Gebüsch stürmten. Ziller traf ein Gewehrschuss ins Gesäß, er blutete stark. Zwei Italiener, die von der SS-Truppe zum Munitionsschleppen gezwungen worden waren, brachten ihn auf einer provisorischen Trage ins Tal. Die hätten mich ja auch umbringen können“, wundert sich Ziller noch heute. Damals hatte er von dem Gemetzel, das sich wenige Tage später in Sant ‚Anna ereignete, nichts erfahren. Heute fragt er sich: „War ich vielleicht der Anlass?“

 

Es hatte weitere Verletzte und auch Tote gegeben an jenem 8. August. Offenbar war Zillers Trupp von der Stärke der Partisanen überrascht worden. Noch am Nachmittag zündeten die Deutschen aus Rache das Dorf Farnocchia an. Der Einsatz in Sant’ Anna vier Tage später war vermutlich als weitere Vergeltung geplant. „Es hieß, dass die Partisanen eine Einheit von uns überfallen hätten“, erinnert sich Otte an den Einsatzbefehl. Bis heute ist jedoch unklar, wie das Massaker genau begann. In der Bar „Michelangelo“ in Pietrasanta können sich die Männer noch immer darüber in Rage reden. Wollte die SS, wie Enio Mancini glaubt, „ein Exempel statuieren“? Oder hat der Historiker Paoletti recht, der sich die Brutalität der Deutschen nur damit erklären kann, dass ein Heckenschütze aus einem der Häuser auf sie feuerte?

 

In seiner Wohnstube in Pietrasanta zieht Nicola Bardalacchi unwillkürlich den Kopf ein, wenn das Gespräch auf den August 1944 kommt. Bardalacchi, heute 78, war damals Partisan. Als Josef Ziller verwundet wurde, hockte er vermutlich keine hundert Meter entfernt in seinem Versteck: „Ich habe die SS-ler gesehen, sie waren auf Razzia in den Bergen.“ Jetzt sitzt Bardalacchi am Kamin, die Flammen erleuchten sein wettergegerbtes Gesicht. Rechterhand steht die Politliteratur im Regal mit Büchern über die Resistenza. In einem gläsernen Hängeschrank gegenüber sind ein paar altertümlich anmutende Gewehre aufbewahrt. „Nein“, wehrt Bardalacchi ab, „das sind keine Partisanenwaffen, nur Jagdgewehre.“ Aus den umliegenden Dörfern hatten sich damals die jungen Leute zum Widerstand zusammengetan, „wir waren die 10. Brigade Garibaldi“, erzählt der alte Partisan. Im März 1944 warfen die Amerikaner Munition, Schuhe und Kleider ab; im Juni Maschinenpistolen und ein Funkgerät – „seitdem standen wir in Kontakt mit den Alliierten.“ Von ihren Stützpunkten aus sprengten die Partisanen Brücken und Fahrwege, überfielen die deutschen Transporte. Natürlich gab es in den Bergdörfern Kontakte zu den Kämpfern. „Wenn sie an der Tür klopften“, erzählt Enio Mancini, „hat mein Vater ihnen Milch gegeben.“ Aus Sicht der Deutschen wäre allein das ein todeswürdiges Verbrechen gewesen.

 

An jenem 12. August aber waren, wie Bardalacchi erzählt, gar keine Partisanen oben in den Bergen. „Ich saß zu Hause bei meinen Eltern“, sagt der alte Partisan. „Die meisten anderen waren Richtung Lucca weitergezogen.“ Noch Jahrzehnte nach dem Massaker bekam Bardalacchi, der nach dem Krieg Polizist in Pietrasanta war, die Wut der Leute zu spüren: „Die meinten, wir seien schuld gewesen an dem Gemetzel.“ Unter den zweihundert SS-Männern gab es am 12. August tatsächlich zwei Verletzte. Einer von ihnen war Heinz Otte. Er setzt sich in seiner Kissenburg auf, weist auf eine kleine Delle am Hinterkopf – „das war Sankt Anna“. Ein Streifschuss hatte ihn getroffen. Doch das war mittags, der Auslöser für das Massaker kann seine Verletzung nicht gewesen sein.

 

Wo der Schuss her kam? Otte zuckt mit den Schultern, er sei direkt nach dem Treffer kurz in Ohnmacht gefallen. Begonnen habe es am frühen Morgen schon vor dem Dorf, irgendwo in Sichtnähe des ersten Gehöfts: „Sowie man die ersten Zivilisten sah, wurde doch geschossen.“ Morgens gegen neun beobachtete eine Dorfbewohnerin, wie ein verletzter Offizier auf einer Trage ins Tal geschleppt wurde. Mag sein, dass die beiden Verwundeten die Wut der SS-Leute zusätzlich anstachelten, eine Rechtfertigung für das Schlachten sind sie nicht. Selbst wenn sich der eine oder andere Dorfbewohner zu Beginn gegen die Razzia gewehrt haben sollte, schmälert das nicht die Schuld.

 

Immerhin gab es Soldaten, die nicht mitmordeten, ihnen verdanken einige Bewohner ihr Leben. Da war zum Beispiel der Offizier, der im letzten Moment „Rrraus!“ brüllte, als ein Dutzend Dörfler schon an die Wand gestellt worden waren, bereit zum Erschießen. Ein anderer SS-Mann richtete seine Maschinenpistole in eine Schafherde und ließ die Leute laufen. Auch Enio Mancini verdankt sein Leben einem der Soldaten. Blond, mager, und ganz jung sei er gewesen, „in der Hitze hatte er den Helm abgenommen“. Plötzlich habe er sein Gewehr hochgehoben und in die Luft geschossen, sodass die Leute wegrennen konnten. „Ich würde etwas dafür geben“, sagt Macini, „den Mann heute kennen zu lernen.“

 

Was ging in den Soldaten vor? Sein ganzes Leben lang hat sich der Buchhalter mit dieser Frage befasst. Zäh arbeitete er daran, das Museum in der alten Schule aufzubauen; vor acht Jahren wurde es eröffnet.

 

Gebannt verfolgt der Rentner nun die Ermittlungen. „Es geht ja gar nicht mehr so sehr um die Schuldfrage“, sagt er, „wir möchten nur endlich begreifen, warum das passiert ist.“ Gern hätte Mancini das auch jenen merkwürdigen Besucher gefragt, der mit der Landkarte auf dem Kirchplatz herumspazierte. Bevor die beiden gingen, hatte die Ehefrau noch verschämt einen 10.000-Lire-Schein (etwa 10 Mark) aus der Handtasche gezogen und Mancini gebeten, für das Geld Blumen an den Gedenkstein vor der Kirche zu legen. Er steht an der Stelle, wo damals der Leichenberg war.

 

Der alte Buchhalter lehnte ab. „Wenn sie dort Blumen hinlegen wollen“, erklärte er der deutschen Frau, „müssen Sie das schon selber tun.“

 

 

 

 

 

 

Juni 1999

 

F.-R. Hausmann, 07.06.1999

 

Jens Petersen / Wolfgang Schieder (Hg.):

Faschismus und Gesellschaft in Italien. Staat – Wirtschaft – Kultur,

(Italien in der Moderne, 2),

 Köln: SH-Verlag 1998, 331 S., ISBN: 3-89498-021-4, Preis: DM 68.-.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Prof. Dr. Frank-Rutger Hausmann

„Die Beiträge dieses Bandes gehen auf Referate zurück, die im Oktober 1994 in Köln auf einer von der Arbeitsgemeinschaft für die neueste Geschichte Italiens und dem Deutschen Historischen Institut in Rom gemeinsam veranstalteten Tagung gehalten wurden“ (S. 7). Die hier genannte ‚Arbeitsgemeinschaft’, die seit 1974 die zeitgeschichtlichen Italieninteressen im deutschen Sprachraum bündelt und ein Forum des wissenschaftlichen Austauschs bzw. bibliographischer Informationen geschaffen hat, wird von Wolfgang Schieder geleitet und hat sich nicht geringe Verdienste erworben. Jens Petersen, Stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom, darf als einer der besten Kenner des gegenwärtigen Italien gelten. Beide Gelehrte haben den Band vorzüglich eingeleitet, übersichtlich gestaltet und die einzelnen Beiträge knapp und treffend resümiert, so erf sie jedem Rezensenten seine Arbeit erleichtern. Der in dieser Beziehung heute nicht mehr verwöhnte Leser registriert besonders dankbar das Namensverzeichnis am Schluß des Bandes.

In der von beiden Herausgebern gemeinsam erfassten Einleitung wird zunächst ein präziser Abriß der italienischen wie der deutschen Faschismusforschung nach 1945 geboten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während die italienischen Arbeiten lange vorzugsweise um Antifaschismus und Resistenza kreisten, die die Legitimationsgrundlage der jungen Republik Italien bildeten, sich somit auf die Seite der Sieger schlugen und auf Distanz zur eigenen faschistischen Diktatur gingen, die sich auf mannigfaltige Weise mit NS-Deutschland verbündet hatte, wurde in Deutschland auf breiter Basis theoretisch wie auch sachlich geforscht, so erf insbesondere im Bereich der politisch-militärischen Geschichte die wichtigsten Einzelheiten bekannt und Synthesen damit möglich sind. Die zentrale Bedeutung des Antisemitismus für Ideologie und Herrschaftspraxis des NS-Regimes bedingte eine eigene ‚deutsche’ Forschungslogik, die sich für die Italiener erübrigte. Sie wollten das faschistische Italien gerade aus dem „sengenden ‚Lichtkegel des Holocausts’“ heraushalten (S. 11) und behaupteten deshalb eine Sonderstellung des italienischen Faschismus, der sich mit keinem anderen Regime vergleichen lasse. Die ‚gemeinsame’ deutsch-italienische Vergangenheit war somit Ursache dafür, erf man bei der Erforschung des Faschismus getrennte Wege ging. In Deutschland gab es zudem keine besondere italienzentrierte Forschungstradition, doch ist infolge der Bemühungen der den vorliegenden Band tragenden Institutionen in der Zwischenzeit eine erhebliche Besserung eingetreten.

Neun jüngere Historikerinnen und Historiker berichten aus ihren laufenden oder soeben abgeschlossenen Dissertationen zum Thema des italienischen Faschismus, weitere Untersuchungen, über die nicht referiert wurde, sind in Arbeit. Und auch in Italien bahnt sich langsam ein Meinungsumschwung an, der darauf zielt, den italienischen Faschismus in internationaler Perspektive zu analysieren. Im vorliegenden Band kommen beide Sehweisen zum Tragen, denn insgesamt handelt es sich um vierzehn Beiträge aus höchst unterschiedlichen Bereichen, die sich jedoch drei zentralen Themen zuordnen lassen:

1.) dem Verhältnis von Gesellschaft und Staat im faschistischen Italien,

2.) dem Problem der Kultur im Faschismus und

3.) Fragen der faschistischen Wirtschaftsordnung.

Neben den deutschen Beiträgern finden sich auch vier italienische Zeithistoriker, die sich mit der faschistischen Vergangenheit ihres Landes befassen und sich, zumindest ansatzweise, auf eine ‚komparatistische’ Betrachtungsweise einlassen, die sich auf Ernst Nolte und sein 1963 Buch Der Faschismus in seiner Epoche zurückführen erfa.

Giuseppe Galasso (Neapel) bearbeitet im Bereich ‚Staat’ die Umgestaltung der Institutionen durch das faschistische Regime in der Machtergreifungsphase.

Árpád von Klimó (Humboldt-Stipendiat in Budapest) untersucht auf kollektivbiographischer Basis die ministeriellen Spitzenbeamten von drei italienischen Ministerien im Übergang vom liberalen zum faschistischen Italien.

Daniela Giovanna Liebscher (Tübingen) analysiert für die Zeitspanne von 1925-39 erstmals die Beziehungen zwischen Faschismus und Nationalsozialismus auf sozialpolitischer Ebene, hier der Freizeitorganisationen ‚Opera Nazionale Dopolavoro’ und NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude’.

Gabriele Turi (Florenz) eröffnet den Bereich `Kultur’ mit grundlegenden Ausführungen über die Bedeutung der Kulturpolitik als eines wichtigen faschistischen Herrschaftsinstruments. Entgegen früherer Auffassungen hätten sich die Intellektuellen dem Regime nur selten verweigert und dadurch zur Stabilisierung des Systems beigetragen.

Jürgen Charmitzky (Heidelberg) liefert einen Beitrag zur faschistischen Schulpolitik. Am Beispiel des Philosophen und Erziehungsministers Giovanni Gentile kann er zeigen, erf dieser, wenn auch teilweise unabsichtlich, den Weg in den totalen Erziehungsstaat des Faschismus geebnet hat. Die Jugendorganisation ‚Opera Nazionale Balilla’ konnte während seiner Amtszeit immer mehr Kompetenzen des öffentlichen Bildungswesens usurpieren.

Friedemann Scriba (Leipzig) stellt die 1937/38 in Rom veranstaltete ‚Mostra Augustea della Romanità’ vor, die sich nationalistischer wie katholischer Aktualisierungen der Antike bediente, um den Faschismus kulturell und ideologisch zu legitimieren.

Stefan Altekamp (HU Berlin) kann Analoges für die faschistische Kolonialarchäologie in Libyen beweisen.

Andrea Hoffend (Mannheim) vergleicht die faschistische ‚kulturelle Expansion’ mit dem nationalsozialistischen ‚Kulturimperialismus’ und kommt zu dem überzeugenden Schluss, erf die italienischen Primatansprüche wesentlich weniger aggressiv und taktisch geschmeidiger vorgetragen wurden.

Den Reigen der Beiträge zur Wirtschaft eröffnet Rolf Petri (Halle-Wittenberg). Er führt aus, erf sich die ökonomischen Eliten aufgrund ihrer Interessen nicht anders als die bürokratischen und kulturellen auch nur so lange mit dem System verbündeten, als dieses auf der Siegerstraße marschierte. Nach El-Alamein (1942) wandten sie sich rasch vom Faschismus ab und traten gelegentlich sogar in Opposition zum Regime.

Anne von Oswald (FU Berlin) erfass sich mit den deutschen Wirtschaftsstrategien auf dem italienischen Markt in der giolittianischen Vor- und der faschistischen Zwischenkriegszeit, als es darum ging, Positionen zu behaupten oder solche, die im Ersten Weltkrieg verloren gegangen waren, wiederzugewinnen.

Brunello Mantelli (Turin) widmet sich vorzugsweise der an die von Frau von Oswald behandelte anschließende Epoche und zeigt, wie das faschistische Italien auch ökonomisch in immer stärkere Abhängigkeit vom Deutschen Reich geriet.

Alexander Nütznadel (Köln) erfass sich mit der faschistischen Agrarpolitik im Rahmen von Autarkiebestrebungen. Es gelang Italien, vom Nettoimporteur zum erfasstennd aufzusteigen.

Claudio Natoli (Cagliari) beschließt den Band mit kritischen Bemerkungen zur italienischen Faschismus- und Antifaschismusforschung. Er weist mahnend darauf hin, erf das faschistische Regime keinesfalls eine abgeschlossene Periode bilde und historisch verarbeitet sei, sondern „ein konstantes Monitum für das demokratische erfassten in allen europäischen Staaten“ (S. 327) darstelle. Als wichtigstes und überraschendes Ergebnis aller Einzelbeiträge erfa sich die große Nähe zwischen dem faschistischen Italien und NS-Deutschland festhalten, die bisher in der Forschung nur gelegentlich thematisiert worden ist.

Sammelbände haben neben dem Vorzug der aktuellen Vielfalt bekanntlich auch gewisse, auf der Hand liegende Nachteile, und davon ist der hier anzuzeigende nicht ausgenommen. Sein Erkenntnisgewinn ist relativ, denn da die meisten Beiträge aus größeren, bereits publizierten Arbeiten hervorgegangen sind, wird ein Leser besser und umfassender informiert, wenn er gleich zu diesen umfassenderen Versionen greift. Wirklich Neues wird kaum geboten, auch wenn anders akzentuiert wird, da sich die Referenten meist auf einen, ihnen besonders wichtig erscheinenden Teilaspekt ihrer größeren Studien konzentrieren. Die im Titel suggerierte Gesamtschau vermag der Band nicht einzulösen, denn die behandelten Aspekte sind heterogen und ergeben nur ein unvollständiges Bild der faschistischen Wirklichkeit. Das hätte anders sein können, wenn man nicht überwiegend auf bereits Erarbeitetes zurückgegriffen, sondern, davon ausgehend, neue und unbekannte Sachverhalte erforscht und aufbereitet hätte.

Die einzelnen Beiträge lassen zudem nicht erkennen, erf mit der Verhaftung Mussolinis (25. Juli 1943) und dem dadurch bedingten politischen Seitenwechsel Italiens ein Riß durch das Land ging, da der von den deutschen besetzte Norden bis zum bitteren Ende in seiner Bündnistreue verharrte. Wenngleich die Repubblica Sociale di Salò ein Marionettengebilde von deutschen Gnaden war, so handelte es sich doch um einen faschistischen Satellitenstaat. Generell fehlt eine Thematisierung des Krieges, der starke Auswirkungen auf die Trias Staat – Wirtschaft – Kultur hatte, was nur gelegentlich aufscheint.

Der Band wird zudem von einer ‚In-Group’ getragen, fremde Leistungen zum Gegenstand werden nicht immer wahrgenommen. Dies gilt beispielsweise für die Literaturwissenschaft, wo es seit einiger Zeit eine respektable Erforschung des ‚ventennio nero’ gibt [1]. Es gilt auch für den Bereich der Wirtschaft, wo z.B. die Arbeiten Gustavo Cornis zur Nahrungsmittelversorgung, insbesondere der italienisch-deutsche Vergleich, nur ungenügend rezipiert werden [2]. Da die Autoren der Einzelbeiträge mit einer Ausnahme Historiker sind – Altekamp ist klassischer Archäologe -, konzentrieren sie sich allzu stark auf materielle Aspekte des Themas, auf Institutionen und ihre Organisationsverfahren, die besser nachprüfbar sind als ideologische Konzepte. Im Einzelfall wäre jedoch zu fragen, was das Aufkommen des Faschismus ermöglicht hat und wer jeweils welche Diskurse gepflegt hat [3]. Hier gibt es sicherlich einen großen Nachholbedarf, denn die deutsche Forschung ist diesbezüglich weiter als die italienische [4].

Literatur- und Sprachwissenschaft haben mit Imagologie, Identitäts- und Alteritätsforschung, Kulturanthropologie, Begriffsgeschichte u.a. mehr, um nur ein paar Sehweisen zu benennen, ein besseres Verständnis des Funktionierens faschistischer Gesellschaftssysteme ermöglicht. Insofern liefert der vorliegende Band zwar eine interessante und höchst wichtige Bestandsaufnahme, kann oder sollte jedoch Ausgangspunkt für eine immer weiter voranzutreibende und zu verfeinernde Erforschung des hier interessierenden Gegenstandes sein. Die komparatistische Betrachtung, die allerdings in den von Deutschen erfassten Beiträgen dominiert, erweist sich dabei als eine besonders taugliche Vorgehensweise, um das jeweils spezifisch Italienische oder Deutsche präzise zu erfassen. Der komparatistische Ansatz sollte sich jedoch nicht nur im bloßen Ländervergleich erschöpfen, sondern auch interdisziplinär und plurimethodisch vertieft werden.

      Anmerkungen:

1.      Stefani Arnold, Vergessene Literatur des ventennio nero. Italienische Kurzprosa zwischen 1912 und 1945 am Beispiel des frühen racconti Alberto Moravias, Bonn 1997 (mit Hinweisen auf die Arbeiten von Thomas Bremer, Susanne von Falkenhausen, Manfred Hardt, Helene Harth, Monika Kiffer, Manfred Weichmann u.a.).

2.      Gustavo Corni, „Die Agrarpolitik des Faschismus: ein Vergleich zwischen Deutschland und Italien“, Tel Aviver Jahrbücher für deutsche Geschichte 17 (1988), S. 391 – 432; Gustavo Corni / Horst Gies, Brot – Butter – Kanonen. Die Ernährungswirtschaft in Deutschland unter der Dikatatur Hitlers, Berlin, 1997.

3.      Vgl. Z.B. jetzt die Briefauswahl von Aurelio Lepre, L´occhio del Duce. Gli italiani e la censura di guerra 1940 – 1943, Milano: Mondadori 1992.

4.       Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin / New York, 2. Aufl. 1998.

 

 

 

1997

September 1997

„Frankfurter Rundschau“, 30.09.1997

 

Keine Hemmschwelle, Zivilisten zu töten

Akten zu Krieg in Italien belegen enge

Bindung der Wehrmacht an NS-Ideologie

 

Von Matthias Arning (Frankfurt am Main)

 

Die deutsche Wehrmacht hat im Zweiten Weltkrieg darauf gedrungen, dass ihre Offiziere „auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung stehen müssen“. Dies geht aus Dokumenten hervor, die der Freiburger Militärhistoriker Gerhard Schreiber zutage gefördert hat. Sie belegen auch „die Radikalisierung des Rassismus“ deutscher Offiziere.

 

Bereits die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung versetzte dem Mythos der sauberen und staatsfernen Wehrmacht tiefe Risse. Die derzeit in Marburg ausgestellte Dokumentation aber beschränkt sich auf Verbrechen während des Krieges gegen die Sowjetunion, die Ukraine und Serbien. Nun ist Militärhistoriker Schreiber, sachverständiger Zeuge im Verfahren gegen den SS-Offizier Erich Priebke, dabei, „weiße Flecken“ in anderen Regionen Europas und bei den Motiven der Soldaten zu schließen: Für die erste wissenschaftliche Gesamtdarstellung des Krieges in Italien, die als siebenter Band der vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt herausgegebenen Reihe „Das deutsche Reich und der II. Weltkrieg“ erscheinen wird, hat sich der Historiker in Archive zurückgezogen.

 

Schreiber fand dort die Notiz eines Ferngesprächs zwischen Oberst Berlin, dem ersten Generalstabsoffizier der 10. Armee und Vertreter von Stabschef General Wentzell, mit General Westphal, dem Stabschef der Heeresgruppe C. Berlin berichtet am 29. April 1944 darüber, dass die italienische Zivilbevölkerung, Frauen und Kinder inklusive, immer wieder in die Sperrzonen zurückkehrten, die die Wehrmacht entlang der sogenannten Hauptkampflinie eingerichtet hat. „Dann muss man sie einfach umlegen“, empfiehlt Westphal. „Kann man das so einfach machen?“ fragt Berlin vorsichtig. „Man muß nicht soviel darüber sprechen“, beendet Westphal den von einem Offizier protokollierten Dialog.

 

„Eine Hemmschwelle dafür, die Zivilbevölkerung zu töten, gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr“, bewertet Schreiber im Gespräch mit der FR seinen Fund, der deutlich mache, welches Ausmaß der Rassismus gegen Italiener angenommen habe – zunächst verdeckt, weil Rom 1940 noch ein Bündnispartner Hitlers war, in den folgenden Jahren dann ganz offen.

 

Ausdruck der rassistischen Einstellung ist für Schreiber etwa die Forderung von Hitlers Sekretär Martin Bormann, zwecks „Reinhaltung des deutschen Blutes“ dürfe es keine Ehen und intime Kontakte mit Italienern geben. Zu diesem Zeitpunkt, im September 1943, waren 650.000 Italiener in deutscher Kriegsgefangenschaft, der sie nur dann entkommen konnten, wenn sie sich als sogenannte Zivilarbeiter bei den Deutschen verdingten. Nach den Recherchen Schreibers entwarfen deutsche Militärobere zu diesem Zeitpunkt von Italien aus „das Ideal des politischen Soldaten“. In einem geheimen Dokument notierte Generalstabschef Wentzell am 6. Dezember 1943: „Die Front stellt vor allem folgende Forderungen an den ihr aus der Heimat zugeführten Ersatz: a. unbedingter Gehorsam; b. Härte im Ertragen von Strapazen; c. Krisenfestigkeit in schwierigen Lagen; d. unbedingte Einsatzbereitschaft bis zum letzten Atemzug und bis zur letzten Patrone. Hierzu Durchdrungensein von dem Glauben an die gerechte Sache, die Deutschland in diesem Kriege zu vertreten hat.“ Diesen Forderungen, so Wentzell, werde „nur eine drillmäßige Ausbildung im Ersatzheer bei gleichzeitiger regelmäßiger politischer Erziehung durch geeignete auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung stehende Offiziere gerecht“.

 

 

 

 

 

 

 

1994

 

September 1994

„Contraste“, 09.1994

Auf den Spuren der PartisanInnen in Norditalien

Heute noch leuchtende Augen

 

Übersetzung: Renate Back / Bericht und Interview: Sanne Kaperlat, Heike Herrberg

 

Vor 50 Jahren existierte in Norditalien die selbstverwaltete PartisanInnenrepublik Montefiorino. Bereits nach 45 Tagen wurde dieser erste demokratische Gehversuch von deutschen Truppen brutal niedergeschlagen. – Der Bericht einer Studienfahrt des BILDUNGSWERKS für Friedensarbeit, Bielefeld.

 

„Wir hatten damals kein politisches Bewusstsein, nur keine Lust, den Krieg weiterzuführen. Zu den Partisanen zu gehen, war ein Akt der Selbstverteidigung.“

 

So wie Sergio sprechen viele der alten KämpferInnen von ihrer ursprünglichen Motivation, sich zum Teil als 15-jährige den PartisanInnen anzuschließen.

 

Eine Woche lang werden wir uns auf die Spurensuche der PartisanInnen in Norditalien, in der Emilia Romagna, begeben. Wir – das ist eine Gruppe von 18 Leuten aus Bielefeld und anderen Städten, die aus ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen kommen und in dieser Woche ihren Bildungsurlaub in Italien verbringen wollen.

 

Zehn ehemalige Partisanen, heute alte Herren zwischen 65 und 80 Jahre, begleiten unsere Gruppe zunächst für drei Tage in den Appennin und frischen dort selbst alte Erinnerungen auf.

 

PartisanInnenrepublik

 

Die Emilia ist eine Region alter „roter“ Tradition, in der es schon zu Beginn des Jahrhunderts die stärkste ArbeiterInnenbewegung Italiens gab. Diese Region war Massenbasis der Genossenschaftsbewegung und Hauptschauplatz der politischen und militärischen Auseinandersetzungen zwischen „Roten“ und „Schwarzen/Faschisten“ (Bertoluccis Film „1900“ wurde hier gedreht).

 

Unsere Tour führt durch das Gebiet der ehemaligen PartisanInnenrepublik von Montefiorino. 45 Tage – von Mitte Juni bis Ende Juli 1944 – hat die selbstverwaltete Freiheit innerhalb der 20-monatigen deutschen Besatzung funktioniert.

 

1.200 qkm umfasste dieses kleine, von den PartisanInnen befreite Gebiet, dieser erste demokratische Gehversuch. An dessen Selbstverwaltungsstrukturen beteiligten sich im Laufe der eineinhalb Monate ca. 6.000 PartisanInnen, bevor 5.000 deutsche Wehrmachtssoldaten zusammen mit italienischen Faschisten in einem 3 Tage währenden Großeinsatz brutal dagegen vorgingen und alles zerstörten.

 

Den Zeitzeugen von damals ist heute noch anzumerken, mit welchem Enthusiasmus sie vor 50 Jahren für den Frieden gekämpft haben. „Wir wollten den Krieg beenden, wir wollten Freiheit. Politisiert wurden die meisten von uns erst im Laufe der Zeit.“

 

Wir halten in Monchio, einem kleinen Dorf, in dem im März 1944 deutsche und italienische Faschisten mit Kanonen, Flammenwerfern und Maschinengewehren einen Massenmord an der Zivilbevölkerung verübten. Doch die Reaktion der Bevölkerung war nicht die von den Faschisten beabsichtigte: Der Zulauf bei den PartisanInnen erhöhte sich erheblich, eine Brigade hat den Namen des Ortes bis zur Befreiung getragen.

 

   Von Monchio aus führt die Straße in Serpentinen mit 20% Steigung zum „Parco della Resistenza“ in St. Giulia. Dieser 1993 eingeweihte Widerstandspark – im Herzen der ehemaligen PartisanInnenrepublik – ist ein internationales Projekt von KünstlerInnen aus sieben Ländern, die hier in Form von 14 Steinplastiken ihre Ideen zum Befreiungskampf ausgedrückt haben.

 

Auch das Widerstandsmuseum im Schloß von Montefiorino ist – wie uns die Bürgermeisterin mitteilt – erst kürzlich eröffnet worden und deshalb noch nicht ganz vollständig.

 

Beim Anblick der Originalwaffen, -uniformen, -schreibmaschinen, -flugblätter und Sabotageanleitungen bekommt mancher alte Partisan leuchtende Augen. Dario erzählt, wie praktisch es damals war, das zusammenklappbare Gewehr der Marke X dabeizuhaben, weil man das gut verstecken konnte.

 

Frauen in der Resistenza

 

Hier im Museum ist auch den Frauen der Resistenza immerhin eine Ecke gewidmet – ein Thema, das sonst, in alter, internationaler Tradition, gern nur beiläufig gestreift wird. Wir erfahren hier von dem einzigen Partisaninnenkommando, das sich im Frühjahr 1945 mit 180 Frauen bildete.

 

   Viele italienische Frauen kämpften jedoch nicht auf der militärischen Ebene gegen den Faschismus, sondern stellten die Infrastruktur, ohne die die bewaffneten PartisanInnen nicht hätten überleben können. Frauen arbeiteten als „Staffetas“ und überbrachten Nachrichten, Lebensmittel und Kleidung, besorgten Quartiere, sondierten oft die Lage, bevor ein Angriff stattfinden sollte. Sie waren es, die sich neben ihren Widerstandsaktivitäten auch weiterhin um das Überleben der Familie kümmern mussten.

 

Unseren Eindruck, dass der Anteil der Frauen an der Resistenza nicht entsprechend gewürdigt wurde und wird, bestätigen nicht nur Simonetta, Giovanna und Angela, die zu unserer Generation der 25- bis 40-jährigen gehören, sondern auch viele der Zeitzeuginnen, die wir noch im Laufe der kommenden Tage treffen werden.

 

Eine weitere Station ist Fontanaluccia, wo es den PartisanInnen 1944 gelang, eine eigene Krankenstation einzurichten. Vorher hatten sie die Verletzten in Etappen mühsam von den Bergen in die Po-Ebene hinuntertransportieren, d.h. –tragen müssen, um sie dort von kooperierenden Ärzten in den Kellern der von den Faschisten kontrollierten Zivilkrankenhäuser operieren zu lassen.

 

Cervarolo

 

Cervarolo – unsere Ankunft in diesem kleinen Dorf, das wir am nächsten Tag nach einstündiger Wanderung erreichen, erzeugt bei dem Ehepaar, an dessen Haus wir vorbeigehen, heftige Ablehnung. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden, die sich vor dem Massaker der Deutschen, einer Vergeltungsaktion am 20. März 1944, hatten retten können.

 

„Diese jungen Deutschen kommen vielleicht in guter Absicht, aber ich bekomme schon eine Gänsehaut, wenn ich die deutsche Sprache nur von weitem höre.“ In Cervarolo wurden von der SS die anwesenden 26 Männer auf dem Dorfplatz zusammengetrieben und hingerichtet. Zwei Schwerverletzte konnten sich aus dem Leichenberg retten, da die Deutschen nach dem Inbrandsetzen der Erschossenen das Dorf sofort verließen. Eine Gedenktafel mit italienischem und deutschem Text, die eine Berliner Gruppe Ende der 80er Jahre spendete, wurde in Cervarolo gegen den Widerstand der Dorfbevölkerung vom Partisanenverband angebracht. Die EinwohnerInnen hatten kein Wort der verhassten Sprache in ihrem Ort dulden wollen.

 

„Ich habe heute noch Herzklopfen, wenn ich Euch davon erzähle“. Während Giuseppe, der Präsident des Partisanenverbandes spricht, werden in den Häusern am Platz um uns herum die Fensterläden geschlossen. Hier erleben wir zum ersten Mal nicht die Herzlichkeit und Offenheit, die uns in diesen Tagen immer entgegengebracht wird und uns oft schon mit Beschämung erfüllt.

 

Tee oder Tabak

 

Wir haben inzwischen wieder einige Höhenmeter überwunden und stehen an der Stelle, wo im Mai 1944 der erste Fallschirmabwurf seitens der alliierten Engländer für die PartisanInnen stattfand. Außer Waffen gab’s auch Schokolade, Handtücher, Seife und Tee, den die PartisanInnen zunächst für Tabak hielten, da die meisten von ihnen aus armen Familien kamen und Tee nicht kannten. „Aber auch gekocht schmeckte er uns nicht“ erzählt Roberto amüsiert ihre damaligen Erlebnisse, „den können die Engländer behalten“. Die Gedenktafel, die 1986 hier zwischen den Bäumen aufgestellt wurde, war im letzten Jahr Ziel eines Neonazi-Angriffs und ist erst seit einer Woche wieder hergestellt. Im Bus übersetzt uns ein Zeitzeuge später einen Zeitungsartikel über den aktuellen Skin-Aufmarsch vom 23. Juli 1994 in dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald.

 

Die Unterstützung der PartisanInnen durch die Alliierten dauerte nicht lange. Im Winter 1944/45 wurde sie völlig eingestellt, da die Engländer und Amerikaner Angst hatten, die kommunistischen Partisanenverbände könnten nach Beendigung des Krieges eine zu starke Kraft in Italien werden. „Truman hat gesagt, er hoffe, dass der letzte kommunistische Partisan im Kampf mit dem letzten Faschisten fällt“, erinnert sich einer der Genossen.

 

Kontinuitäten

 

In den 50er Jahren wurden viele ehemalige PartisanenkämpferInnen Opfer von Verhaftungen, weil sie z.B. Streiks zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der ArbeiterInnen anführten. Jahrelange Untersuchungshaft war zum Teil die Reaktion auf diese Proteste.

 

„1960, als die Christdemokraten in die Allianz mit den Faschisten gegangen sind, gab es fünf Monate lang den Zustand, dass die Leute ständig auf der Straße waren, dass sie verhaftet und geschlagen wurden, dass Leute auf der Piazza erschossen wurden, es war nahezu ein Volksaufstand“, erzählt uns eine Zeitzeugin. Bei einer großen Demonstration im Juli 1960 gegen die Etablierung des faschistischen Bündnisses wurden auf der Piazza in Reggio Emilia fünf Menschen erschossen, darunter drei, die die Resistenza überlebt hatten. Die Umstände der Ermordung legten damals die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um gezielte Morde gehandelt hat. Dass die Zeit der Resistenza und die Erfahrungen der PartisanInnen sich kaum in den Geschichtsbüchern wiederfinden, wie Antonio, der junge Historiker aus Reggio Emilia uns erzählt, versteht sich da fast von selbst.

 

In Ligonchio haben wir als „Deutsche Delegation“, wie wir überall empfangen werden, endlich die Gelegenheit, mit Frauen aus der Resistenza persönlich zu sprechen.

 

„Wir Frauen hatten ja damals nicht nur den Kampf gegen den Faschismus zu führen, sondern auch den gegen unsere Benachteiligung“ erzählt Giaconda. Mit dem Ziel der Gleichberechtigung für Frauen wurden die „gruppi di difesa della donna“ (Frauenverteidigungsgruppen) gebildet. Aber die politische Arbeit in den Frauenverteidigungs- und in den Versorgungsgruppen wurde nach dem Krieg nicht als Arbeit in der Resistenza anerkannt. Voraussetzung für diese Anerkennung war unter anderem die Beteiligung an drei bewaffneten Aktionen. Für viele Frauen bedeutete das, auf die finanzielle Entschädigung, die es für ehemalige PartisanInnen gab, verzichten zu müssen (vgl. Interview).

 

Widerstand in der Po-Ebene

 

Zurück in Reggio Emilia, dem Ausgangspunkt unserer Spurensuche, erkunden wir am nächsten Tag die Po-Ebene mit dem Fahrrad. Das Wissen einiger TeilnehmerInnen um die Geheimnisse des Reifenflickens erweist sich auf unserem Weg in das 15 km entfernte Campegine mehrmals als sehr nützlich. Unser Ziel ist der Cervi-Hof, wo wir mit überlebenden Frauen der Cervi-Familie zusammentreffen. Die sieben Söhne wurden im Dezember 1943 hingerichtet, weil sie sich geweigert hatten, die obligatorische Lebensmittelabgabe an das faschistische Regime zu leisten und als eine der ersten aus der Region als Partisanen in die Berge gingen.

 

Ein Teil des Hauses ist heute als Museum gestaltet und beeindruckt durch eine Fülle von Dokumentationsmaterial. Die anwesenden Frauen, u.a. Maria, die Tochter eines der ermordeten Brüder, mit denen wir nachmittags im Garten zusammensitzen, wollen von uns wissen, wie der Widerstand unserer Familien im Faschismus ausgesehen hat. Leider kann niemand von uns eine/n WiderstandskämpferIn in der Familie vorweisen, vielmehr waren/sind die meisten von uns mit dem (bekannten) Phänomen konfrontiert, dass niemand unserer älteren Verwandten etwas gewusst haben will. „Im Gegensatz zu dem, wie Ihr die Situation hier erlebt hat, war es bei uns überhaupt nicht selbstverständlich Leute zu verstecken, und heute erst wird das Tabu der vielen Denunziationen von Seiten der Zivilbevölkerung gebrochen“, sagt eine Teilnehmerin. Unsere positive Einschätzung des italienischen Widerstands dämpft eine der anwesenden Zeitzeuginnen, denn „hier war auch nicht alles so gut, schließlich konnte sich Mussolini 20 Jahre halten. Der Massenwiderstand hat hier auch erst 1943 angefangen.“ Und der anwesende ältere Genosse ergänzt, dass Reggio Emilia als „rote Provinz“ schließlich nicht repräsentativ für ganz Italien ist.

 

Die Frauen verabschieden sich gegen Abend, da sie in die Küche zum örtlichen Unita-Fest müssen. Das traditionelle Fest der kommunistischen Partei, die sich seit der „Wende“ PDS (Demokratische Partei der Linken) nennt, bildet auch für uns den Abschluss dieses eindrucksvollen Tages.

 

LA STORIA DELLA RESISTENZA

 

Eine weitere Station ist das Geschichtsinstitut von Reggio „INSTITUTO PER LA STORIA DELLA RESISTENZA E DELLA GUERRA DI LIBERAZIONE“, das 1967 gegründet wurde, um den Befreiungskampf der 40er Jahre zu dokumentieren. Heute wird es eher zu Forschungszwecken genutzt. Es gehört zu einem Verbund von insgesamt 65 Instituten verschiedener Landkreise in Mittel- und Norditalien, die den Schwerpunkt „Resistenza“ haben und außerdem zur allgemeinen Zeitgeschichte arbeiten.

 

In Reggio existiert neben dem umfangreichen Archiv (250 Ordner und 7.000 Bücher) auch eine Fotothek, es werden regelmäßig ein Jahresalmanach zu Forschungsarbeiten bzgl. Regionalgeschichte herausgegeben, Weiterbildungsmaßnahmen mit LehrerInnen und Schulen durchgeführt, Diplomarbeiten betreut sowie Kongresse veranstaltet.

 

Begrüßt werden wir von Massimo, dem Direktor des Institutes und Mitglied in der Gruppe junger Historiker. Außerdem treffen wir noch jüngere Leute aus zwei Gruppen; bei diesem Termin soll es um antifaschistische Arbeit heute gehen. Die AktivistInnen einer Jugendgruppe innerhalb der anarchistischen Föderation begreifen ihren Schwerpunkt in der kulturellen Arbeit: „Das Problem ist nicht die politische Rechte, sondern die kulturelle Rechte“, ... „denn Berlusconi’s Propaganda kommt unkommentiert per Fernsehen jeden Abend in alle Wohnzimmer“. Dem erstarkenden Patriotismus wollen sie Internationalismus entgegensetzen und leben u.a. auch mit Flüchtlingen zusammen. Während der großen Schulstreiks im vergangenen Jahr holten sie im Rahmen einer selbst organisierten Aktionswoche ZeitzeugInnen der Resistenza in die Schule.

 

   Trotz vieler gegenseitiger Abgrenzungsbemühungen sind sich die VertreterInnen der Gruppen einig, dass so etwas wie ein „antifaschistischer Konsens“ in Norditalien quer durch alle Parteien (ausgenommen der neofaschistischen MSI/AN) existiert. Diese Meinung wird auch in den zahlreichen Diskussionen mit den ZeitzeugInnen immer wieder formuliert. „Die Erfahrungen von Resistenza und Faschismus sind so prägend, dass sich eine antifaschistische Grundhaltung nicht so leicht verändern lässt.“ – Schwer nachzuvollziehen, gehen wir von unseren Informationen über Lega Nord und Forza Italia aus.

 

Eine junge Frau räumt ein, dass der Mythos „Stark sein“ als Konzept von den Rechten vertreten werde, somit sei es bei den Jüngeren „modisch, rechts zu sein“. Die Linke habe nichts entgegenzusetzen und „viele von uns haben das Grauen des Krieges nie erlebt“.

 

Welche Bedeutung dieser Krieg für die PartisanInnen hatte, haben wir in dieser intensiven Woche erfahren. Für alle TeilnehmerInnen waren die persönlichen Begegnungen sehr beeindruckend, ebenso wie die Herzlichkeit und das Vertrauen, das uns die ZeitzeugInnen entgegengebracht haben. Wir hoffen, dass wir uns nicht zum letzten Mal begegnet sind! >WEITERER BERICHT

 

 

 

 

 

Interview /

„Ohne den Widerstand der Frauen

wäre der Faschismus nicht besiegt worden“

 

Auszüge eines Interviews von Reiseteilnehmerinnen mit Priama, 56 Jahre, in Reggio Emilia, Juli 1994.

 

Wie würdest Du die Rolle der Frauen in der Resistenza beschreiben?

Die Frauen hatten eher eine untergeordnete Rolle, in dem Sinne, dass sie keine oder kaum Entscheidungspositionen besetzt haben. Aber das heißt nicht, dass sie nicht eine ausgesprochene wichtige Funktion hatten. Ohne die Frauen in der Resistenza, da bin ich mir sicher, wäre der Faschismus nicht besiegt worden.

In dem Moment, in dem der Partisanenkampf anfing, hat die Frau eine aktive Rolle in der Politik übernommen, was vorher nicht der Fall war ... Die Frauen haben damals 1943 z.B. eine große Demonstration hier organisiert für Brot, Frieden und Freiheit, an der sehr viele Menschen teilgenommen haben ... Ab dem 8. September 1943 haben viele Frauen sich selbst organisiert und z.B. Deserteuren aller politischen Richtungen geholfen, Zivilkleidung zu bekommen, was damals sehr schwierig war.

 

Was war Deiner Meinung nach der charakteristische Unterschied zwischen dem Widerstandskampf der Frauen und dem der Männer?

Die Rolle der Frau war eine ganz andere als die der Männer. Die Männer sind entweder in den Wald gegangen oder in die Berge, und dann waren sie ganz bei den Partisanen. Sie sind also rausgegangen aus ihrer sozialen Umgebung.

Die Frauen hatten dagegen ein Doppelleben auszuhalten: Sich selbst zu schützen, aber auf keinen Fall aufzufallen gegenüber ihren Kindern, ihren Eltern, Verwandten, Nachbarn etc. Die Frauen mussten also ständig wechseln zwischen der Welt der Partisanen und ihrem Familien- und Arbeitsumfeld, dem illegalen und dem legalen Leben. Im Extremfall war es so wie bei zwei Schwestern, die ich kannte, die beide bei den Partisanen waren und dies nicht voneinander wussten.

 

Gab es Gewalt von Seiten der Männer gegenüber den Frauen in den PartisanInnengruppen?

Ich weiß nicht, was an sexueller Gewalt zwischen den Partisaninnen und Partisanen vorgekommen ist. Ich habe es immer eher als Kameradschaft gesehen, aber tatsächlich weiß ich es nicht. Aber jeder  Frau, die in die Resistenza ging und damit aus der traditionellen Rolle fiel, war klar, dass sie damit sich und ihren Körper einsetzte und mit Vergewaltigungen zu rechnen hatte. Sie setzte damit teilweise ihre Jungfräulichkeit aufs Spiel, die ja damals auch noch einen sehr hohen Stellenwert hier in Italien hatte.

 

Was meinst Du, warum die Frauen von sich aus so wenig über ihren Kampf in der Resistenza sprechen?

Das Schweigen der Frauen hängt damit zusammen, dass die meisten nach der Befreiung wieder in ihren Privatbereich zurückgegangen sind. Viele, wie z.B. auch meine Mutter, konnten weder lesen noch schreiben und von daher auch ihre Erinnerungen nicht festhalten. Frauen haben oft völlig isoliert ihren Widerstand geleistet im Gegensatz zu den Männern, die in den Partisanengruppen ihren Rückhalt hatten.

 

Wie war der Umgang mit den ehemaligen PartisanInnen nach Kriegsende?

Nach dem Krieg ist ein Gesetz erlassen worden, das den Partisanen eine bessere Pension zubilligte oder den Verwandten der Gefallenen eine Entschädigung. Und in diesem Gesetz waren Männer und Frauen gleichgestellt.

 

Aber viele Frauen haben sich doch gar nicht als Partisaninnen registrieren lassen?

Ja, das stimmt. Da ist die Mentalität wohl unterschiedlich.

 

Wie geht es Dir angesichts der aktuellen politischen Situation in Italien, angesichts des Einzugs der Faschisten ins Parlament?

Ich habe sehr viel Angst und ich hoffe, dass die vier Jahre, die dieses Parlament an der Macht ist, so schnell wie möglich vergehen. Ich fürchte für Europa, dass der Rassismus immer schlimmer wird. Aber wenn sich eine faschistische Diktatur hier wieder etablieren sollte, werde ich die Geschichte meiner Mutter, die damals sehr aktiv Widerstand geleistet hat, weiterführen und alles mir Mögliche dagegen unternehmen. Das Schlimme für mich persönlich ist, dass die Kommunistische Partei damals sehr stark war, aber heute am Boden liegt. Ich habe damit meine politische Heimat verloren.

 

Wie erklärst Du dir die wachsende Popularität der Faschisten hier in Italien?

Die Gründe für die Wahlsiege liegen meiner Meinung in den immensen Korruptionsskandalen, die aufgeflogen sind und in die auch die Sozialisten stark verwickelt sind.

Die Leute haben zu den linken Parteien kein Vertrauen mehr. Obwohl ich sagen muss, dass die „roten“ Regionen, wie die Emilia oder die Toskana, am besten in Italien funktionieren.

Hier gibt es die besten Sozialversorgungen, und die Leute, die aus dem Süden, z.B. aus Neapel hochkommen, kommen, um hier Arbeit zu suchen. Die linken Regierungen haben hier ein gutes soziales System aufgebaut und ich wüsste nicht, was mir hier fehlt. Hier kann man gut leben.

 

 

 

 

 

 

Juli 1994

 

„1999 – Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts“, Heft 3/94, 07.1994

                                                                                                         

Jonathan Steinberg, Deutsche, Italiener und Juden –

Der italienische Widerstand gegen den Holocaust,

Steidl Verlag, Göttingen 1992, 373 Seiten, 38,-- DM

 

Heinrich Senfft

 

Spät, hoffentlich nicht zu spät, ist von einem höchst aufregenden, faszinierenden Buch zu berichten, von einem Geschichtsbericht der besten anglo-amerikanischen Tradition, in der sich kein Historiker verdächtig macht, weil er gut und unterhaltend zu schreiben versteht. Das Buch handelt vordergründig aber gründlich genug – vom Schicksal vergleichsweise weniger Juden in Jugoslawien, Frankreich und Griechenland, die die Italiener in nicht verabredeter, spontaner Einmütigkeit vor der Vernichtung durch die Deutschen zu schützen gesucht haben. In Jugoslawien waren es knapp zweieinhalbtausend Menschen, in Frankreich etwa siebentausend, die die Italiener den Deutschen hartnäckig nicht auslieferten, seit sie wussten, dass diese Menschen ermordet werden sollten. Da machten sie auch keinen Unterschied, ob es sich um italienische oder Juden anderer Nationalitäten handelte. Jonathan Steinberg ist – man mag das Wort in diesem Zusammenhang kaum aussprechen – ein Erzähler von so hohen Graden, dass man sein Buch nicht mehr aus der Hand legen kann, ehe es zu Ende ist, obwohl doch jeder weiß, dass es schlecht ausgeht, schlecht für die Juden.

 

Steinberg ist ein Amerikaner, der 1956 als Soldat in Bremerhaven landete und von Europa so fasziniert war, dass er sofort deutsch und italienisch lernte, Historiker wurde und sich derart auf den Krieg in Jugoslawien und im Mittelmeerraum konzentrierte, dass ihm sein Buch etwas aus den Fugen geriet. In Wahrheit schildert er Italiens Anteil am zweiten Weltkrieg, dessen historische Disposition und Beziehung zu Deutschland so ausführlich, dass daraus ein historisches Schlachtengemälde, ein italienisch-deutsches Psychogramm entstanden ist. Es fällt, man muss es gleich sagen, zugunsten der Italiener aus, und über die deutschen Brutalitäten, von denen Steinberg auf fast jeder Seite zu berichten hat, wird einem so übel, dass man nur hoffen kann, dieses Deutschland habe sich in der Zwischenzeit geändert oder wenigstens so viel dazugelernt, dass man sich nicht mehr fürchten muss. Deshalb ist auch der Titel der englischen Ur-Ausgabe der wirklich treffende: „All or Nothing – The Axis and the Holocaust 1941 – 1943“, weil er deutlich macht, dass es für beide Diktatoren, Hitler wie Mussolini, nur das eine oder andere geben konnte, denn sie wussten: jeder Kompromiss, jeder Sonderfriede, der allerdings schon bald gar nicht mehr denkbar war, hätte Faschismus wie Nationalsozialismus gleichermaßen sogleich von der Szene gefegt.

 

Steinbergs Sympathie gilt den Italienern – und dafür gibt es mehr als einen Grund. Wahr ist, dass die italienischen Streitkräfte bis zum Waffenstillstand am 8. September 1943 und dem damit besiegelten Ende der Achse Berlin-Rom keinen unter ihrem Schutz stehenden Juden an die Deutschen oder die – in diesem Zusammenhang auch übel abschneidenden Franzosen oder Kroaten – auslieferten. Die Steinbergsche Grundfrage lautet: Warum retteten italienische Diplomaten und Soldaten die Juden, während die deutsche Wehrmacht bei ihrer Vernichtung half? Hannah Arendts Erklärung, es sei die italienische, „fast automatisch gewordene, alle Schichten erfassende Humanität eines alten und zivilisierten Volkes“, ist Steinberg zu einfach. Seine Antworten am Ende des Buches fällt kaum anders, aber detaillierter aus: „Italienische Offiziere verhielten sich so wie sie sich verhielten, weil sie in einer traditionellen, monarchistischen, liberalen, gebildeten, freimaurerischen,  philosemitischen und antifaschistischen Armee dienten. Die Berufsdiplomaten, auch wenn sie aus der faschistischen Bewegung kamen, teilten ihre Wertvorstellungen, und außerdem stand im Hintergrund immer noch die Kirche. Je schlimmer der Krieg wurde, desto mehr verteidigten sie die  Werte der Civiltà italiana gegenüber den monströsen Forderungen ihrer Achsenpartner. Deutsche Offiziere handelten so wie sie handelten, weil die Tradition des Gehorsams und der Starrheit des Denkens jedes andere Handeln undenkbar machte, will 1941 – 1942 Hitlers Ideologie mit ihren eigenen Vorurteilen und Meinungen verschmolzen war ... „ Hinzu kam, dass „Mussolini auch am Ende noch immer eine menschliche Stimme hören und darauf reagieren konnte“.

 

Dieses niederschmetternde, aber kaum überraschende Untersuchungsergebnis begründet der Autor auf über 300 Seiten, denen man in jeder Zeile anmerkt, welche Forschungsarbeit ihnen zugrunde liegt. Steinberg verschweigt nicht, dass es italienischen Sozialisten, Gewerkschaftern, Liberalen, Äthiopiern, spanischen Dorfbewohnern, slowenischen Zivilisten und anderen keineswegs so gut wie den Juden ging. Bei den Slowenen z.B. erklärt Steinberg das so: „Die Juden stellten eindeutig keine militärische Bedrohung der politischen Ambitionen der Italiener dar. Bei den Slowenen hingegen war genau das ebenso eindeutig der Fall“; die italienische Behandlung slowenischer Zivilisten sei eine „normale“ Reaktion einer Besatzungsarmee gewesen, „die von einem Guerillakrieg frustriert ist“. Insgesamt aber waren die Juden „für viele Italiener auf eine tiefe, nicht immer sehr deutliche Weise zu einem Symbol für den Hass und den Abscheu geworden, die sie nun für ihre deutschen Verbündeten empfanden“. Quelle der italienischen Menschlichkeit waren freilich auch die Untugenden: „Unordnung, Ungehorsam und Menefreghismo (Wurstigkeit) im italienischen öffentlichen Leben“, Durchtriebenheit (Furberia), Korruption und Gleichgültigkeit. Selbst die Armee konnte ihre eigenen Befehle nicht durchsetzen, und so liest man nicht ohne Heiterkeit die Eintragungen in Marschall Cavalleros stenographischem Bericht vom 14. Januar 1943: er empfängt den Unterstaatssekretär im Kriegsministerium, Scuero, und den Stabschef der Armee, Ambrosio, zum „Thema – Unterdrückung der Gewohnheit, Befehle nicht zu befolgen“.

 

Das ist umso weniger zum Lachen, wenn Steinberg berichtet, er habe kein einziges Dokument, nicht einmal ein privates gefunden, in dem ein deutscher Militär, ob Offizier oder Unteroffizier „auch nur die geringste Sympathie mit dem Verhalten der Italiener gegenüber den Juden geäußert hätte, während in italienischen Dokumenten insbesondere Worte wie `ethisch` dauernd auftauchen“. „Die Deutschen“, berichtet Steinberg, „erschreckten die Italiener immer wieder mit Äußerungen von unerwarteter Brutalität. Göring schlug bei einem seiner Besuche in Rom den Außenminister Grafen Ciano vor, Roatta solle „Mihailowic gelegentlich zum Frühstück einladen und ihn hinterher aufhängen ... Graf Ciano antwortete, der kommandierende General der Armee habe nie auch nur den kleinsten Kontakt zu Michailowic gehabt; abgesehen davon `gehöre es nicht zu seinen Eigenarten, seine Gäste zu erhängen´“.

 

Steinberg versteht es aber auch, den Leser immer wieder zu amüsieren – freilich nur mit italienischen Geschichten. Beim Treffen Hitler / Mussolini am 19. Januar 1941 ist Graf Ciano entsetzt, weil der Generalstabschef Alfredo Guzzoni mit von der Partei ist: es sei „demütigend, den Deutschen einen so kleinen General mit einem so dicken Bauch vorzustellen und noch dazu mit gefärbten Haaren“. Das noch Schlimmere war: Der General hatte auch eine ungarisch-jüdische Geliebte, die „defätistische Bemerkungen“ machte, der Karriere des Militärs aber nicht geschadet hatte. Unvergesslich auch die Schilderung der miserablen Kampfkraft und Ausrüstung der Italiener in Südfrankreich: „Die 4. Armee hat keine Flieger, keinen Marineschutz, keine schwere Artillerie, keine Flak. Es fehlt ihr außerdem an Zement und Eisen, um Befestigungen durchzuführen“, heißt es im Reisebericht eines deutschen Generals vom Februar 1943. Als die Deutschen allerdings Zement und Eisen lieferten, verwendeten die Italiener sie offenbar für etwas ganz anderes: für Straßensperren. Der deutsche General Freiherr von Neubronn hatte „den Eindruck, dass diese merkwürdigen Anlagen gegen uns Deutsche gerichtet waren, zumal auch die Wagen deutscher Offiziere oft an diesen Stellen aufgehalten und kontrolliert wurden“. So wird es wohl gewesen sein.

 

Sonst gibt es in diesen Buch nicht viel zu lachen. Wenn man davon absieht, dass Mussolini von jeder Unterredung mit Hitler „berauscht“ zurückkehrte und nichts von dem vorgebracht hatte, was er eigentlich hatte sagen wollen oder sollen. Trostlos sind vor allem die Passagen, bei denen einem die Gegenwart sofort einfällt: am 6. April 1941 marschieren die Deutschen in Jugoslawien und Griechenland ein – und schon am 10. April lassen sie den unabhängigen Staat Kroatien ausrufen, während Serbien der deutschen Militärverwaltung mit der OKW-Weisung unterstellt wird, die Serben und ihre Offiziere sollten „ausgesucht schlecht behandelt werden“. Das lassen sich die Deutschen ebenso wenig zweimal sagen wie sie mit großen Vergnügen dem mordenden Treiben der Kroaten zusehen. „Kroatien“, so schreibt Steinberg, „schloss sich der nationalsozialistischen Neuen Ordnung an und kam seinen Verpflichtungen bereitwillig nach“. Und als die anderen Völker Jugoslawiens sich zu wehren begannen, befahlen die feinen deutschen Wehrmachtsherren und –marschälle die gnadenlose Vergeltung: „es ist fast, als hätte eine Art Zentrifugalkraft die deutschen Kommandeure von der Mittelachse unserer gemeinsamen Humanität fortgeschleudert. Sie übertrafen einander an Brutalität und Repressionsmaßnahmen ... „ Kein Wunder, dass die Bevölkerung bei den milderen Italienern Schutz suchte, die wussten, dass Politik und Kriegsführung „besonders in Angelegenheiten des Balkan sich nicht trennen“ ließen.

 

Als die Italiener erfuhren, dass die Deutschen die Juden systematisch vernichten wollten, wuchs ihr Widerstand. Man kann Steinberg nur zustimmen, wenn er schreibt, die Reaktion der italienischen Verantwortlichen sei „ein Kapitel des Ruhmes in der Geschichte des modernen Italiens“ – nicht zuletzt, wenn man erfährt, dass sich die Deutschen „nach langem Feilschen“ von den Kroaten für jeden deportierten Juden auch noch 30 Reichsmark haben zahlen lassen. Es war keine „große Verschwörung zur Veränderung“ der Staatsführung: „Die italienischen `Widerständler` konnten es einfach nicht über sich bringen, so unmenschlich zu handeln, wie es ihre Verbündeten forderten.“ Dies geschah vor allem durch „eine tief in der italienischen Bürokratie verwurzelte Taktik: nichts zu tun, und das auf möglichst offiziöse Weise“ – und mit vielen verschleiernden Worten; die „Pertinenza“, die Zugehörigkeit der festgehaltenen Juden sollte festgestellt werden, teilte man den ungeduldigen und gereizten Deutschen mit – und das dauerte eben seine Zeit. So machten es die Italiener nicht nur in ihrer jugoslawischen Besatzungszone, sondern auch in Griechenland und später in dem ihnen zugewiesenen Teil des ursprünglich nicht besetzten Teils von Vichy-Frankreich: „Ansehen, Menschlichkeit und Eigeninteresse verschmolzen in der italienischen Entschlossenheit, sich nicht am Massenmord an den Juden zu beteiligen.“ Das ist die Kehrseite der ebenso trostlosen wie zutreffenden Feststellung. Hitler hätte sein großes Verbrechen ohne den allgegenwärtigen, weitverbreiteten und grundsätzlichen deutschen Antisemitismus nicht ausführen können. Der Kampf gegen Juden und Sozialisten hatte in der deutschen Innenpolitik nicht erst seit Bismarcks Abgang integrierende Funktion gehabt. Im „jüdischen Bolschewismus“ hatten die Nazis diese Gruppen zu einem einzigen Feind zusammengefügt. Die Italiener waren davon ohne Ende schockiert. Das stenographische Protokoll notierte über den Grafen Vitteti, den Generaldirektor für europäische und mediterrane Angelegenheiten im italienischen Außenministerium, zu Ribbentrops Besuch am 25. Februar 1943 in Rom und zur Besprechung der „Judenfrage“: „Bismarck (Fürst Otto von Bismarck, Gesandter an der Deutschen Botschaft in Rom) gegenüber, antwortete Vitteti, habe ich geäußert, dass sein Großvater sich geschämt haben würde, Fragen wie diese zu diskutieren, worauf er entgegnete, dass ich recht hätte.“ Das reichte für Bismarck, den Bundestag als CDU-Abgeordneter als rettendes Ufer zu erreichen, aber viel war dafür in den 50er Jahren ohnehin nicht nötig, für die meisten war die Schwelle noch niedriger.

 

Wie besessen jagten die Deutschen durch Europa, um auch den letzten Juden aufzuspüren – gerade so, als hätten sie nach Stalingrad, dem Fall Nordafrikas und der alliierten Landung auf Sizilien keine anderen Sorgen: In Wahrheit waren deren und des „Bolschewismus“ Vernichtung immer die einzigen Kriegsziele Hitlers gewesen. Die Italiener dagegen waren nicht bloß ohne ausreichende Vorbereitung in den Krieg gegangen, sie wussten noch nicht einmal, warum. Kein Wunder also, dass der italienische Krieg und der Faschismus in Unlust und Chaos endeten; der faschistische Minister Guiseppe Bottai hatte schon im Dezember 1942 in seinem Tagebuch notiert: „Das Drama eines Regimes beginnt, wenn es nicht mehr in der Lage ist, die Wahrheit zu finden und endet, wenn es nicht mehr den Willen hat, sie zu suchen. Die Frage ist nur, ob wir in der ersten oder der zweiten Phase sind.“ Das war im September 1943 keine Frage mehr, als Mussolini abgesetzt war und Italien kapituliert hatte. Nur konnte es von da an die Juden nicht mehr vor den Deutschen schützen. Unter der Marionetten-Regierung der „Italienischen Sozialrepublik von Salò“ gewannen endlich auch die italienischen Judenfresser die Oberhand: Polizei und Militär holten Juden und steckten sie in das italienische Konzentrationslager Fossoli – oder sie halfen den Deutschen, Juden aufzuspüren und in die Todeslager zu schaffen.